Der erste gewählte Lüner Bürgermeister nach dem Krieg hatte ein CDU-Parteibuch. Das hatte sich seit 1946 zwar nicht wiederholt. Ein rotes Bollwerk ist Lünen aber auch schon lange nicht mehr.

Lünen

, 13.07.2020, 16:51 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über die Kurt-Schumacher-Straße und die Konrad-Adenauer-Straße lässt sich das Zentrum Lünens beinahe umrunden. Nach links geht es über die Straße, die den Namen des ersten SPD-Vorsitzenden nach dem Krieg trägt. Und nach rechts über die Straße, die Schumachers Gegenspieler bei der CDU gewidmet ist: dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik. Welche Richtung hat Lünen mehr geprägt seit der ersten Kommunalwahl 1946?

Der Name des zentralen Platzes in der Mitte der Stadt, vorm Rathaus, kann einen Hinweis geben: Willy-Brandt-Platz. Der Platz ist benannt nach dem vierten Kanzler der BRD: einem Sozialdemokraten, herausragenden Staatsmann und Friedensnobelpreiträger - jemand, der über die Parteigrenzen hinweg Verehrung erfährt. Das ist auch gut so. Denn die Zeiten sind vorbei, als das Ruhrgebiet aus Tradition rote Herzkammer war. Und als sich die Wählerschaft fest in politischen Lagern verordnen ließ. Auch in Lünen.

Angefangen hat es ohnehin nicht mit Rot. Die erste freie Kommunalwahl in Lünen endete 1946 mit einem Kuriosum. Die SPD ging zwar mit 45,4 Prozent der Stimmen als stärkste Kraft hervor, gefolgt von der CDU mit 38,5 Prozent und der kommunistischen KPD (13,5 Prozent), die erst 1956 für verfassungswidrig erklärt wurde. Trotzdem: Die CDU erhielt 16 Sitze im ersten Stadtparlament und stellte mit dieser Mehrheit den Oberbürgermeister: Wilhelm Hüsing. Die SPD erhielt dagegen nur 13 Sitze: kein Rechenfehler.

Als die Wähler noch drei Stimmen hatten

Geschuldet war dieser Effekt dem damaligen Wahlsystem. Jeder Wahlberechtigte hatte damals drei Stimmen, die er und sie beliebig auf alle Kandidaten verteilen konnte. Es wurde nicht nach den Mehrheiten der Stimmen entschieden, sondern es gab eine Kombination aus Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht: Direkt gewählte Kandidaten zogen in den Stadtrat, der Rest wurde nach dem Verhältniswahlrecht in den Stadtrat entsandt.

Nach der Einführung des Verhältniswahlrechts zur nächsten Wahl 1948 änderten sich die Verhältnisse. Die SPD erhielt nicht nur die Mehrheit der Stimmen, sondern auch der Sitze - und ließ sie sich erst einmal nicht wieder nehmen. Auch wenn es 1952 zumindest zu einer Pattsituation kam, als die SPD 18 der damals 36 Sitze erhielt. Zu einer echten Zäsur kam es erst 1999.

Die erste Zäsur: SPD verliert 1999 die Mehrheit im Rat

Bei der ersten Kommunalwahl nach der Wende unterlag die SPD den Christdemokraten knapp: 45,9 Prozent für die CDU, 44 für die SPD: eine Zäsur. Denn alle 51 Jahre zuvor hatten die Sozialdemokraten die Mehrheit im Rat gestellt. Auf dem Bürgermeisterstuhl blieb trotzdem ein Sozialdemokrat sitzen.

Erstmals durfte 1999 das Wahlvolk direkt die Bürgermeister und Oberbürgermeister in NRW bestimmen. Zuvor war das eine indirekte Wahl - durch den jeweiligen Stadtrat. Die Lünerinnen und Lüner ließen sich gerne auf die neue Chance der Personenwahl ein. Sie wählten einen SPD-Mann zum Bürgermeister - aber nicht den SPD-Kandidaten.

Christina Dörr-Schmidt, Bürgermeisterin Lünens seit 1994, verlor die Wahl gegen ihren Konkurrenten Hans Wilhelm Stodollick. Der war ohne Unterstützung seiner eigenen Partei angetreten und landetet mit beinahe zehn Prozentpunkten vor seiner Rivalin aus der eigenen Partei.

Stodollick gewinnt Wahlen mit und ohne SPD

Hans Wilhelm Stodollicks Verhältnis zur SPD blieb schwierig. Er trat bei der nächsten Kommunalwahl erneut als unabhängiger Kandidat an. Wieder stellte die SPD einen eigenen Kandidaten auf - mit ernüchterndem Ergebnis. Stodollick baute seinen Vorsprung im Wahljahr 2004 aus. Er verfehlte schon im ersten Wahlgang gegen drei Mitbewerber von CDU, SPD und STATT-Partei nur knapp die absolute Mehrheit mit 46,66 Prozent der Wählerstimmen. In der Stichwahl ließ er seine zweitplatzierte Kontrahentin Annette-Maria Droege-Middel von der CDU weit hinter sich.

Dieses Signal des Wählerwillens hatte auch bei den Sozialdemokraten für Respekt gesorgt. Sie suchten nicht mehr nach Herausforderern, sondern unterstützten Stodollick. Zu seiner dritten Wahl trat er 2009 erstmals auch als Kandidat seiner Partei an, und setzte sich mit 49,86 Prozent der Stimmen gegen drei Mitbewerbern durch.

Die zweite Zäsur: Verlust des Chefsessels im Rathaus nach 67 Jahren

Seit 2015 sitzt auf dem Chefsessel im Rathaus kein SPD-Mitglied mehr. Am 13. September 2015 und in der darauf folgenden Stichwahl am 27. September ließ der Kandidat der neugegründeten Wählergemeinschaft Gemeinsam für Lünen (GFL), Jürgen Kleine-Frauns, seinen SPD-Kontrahenten Rolf Möller mit 63,32 Prozent der Stimmen weit hinter sich.

Bis 1999 waren es nahezu nur drei Parteien, die die Ratssitze unter sich aufteilten: bis 1984 war die FDP die dritte Kraft, danach nahmen die Grünen diese Rolle ein. Kurz vorm Millennium wurde es bunter im Ratssaal. Die Grünen erhielten drei Sitze, und FDP und erstmals auch die STATT-Partei je einen.

Im aktuellen Rat ist es noch bunter: Neun verschiedene Parteien und Wählergemeinschaften gestalten Lünens Politik. Die GFL ist mit acht Sitzen hinter SPD (21) und CDU (11) drittstärkste Kraft, gefolgt von den Grünen mit vier Sitzen. Die Freien Demokraten haben noch drei Mandate, die Links-Fraktion hat zwei. Freie Wähler, die seit 2004 im Stadtrat vertreten sind, und Piraten sind mit jeweils einem Sitz vertreten. Sie bilden eine Fraktionsgemeinschaft.

Nach dem Austritt der Ratsmitglieder Hans-Peter Bludau und Helmut Rosenkranz aus der GFL entstand mit der Bürger-Gemeinschaft Lünen die neunte politische Gruppierung im Rat. Hubert Groth schließlich (früher SPD) gehört dem Stadtparlament als fraktionsloses Mitglied an.

Eine Gruppe hat zuletzt besonders zugelegt: die Nichtwähler. Nicht einmal jeder zweite (44,5 Prozent) war zur letzten Ratswahl gegangen.

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