Kokain im Warenkorb: Prozess um größten deutschen Drogen-Onlineshop gestartet

Prozess

Es geht um Drogen aller Art, die im Internet zum Kauf angeboten wurden. In dem Shop soll es sogar Mengenrabatt und Bewertungen gegeben haben. Nun stehen die mutmaßlichen Betreiber vor Gericht.

Gießen

06.08.2020, 06:19 Uhr / Lesedauer: 2 min
An Händen und Füßen gefesselt ist einer der Hauptangeklagten. Unter dem Namen "Chemical Revolution" soll der Mann gemeinsam mit seinen Mitangeklagten massenweise Drogen aus den Niederlanden beschafft und im Darknet sowie im öffentlichen Bereich des Internet verkauft haben.

An Händen und Füßen gefesselt ist einer der Hauptangeklagten. Unter dem Namen "Chemical Revolution" soll der Mann gemeinsam mit seinen Mitangeklagten massenweise Drogen aus den Niederlanden beschafft und im Darknet sowie im öffentlichen Bereich des Internet verkauft haben. © picture alliance/dpa

Mehr als ein Jahr nach der Zerschlagung des deutschlandweit größten Drogen-Onlineshops hat in Gießen der Prozess gegen mehrere mutmaßliche Hintermänner begonnen. Die sieben Angeklagten sollen als internationale Bande und in unterschiedlichen Rollen den Shop namens „Chemical Revolution“ im Internet sowie im anonymen Darknet betrieben haben. Dafür sollen kiloweise Drogen aus den Niederlanden nach Deutschland gebracht worden sein. Das Rauschgift wurde dann laut Anklage an verschiedenen Orten bundesweit gebunkert, verpackt und an die Kunden verschickt.

Zu Beginn des Prozesses am Mittwoch vor dem Landgericht Gießen kündigten die meisten Angeklagten Aussagen an. Wegen der Corona-Abstandsregeln tagte das Gericht nicht in einem eigenen Saal, sondern in der großen Kongresshalle der mittelhessischen Stadt.

Die Anklage geht von 320 Taten aus, begangen zwischen September 2017 und Februar 2019. Der Vorwurf lautet insbesondere auf „bandenmäßiges unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“. Die insgesamt elfköpfige Gruppe soll unter anderem mit rund 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis sowie mit Ecstasy, Kokain und Heroin gehandelt haben. Die Angeklagten sollen mit dem Shop etwa eine Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin eingenommen haben - damit bezahlten die Kunden die Ware. Tatorte waren demnach unter anderem in Hessen, Niedersachsen und Hamburg.

Drogen-Onlineshop: Sogar Mengenrabatt und Kundenkommentare zur Qualität

Die Männer im Alter von 28 bis 45 Jahren übernahmen der Anklage zufolge unterschiedliche Funktionen und waren etwa als Kuriere tätig. Als mutmaßlicher Initiator und Chef gilt ein 28-Jähriger aus dem Landkreis München, der zuletzt auf Mallorca lebte. Er wurde im Mai 2019 bei seiner Einreise nach Deutschland festgenommen und danach der Shop abgeschaltet. Die Ermittler sprachen damals vom bundesweit größten Drogen-Onlineshop - bei dem es ähnlich wie bei legalen Internetshops sogar Mengenrabatt und Kundenkommentare zur Qualität gegeben haben soll.

Während der Hauptangeklagte vorerst keine Aussage machen wollte, räumte ein 30-Jähriger am Mittwoch ein, für den Versand der Betäubungsmittel zuständig gewesen zu sein. Er sei im Internet angesprochen worden, ob er nicht bei einem Drogen-Shop mitmachen wolle. Er habe damals keine Alternative gehabt und zugestimmt, erzählte der Mann mit Blick auf verlorene Jobs und laufende Strafverfahren unter anderem wegen Betrügereien. „Dann gingen die Bestellungen los und ich habe meine Arbeit verrichtet.“ Drogen übernehmen, verpacken, versenden - „das war mein Tagesablauf“.

In dem Prozess geht es um den Aufbau des Shops

Insgesamt geht es in dem Fall zum elf Angeklagte mit deutscher, polnischer, niederländischer und türkischer Staatsangehörigkeit. Angesichts des umfangreichen Verfahrens und auch wegen der Corona-Beschränkungen wird aber gegen die anderen Männer erst zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt. Der laufende Prozess vor dem Landgericht dreht sich zudem nur um neun der angeklagten 320 Fälle. Es gehe um die erste Phase und den Aufbau des Shops, erläuterte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Ein Tatort soll Ortenberg im Wetteraukreis gewesen sein, der im Zuständigkeitsbereich des Gießener Landgerichts liegt - ein Grund dafür, dass hier verhandelt wird. Der Vorsitzende Richter kündigte an, dass es im Prozess auch um die Frage gehen wird, ob es sich angesichts der Struktur der Gruppe wirklich um eine Bande handelte. Das Urteil wird im November erwartet.

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