Nicht mehr „automatisch katholisch“: Austrittswelle in NRW

Die Gesamtzahl der Kirchenaustritte in NRW 2019 ist schon seit Anfang des Jahres bekannt. Jetzt haben die Kirchen die Zahlen nach Konfessionen und Bistümern aufgeschlüsselt. Das Bild ist überall nicht gerade ermutigend.

26.06.2020, 14:52 Uhr / Lesedauer: 2 min

Immer mehr Menschen treten in Nordrhein-Westfalen aus der Kirche aus - im vergangenen Jahr waren es mehr als 120 000. 2018 hatten 88 510 Menschen den Kirchen den Rücken gekehrt. NRW liegt damit im Bundestrend.

Knapp 68 000 der gut 120 000 Austritte entfielen im vergangenen Jahr auf die katholische Kirche, wie die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag in Bonn mitteilte. Im Bistum Aachen fiel der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung erstmals unter die 50-Prozent-Marke. Seit der Gründung des Ruhrbistums vor mehr als 60 Jahren hat sich die Mitgliederzahl um die Hälfte reduziert. Im Bistum Münster stieg die Zahl der Kirchenaustritte auf einen historischen Höchststand von 16 654.

Aus der Evangelischen Kirche in Westfalen traten im vergangenen Jahr 20 702 Menschen aus, im Vorjahr waren es 5000 weniger. Die Zahl der Austritte aus der rheinischen Landeskirche - die sich auch auf Teile von Rheinland-Pfalz, Hessen und des Saarlands erstreckt - stieg um 23 Prozent auf 28 517. Präses Manfred Rekowski sagte: „Die Relevanz des Evangeliums spiegelt sich nicht allein in Trends und Zahlen.“

Auf katholischer Seite entfielen allein auf das Erzbistum Köln mehr als 24 000 Austritte. „Immer schmerzlicher wird deutlich, dass unser Glaube viele Menschen offenbar nicht mehr erreicht“, sagte Generalvikar Markus Hofmann. „Wir müssen selbstkritisch feststellen, dass wir zu wenig überzeugend leben und zu wenig Attraktivität ausstrahlen.“ Zugleich hätten aber viele Menschen in der Coronakrise erfahren, dass ihnen Christen geholfen hätten, „und zwar erkennbar aus ihrem Glauben heraus“.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer sieht vor allem in der anhaltenden Diskussion über den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen einen Grund für die Austrittswelle. „Es ist bitter zu sehen, dass es uns nicht hinreichend gelingt, die Aufarbeitung der unsäglichen Missbrauchstaten so entschieden und überzeugend voranzutreiben, um verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen“, sagte Pfeffer. Der Weg der transparenten Aufklärung und der Präventionsarbeit müsse fortgesetzt werden: „Nur so haben wir überhaupt eine Chance, wieder glaubwürdig zu werden.“

Er sehe mit großer Sorge, dass vor allem junge Erwachsene aus der Kirche austräten: „Wir müssen den Dialog mit jungen Menschen suchen - und ihnen zuhören, damit wir verstehen, was bei uns anders werden sollte“, sagte Pfeffer. Wer heute noch in der Kirche sei, der sei dies allerdings aus Überzeugung: Niemand sei mehr „automatisch katholisch“.

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