Ermittler decken schweren Kindesmissbrauch auf

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen stellt massenhaft kinderpornografisches Material sicher. Was sie entdeckt haben, entsetzt die Ermittler. Auch ein Tatverdächtiger aus Brandenburg sitzt in Haft.

06.06.2020, 01:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die schockierenden Taten haben die Ermittler fassungslos zurückgelassen, die eingesetzte hochprofessionelle Technik brachte die Polizei an ihre Grenzen: In Nordrhein-Westfalen haben die Behörden ein Pädophilen-Netz entdeckt und bundesweit elf Verdächtige festgenommen. Sieben der Beschuldigten befinden sich in Untersuchungshaft, darunter auch ein 42-jähriger Mann aus der brandenburgischen Gemeinde Schorfheide (Barnim). In Haft ist außerdem die Mutter des Hauptbeschuldigten, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat. Ihre Gartenlaube in Münster gilt als Haupttatort.

Bisher sind drei Kinder als Opfer identifiziert worden. Die Jungen sind nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft fünf, zehn und zwölf Jahre alt. Sie sollen teilweise stundenlang von mehreren Männern sexuell missbraucht worden sein - in einem Fall vom eigenen Vater, in einem anderem vom Lebensgefährten der Mutter.

Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-jähriger IT-Techniker aus Münster. Ermittler fanden hochprofessionelle technische Ausstattung zur Videoaufzeichnung. Sie stellten mehr als 500 Terabyte versiert verschlüsselten Materials sicher. Nach der Auswertung der ersten Daten gehen Polizei und Staatsanwaltschaft davon aus, dass bislang nur ein kleiner Teil der mutmaßlichen Verbrechen bekannt geworden ist. Viele der Daten müssen noch entschlüsselt werden.

Am Sonntag wurde bekannt: Die Mutter des Hauptbeschuldigten soll bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin gearbeitet haben. „Die Leitung der Kita wurde von uns informiert“, sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf Taten der 45-Jährigen im Kindergarten. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hatte zuvor über den Arbeitsplatz der Frau berichtet. Die 45-Jährige soll ihrem Sohn die Schlüssel für die Laube überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben.

Im Ortsteil Finowfurt der Gemeinde Schorfheide hatte es am Freitag Durchsuchungen im Wohnhaus des 42-jährigen Tatverdächtigen und in einem Kleingarten gegeben. Der Tatverdächtige lebe mit Frau und zwei Söhnen dort, sagte Botzenhardt am Samstag. Erste Hinweise auf den Mann habe das zehnjährige Opfer gegeben, berichtete er. Im Auto des Hauptverdächtigen sei die brandenburgische Adresse gefunden und das Fahrzeug des 27-Jährigen sei auch in der Nähe von Schorfheide bemerkt worden. „Aber das waren noch keine belastbaren Beweise“, sagte Botzenhard. Der Mann sei dann auf einem Video, das in Münster gedreht wurde, erkennbar gewesen. Daraufhin habe man ihn festnehmen können.

Das bisherige Ermittlungsergebnis nach rund dreieinhalb Wochen sei wohl nur die Spitze des Eisbergs, sagten am Samstag übereinstimmend der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll, und Oberstaatsanwalt Botzenhardt in NRW. Die Ermittler hätten „unfassbare“ Bilder sehen müssen, so Poll. Münsters Polizeipräsident Rainer Furth sagte: „Selbst die erfahrensten Kriminalbeamten sind an die Grenzen des menschlich Erträglichen gestoßen und weit darüber hinaus.“

In der Gartenlaube in Münster sollen vier Männer stundenlang wechselweise einen fünf- und einen zehnjährigen Jungen vergewaltigt und die Taten teilweise gefilmt haben. Der 27-jährige Hauptverdächtige soll dazu den Männern den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin überlassen haben. Das zweite Opfer war den Angaben zufolge der Sohn eines 30 Jahre alten Beschuldigten aus Staufenberg (Hessen). Die Kinder sollen vor den Taten betäubt worden sein. Bilder und Videos der Taten bot der Hauptverdächtige im Darknet an. Bei den weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handelt es sich den Angaben zufolge um Männer aus Hannover (35 Jahre alt), Kassel (43) und Köln (41).

Der Missbrauchsfall löste eine Welle der Bestürzung aus. „Diese furchtbaren Missbrauchsfälle von Münster erschüttern mich zutiefst“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Sie zeigten ein weiteres Mal, „wie widerwärtig menschliche Abgründe sein können“. Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe reagierte ebenfalls bestürzt. „Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt offenbar Schauplatz solch schrecklicher Taten war“, teilte der CDU-Politiker mit.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Jugendamt der Stadt Münster Kontakt zu der Familie von einem der Opfer hatte. Die Familie sei den Behörden aus den Jahren 2015 bis 2016 bekannt, „weil der soziale Kindsvater wegen des Besitzes und des Vertriebs pornografischer Daten aufgefallen war“, teilte die Stadt am Samstag mit. In dieser Zeit habe das Jugendamt Kontakt zu der Familie gehabt. 2015 habe das Familiengericht keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen. Oberbürgermeister Lewe sagte dazu: „Eine Bewertung können wir erst vornehmen, wenn die Faktenlage dafür ausreichend geklärt ist.“

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter forderte nach Bekanntwerden des Missbrauchsfalls eine deutlich verbesserte personelle und technische Ausstattung bei der Polizei. „In einem solchen Fall stellen wir beim Blick in die kriminalpolizeiliche Praxis fest, dass wir über unsere Grenzen hinaus kommen“, sagte Sebastian Fiedler im WDR-Fernsehen. Er lobte, dass Innenminister Reul das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt habe. „Es reicht aber nicht aus, mit kleinen Schritten voranzugehen was die Ausstattung und was die Qualifikation angeht.“ Jetzt seien riesengroße Schritte notwendig. Ein Plus an Experten wie IT-Techniker für Verschlüsselungstechnik oder Leute, die sich mit Opferanhörung auskennen, sei notwendig.

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