Ausgestorben in Lünen: Auch der letzte Kiebitz ist jetzt verschwunden

dzDramatische Entwicklung

Der Ruf „Kiewitt -kiewitt“ gehörte lange zum Frühling wie die Tulpenblüte und der Osterhase. Zuletzt war er immer seltener zu hören in Lünen. 2020 erstmals gar nicht mehr.

Lünen

, 09.04.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dieses Drama hat sich ohne großes Publikum abgespielt. Der Kiebitz war lange so zahlreich anzutreffen, dass es niemand für möglich hielt, ihn einmal nicht mehr anzutreffen. Jetzt ist es so weit. Bei der jährlichen Kiebitz-Zählung im Kreis Unna steht in Lünen ein Null.

Dramatischer Rückgang seit den 1980er-Jahren

Damit spiegelt sich in Lünen besonders dramatisch wider, was sich bundesweit bereits seit Jahren abzeichnet: Die Bestände des Kiebitz waren seit 1980 zwischen Flensburg und Nürnberg um mehr 93 Prozent zurückgegangen. Damit ist der Kiebitz die Vogelart, deren Bestandszahlen in den letzten 30 Jahren in Deutschland am stärksten gesunken ist.

Lünen ist nicht die einzige Kommune im Kreis Unna, in der der einstige Allerweltsvogel gar nicht mehr anzutreffen ist. Die Hälfte der zehn Städte und Gemeinden im Kreis Unna ist inzwischen kiebitzfrei: eine Entwicklung, die auch

Klaus Papius vom Arbeitskreis Umwelt und Heimat traurig macht.

Kiebitze im Flug: ein Bild mit Seltenheitswert.

Kiebitze im Flug: ein Bild mit Seltenheitswert. © picture alliance/dpa

„Seit zehn Jahren war das für mich absehbar“, sagt er. Dass Wissen um den rasanten Rückgang hat ihn aber nicht vorbereitet auf den Komplettverlust. Dass sei schon sehr traurig, einer Art beim Aussterben zuschauen zu müssen, sagt Papius. Zum Schluss sei es sehr schnell gegangen: von 17 Brutpaaren 2015 auf 7 2016, und danach gab es nur noch ein einziges Paar - bis jetzt.

„Die beiden Vögel kamen immer ins Mühlenbachtal an der Brambauer Straße“, sagt Papius: ein Lebensraum, der sich im vergangenen Jahr nicht auffallend verändert habe. Aber ein Acker und eine Weide können nicht wettmachen, dass sich die Gesamtsituation dramatisch verschlechtert hat für die Bodenbrüter.

Nabu sieht Hauptursache in der intensiven Landwirtschaft

Die Ursachen sind für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu) eindeutig: „Der Kiebitz leidet vor allem unter der Intensivierung der Landwirtschaft. Feuchtwiesen wurden und werden trockengelegt und die verbleibenden Wiesen immer intensiver genutzt.“ Bei der heute üblichen frühen Mahd der Wiesen würden die Nester zerstört oder die Jungen getötet.

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Ein Ausweichen auf Ackerflächen ist für den Kiebitz ebenfalls schwierig. Durch den hohen Anteil an Winterfrüchten in der Fruchtfolge sei im Frühjahr der Boden oft nicht offen genug, damit die taubengroßen Vögel dort noch Ihre Nester bauen. Da blieb das Ausweichen auf den Maisacker, denn Mais wächst erst spät. Dort werden laut Nabu Nester aber häufig durch die Bodenbearbeitung zerstört.

Kiebitz hat kesse Federtolle auf dem Kopf

Papius blickt wehmütig auf seine Kindheit und Jugend zurück. „Damals gab es den Kiebitz noch an jeder Ecke“, sagt der 75-Jährige. Heutige Kinder haben den langgezogenen Ruf „Kiewitt-kiewitt“ noch nie gehört und den Vogel mit der kessen Federtolle noch nie gesehen. Papius hat keine Hoffnung, dass sich das ändern wird.

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