Kein Kita-Platz für den Enkel: Großeltern stoßen an ihre Grenzen

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Heinrich Vogel ist sauer: Sein Enkel ist bisher ohne Kita-Platz. Die Großeltern betreuen ihn gerne, doch das wird für sie immer schwieriger. Von der Stadt erwarten sie mehr Unterstützung.

von Julian Beimdiecke

30.10.2020, 10:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eigentlich ist Heinrich Vogel Frührentner. Doch anstatt seine Zeit nun zur freien Verfügung zu haben, ist er zusammen mit seiner Frau seit rund zwei Jahren in der Kinderbetreuung gefragt: Denn ihr dreijähriger Enkel bekommt einfach keinen Kita-Platz - die Großeltern springen ein. „Wir kümmern uns sehr gerne um unseren Enkel“, erzählt Vogel. Und gerne unterstützen sie ihre Tochter und ihren Schwiegersohn, die beide berufstätig sind und sich deshalb nicht rund um die Uhr um den Sohnemann kümmern können. Aber: „Für uns wird die Betreuung immer schwieriger. Im Sommer kann man ja noch einiges unternehmen, aber spätestens jetzt, wo das Wetter schlechter wird und wir die meiste Zeit drinnen sein müssen, sind unsere Möglichkeiten natürlich begrenzt“, so Vogel. Und: „Er braucht auch einfach Kontakt zu Gleichaltrigen. Das können wir natürlich nicht leisten.“

Verschiedene Kriterien bei Platzvergabe

Drei Mal habe sich die Familie deshalb schon um einen Kita-Platz beworben und dabei immer mehrere Kitas angegeben. Doch am Ende jedes Bewerbungsprozesses kam die für die Vogels enttäuschende Nachricht, dass es mit einem Kita-Platz wieder nicht geklappt habe.

Bei der Vergabe der Kita-Plätze spielen neben rechtlich vorgegeben Kriterien wie Berufstätigkeit, Ausbildung und Arbeitssuche sowie allgemein anerkannten Kriterien wie Geschwisterkind und Aufnahmealter auch noch trägerspezifische Kriterien wie die Religionszugehörigkeit eine Rolle, erklärt der Sprecher der Stadt Lünen, Benedikt Spangardt. Aber: „Dass die Kita- und Betreuungsplätze in einem transparenten und nachvollziehbaren Verfahren vergeben werden, kann die Stadt nur für die Kitas sicherstellen, deren Träger sie ist und das tut sie auch. Die Aufnahmekriterien bei allen anderen Einrichtungen legen die jeweiligen Träger fest.“

Ablehnungsbescheid wird nicht ausgestellt

Dass man bei dieser Art der Vergabe auch durchs Raster fallen kann, hat Heinrich Vogel gemerkt. Dabei hat sein Enkel seit Vollendung seines ersten Lebensjahrs laut Sozialgesetzbuch ein Recht auf Betreuung - entweder durch eine Kita oder durch eine Tagesmutter. „Wir standen mit der Stadt auch schon in Kontakt wegen einer Tagesmutter. Wir wollten unser Kind aber lieber in einer Kita unterbringen“, erzählt Vogel. Und nun, seit dem dritten Geburtstag, hat sein Enkel auch einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz.

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Und den möchte die Familie nun einklagen. „Meine Tochter ist mit dem Jugendamt in Kontakt getreten, um dafür einen Ablehnungsbescheid zu bekommen“, so Vogel. Nach seinen Informationen brauche man diesen, um sich einen Kita-Platz einklagen zu können. Dasselbe sagen Rechtsberatungen im Internet. Aber: „Die Mitarbeiterin des Jugendamts weigerte sich, so eine Negativbescheinigung auszustellen - mit der Begründung, dass wir ja jederzeit einen Kita-Platz bekommen könnten.“ Für Vogel unverständlich: „Für mich ist das eine glatte Lüge. Es ist ja offensichtlich kein Platz da, sonst hätte unser Enkel ja einen bekommen.“ Er vermutet, dass sich die Stadt sich so eher vor Klagen schützen möchte.

Rechtsschutzversicherung zahlt nicht

Dem widerspricht Stadtsprecher Spangardt: Eine Klage sei auch ohne ablehnenden Bescheid möglich. Die Haltung des Jugendamts erklärt er so: „Durch Umzug, Abmeldungen und Kündigungen werden noch Plätze frei. Neu- und Anbauten werden im laufenden Kita-Jahr fertiggestellt. Bereits bestehende Standorte werden reaktiviert, neue Standorte für temporäre Nutzung gefunden.“ Daher sei in den 43 Kitas im Stadtgebiet immer Bewegung und Ablehnungsbescheide werden deshalb nicht ausgestellt.

Für Vogel dürfte das keine zufriedenstellende Antwort sein - auch, weil seine Rechtsschutzversicherung bei einer Klage ohne Ablehnungsbescheid nicht einspringt. Deswegen ist er nun auf der Suche nach anderen Betroffenen, mit denen er sich zusammentun kann, um gegen die aktuelle Praxis der Stadt vorzugehen.

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