Kampf gegen Coronavirus: Italien richtet Sperrgebiete im Norden ein

Lungenkrankheit

Italien ist in Europa am stärksten vom Coronavirus betroffen: Nun sperrt die Regierung große Teile im Norden bis Anfang April ab. Diese weiteren Einschränkungen kommen auf die Italiener zu.

Rom

08.03.2020, 09:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein Soldat mit Atemschutzmaske hält an einer Straßensperre vor der roten Zone von Turano Lodigiano eine Winkerkelle in die Höhe. Der Norden von Italien soll bis Anfang April zum Sperrgebiet werden.

Ein Soldat mit Atemschutzmaske hält an einer Straßensperre vor der roten Zone von Turano Lodigiano eine Winkerkelle in die Höhe. Der Norden von Italien soll bis Anfang April zum Sperrgebiet werden. © Claudio Furlan/LaPresse via ZUMA Press/dpa

Die Lage in Italien spitzt sich dramatisch zu: Im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus schränkt die Regierung die Bewegungsfreiheit von rund 16 Millionen Bürgern drastisch ein. Ministerpräsident Giuseppe Conte sagte am Sonntagmorgen, die wirtschaftsstarke Lombardei und 14 andere Gebiete würden weitgehend abgeriegelt. Er habe das entsprechende Dekret unterschrieben

Mailand, Venedig und Parma abgeriegelt

Davon betroffen sind die Millionenstadt Mailand und die Touristenhochburg Venedig ebenso etwa wie Parma in der Region Emilia-Romagna. Außerdem bestätigte beziehungsweise verhängte die Regierung den Angaben nach Einschränkungen für ganz Italien wie den Stopp für Kinos, Theater, Museen, Demonstrationen und viele andere Veranstaltungen. Die neuen Sperrgebiete sollten von sofort bis zunächst zum 3. April gelten, schrieben Zeitungen.

Italien ist das Land in Europa mit den meisten bestätigten Sars-CoV-2-Infektionen. Die Zahl der Infizierten und Toten steigt trotz umfangreicher Gegenmaßnahmen stetig an. Bis Samstag zählen die Behörden 5883 Menschen mit einer Infektion. 233 Menschen davon sind gestorben.

„Wir stehen vor einer nationalen Notlage“

Die neuen Ankündigungen der Regierung dürften den Alltag der insgesamt rund 60 Millionen Bürger weiter verändern, nachdem die bisher schon getroffenen Maßnahmen wie landesweite Schulschließungen bereits viele tagtäglich treffen. „Wir stehen vor einer nationalen Notlage“, sagte Conte, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete.

„Wir haben sie von Anfang an mit maximalen Vorsichtsmaßnahmen bekämpft“, ergänzte der Ministerpräsident. „Wir haben zwei Ziele: Die Ausweitung der Ansteckung einzudämmen und eine Überlastung der Krankenhauseinrichtungen zu vermeiden.“

Sperrmaßnahmen: Außer der Region Lombardei noch 14 Provinzen betroffen

Die neuen Sperrgebiete dürften nur aus „ernsten und unvermeidlichen“ Anlässen betreten oder verlassen, etwa zum Zwecke der Arbeit oder aus familiären Gründen, hieß es. Betroffen von den Sperrmaßnahmen sind nach der Ankündigung außer der Region Lombardei 14 Provinzen unter anderem in der Emilia-Romagna und Venetien im Norden.

Auch innerhalb der neuen Sperrzonen dürfen sich Bewohner nicht mehr völlig frei bewegen, wie der Premier ankündigte. „Es herrscht eine eingeschränkte Mobilität“, sagte er den Angaben zufolge. Nach den Entscheidungen in Italien wies auch das Auswärtige Amt auf die veränderte Situation hin.

Sonntagabend beraten die Spitzen der Koalition

In Deutschland hatte das Robert Koch-Institut (RKI) bis Samstagnachmittag 795 Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 erfasst - mehr als zehn Mal so viele wie noch eine Woche zuvor. Außer in Sachsen-Anhalt ist der Erreger in allen Bundesländern nachgewiesen worden. Die weitaus meisten Fälle bundesweit verzeichnete Nordrhein-Westfalen vor Baden-Württemberg und Bayern.

Angesichts der Coronakrise und drohender finanzieller Belastungen für die Wirtschaft wollen die Spitzen der Koalition am Sonntagabend im Bundeskanzleramt über unterstützende Maßnahmen beraten. Möglicherweise wird die Koalition unter anderem die Hürden für Firmen senken, um Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Im Raum stehen auch Bürgschaften, Steuerstundungen oder Überbrückungskredite, um Unternehmen kurzfristig finanziell zu helfen.

Spahn: „Wir brauchen eine Art europäisches Robert-Koch-Institut“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) forderte derweil ein europäisches Robert-Koch-Institut. „Die europäische Seuchenbehörde ECDC ist viel zu klein, um Epidemien wie diese vernünftig begleiten zu können“, sagte Spahn der „Bild am Sonntag“. Sie benötige einen größeren Etat und mehr Handlungsmöglichkeiten.

„Wir brauchen eine Art europäisches Robert-Koch-Institut“, sagte Spahn und forderte, dafür im nächsten EU-Haushalt Geld zur Verfügung zu stellen. Kernaufgabe des in Berlin ansässigen Instituts ist die Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Weltweit inzwischen mehr als 100.000 Infektionen

China meldete am Sonntag, weitere 27 Menschen seien der Lungenkrankheit Covid-19 zum Opfer gefallen. Wie die Pekinger Gesundheitskommission mitteilte, ging die Zahl neuer Infektionen deutlich zurück. Laut offiziellen Angaben kamen seit dem Vortag nur noch landesweit 44 Fälle hinzu - der geringste Wert seit Wochen. Seit Ausbruch des Coronavirus wurden in China über 80 000 Infektionen registriert, von denen bislang rund 57 000 geheilt wurden.

Weltweit sind inzwischen mehr als 100.000 Infektionen und rund 3500 Todesfälle registriert - die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle dürfte Experten zufolge noch weit darüber liegen.

Auch in den USA sorgt die Krankheit zunehmend für Probleme: Im US-Bundesstaat New York gilt nun der Notstand. Derzeit gebe es dort 76 bestätigte Fälle, sagte Gouverneur Andrew Cuomo in der Hauptstadt Albany. Auch in den Bundesstaaten Kalifornien, Maine und Washington an der Westküste der USA wurde bereits der Notstand verhängt.

RND/dpa

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