Infektionszahlen sinken langsam: Reicht der Teil-Lockdown aus?

Coronavirus

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder spricht von einem „Halbschlaf“, in dem sich Deutschland gerade befindet. Er hält einen kurzen, konsequenten Lockdown für besser.

Berlin

04.12.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Geschäfte und Restaurants sind aufgrund des Teil-Lockdowns geschlossen.

Geschäfte und Restaurants sind aufgrund des Teil-Lockdowns geschlossen. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Ein Monat des Verzichts auf vieles - und dennoch sinkt die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen kaum. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erwägt weitere Verschärfungen, wie er am Donnerstag erklärte. „Lieber kürzer und dafür konsequent. Wir können das Land nicht ewig im Halbschlaf halten.“

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, konnte am Donnerstag nur feststellen: Nach einer sehr erfolgreichen Eindämmung im Frühjahr bekomme Deutschland die Zahlen derzeit „nicht mit aller Verve runter“. Die seit Anfang November geltenden Einschränkungen sind deutlich milder als im Frühjahr, als Ende März auch Schulen, Kitas und Geschäfte schließen mussten.

Zahlen sind nicht eins zu eins vergleichbar

Damals lag die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen bei rund 4000. Nachdem sie bis Anfang April auf mehr als 6000 gestiegen war, zeigten die Maßnahmen Wirkung: Vier Wochen nach Beginn des Lockdowns wurden dem RKI noch gut 2000 neue Fälle pro Tag gemeldet, Anfang Mai rund 1000.

Im Frühjahr wurde noch deutlich weniger getestet. Zudem hielten sich die Menschen weniger in geschlossenen Räumen auf - weshalb die Ansteckungsgefahr grundsätzlich geringer war. Deshalb sind die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar. Aber: Gut vier Wochen nach Beginn der aktuellen Maßnahmen sind die täglichen Neuinfektionen nur leicht zurückgegangen und stabilisieren sich auf hohem Niveau. Aktuell waren es erneut mehr als 22.000.

Weit entfernt vom Ziel

Von den angestrebten 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche (7-Tage-Inzidenz) ist man mit rund 130 weit entfernt. Die Bewertung des Rückgangs ist wiederum grundsätzlich nicht einfach: In der Woche vor Beginn der aktuellen Maßnahmen gab es mehr als 1,6 Millionen Tests. Damit verglichen waren es in der vergangenen Woche etwa 19 Prozent weniger.

Also lieber kurz und heftig als lang und milder? Es ist eine Frage, die Experten entzweit. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit meint zu harten Lockdowns: „Damit verschiebt sich das Problem nur um einige Wochen.“ Die Situation im Sommer habe gezeigt, dass damit die Zahlen nicht dauerhaft niedrig bleiben - trotz intensiver Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter.

Das Ziel dürfe nicht eine Abfolge von Lockdowns sein, sondern dauerhaft niedrige Infektionszahlen. Dafür bräuchte es langfristige Strategien für das gesamte nächste Jahr. Ein Baustein neben Impfungen und Tests könnte sein, die Bevölkerung auf breiter Front besser einzubeziehen.

Die Göttinger Epidemiologin Viola Priesemann plädiert auf Basis von Berechnungen hingegen für einen etwa dreiwöchigen „harten Lockdown“. „Wir müssen das R runterbringen auf 0,7 etwa, dann sind wir in zwei, drei, maximal vier Wochen auch wirklich durch“, sagte sie in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag. R steht für Reproduktionswert.

Liegt dieser unter Eins, steckt ein Betroffener im Schnitt weniger als einen weiteren Menschen an, die Zahlen sinken also nach einer gewissen Zeit. So oder so gebe es Einschränkungen, sagte Priesemann. Ein harter Lockdown sei notwendig, damit danach wieder mehr Freiheit möglich werde - und es nicht über weitere Monate die aktuellen Einschränkungen geben müsse.

Schaden für die Wirtschaft steigt exponentiell

Auch Wirtschaftswissenschaftler sind sich uneins. Andreas Peichl vom Münchner Ifo-Institut hält eine Verlängerung des aktuellen leichteren Lockdowns über den 10. Januar hinaus für nötig, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und zöge das aus ökonomischer Sicht auch schärferen Maßnahmen vor. „Ein härterer Lockdown könnte die notwendige Dauer der Einschränkungen verkürzen“, sagt er zwar. Aber: Die Bereiche des „sozialen Konsums“ wie etwa Gastronomie oder Kultureinrichtungen, die derzeit vor allem beschränkt sind, wiesen höhere Infektionsraten, aber eine deutlich niedrigere Wertschöpfung auf als die Industrie.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, meint hingegen: „Ein kurzer und härterer Lockdown wäre besser aus wirtschaftlicher Sicht als ein lang anhaltender Lockdown, wenn dieser die zweite Infektionswelle schneller beenden und einen Neustart der Wirtschaft ermöglichen kann.“ Der Schaden für die Wirtschaft werde exponentiell steigen, wenn die zweite Infektionswelle nicht gestoppt werden könne und Beschränkungen bis in das Frühjahr bestehen bleiben müssten.

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Wie viel Zeit noch zu überbrücken wäre, das deutete Kanzlerin Angela Merkel am Mittwochabend an. „Wir müssen durch den Winter durchkommen, ohne darauf setzen zu können, dass wir in großem Maße schon Impfstoff zur Verfügung haben“, sagte die CDU-Politikerin. Auch im ersten Vierteljahr dürfe man noch nicht „überbordende Hoffnungen über die Mengen des Impfstoffs“ haben. Mit deutlich mehr Impfstoff rechnet sie erst im zweiten und vor allem im dritten Quartal. Der Corona-Winter ist noch lang.

RND

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