Manche Straßennamen haben historischen Ursprung, entsprangen der Fantasie der Stadträte, andere erzählen spannende Geschichten. Wir geben Einblick in die Welt hinter Lünens Straßennamen.

Lünen

, 12.07.2020, 10:31 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer sich ein wenig mit Straßennamen beschäftigt, dem begegnen Namen bedeutender Persönlichkeiten, sachlich-trockene Namen wie „Dorfstraße, „Zum Pier“ oder „Am Freibad“. Es gibt praktische Namen wie Mengeder Straße oder Dortmunder Straße, die angeben, wohin sie führen, malerische Namen wie Flieder- oder Zaunkönigweg, Weißdorn- oder Weideweg.

Und es gibt Straßennamen die aus Worten gebildet werden, die heute kaum noch einer kennt, wie „In der Loh“, „Im Drubbel“, „An der Gräfte“, „Am Anger“ oder „Kyppespans Straße“.

Grundsätzlich gilt: Viele Straßennamen weisen auf eine Örtlichkeit hin. Und tun sie das, sind sie eher älteren Ursprungs. Es handelt sich dann um alte Flurbezeichnungen, die meist von ansässigen Bewohnern geprägt und oft ohne schriftliche Fixierung im örtlichen Sprachgebrauch verwendet wurden, um später dann zu Straßennamen zu werden.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Geschichten hinter Lüner Straßen

Einst und jetzt: Manche der Lüner Straßennamen erzählen spannende und wissenswerte Geschichten.
14.07.2020
/
In der Geist um 1935. Damals ließ sich noch gut erahnen, was der Straßenname von seinem Wortursprung her bedeutet: In der Geist“ geht auf das alte Worte Gest zurück und bedeutet trockenes, sandiges, wenig fruchtbares Land.© Stadtarchiv Lünen
Bis 1977 gab es die Straße "Am Christinentor" nicht. Dann wurden einzelne Häuser aus der Lange Straße, der Neuberinstraße und der Pfarrer-Bremer-Straße mit einer neuen Adresse versehen.© Günther Goldstein
Schmucklos ist es heute am Heikenberg, wo einst wahrscheinlich Henker ihre Arbeit taten und noch früher die Römer residierten.© Günther Goldstein
Hier hat es sich in früherer Zeit gedrubelt: Drubbel deutet auf Gehöfte hin, die dicht (im Drubbel) zusammenstanden. © Günther Goldstein
In der Bauget“ in Niederaden ist abgeleitet von Bauged, was Ernte bedeutet.© Günther Goldstein
Ob hier in früherer Zeit wohl prächtige Kutschen verkehrten? Zumindest führte die Allee einst tatsächlich zu einem Schloss.© Günther Goldstein
Dass hier einmal ein so würdevoller Ort wie ein Friedhof gewesen sein soll, daran erinnert heute nichts mehr. © Günther Goldstein

„Auf der Seelhuve“ (Osterfeld), wobei Seelhuve Herrenhof bedeutet oder „An der Bauget“ in Niederaden, abgeleitet von Bauged, was Ernte bedeutet. „Am Anger“ (Alstedde) wiederum verweist auf einen Dorfplatz in Gemeindebesitz.

Und wieder andere deuten auf historische Orte hin: „Tockhausen“ oder auch die „Tockhauser Straße“ (Brambauer) erinnert an eine Siedlungsgruppe dieses Namens in der Brambauerschaft, „Im Drubbel“ (Alstedde), eine Straße, die auch in der alten Flurkarte eingezeichnet ist, deutet auf Gehöfte, die dicht (im Drubbel) zusammenstanden, hin.

Zeitgeist und Wünsche der Stadträte gaben Straßen ihre Namen

Die Straßen im historischen Innenstadtkern und den historischen Stadtteilkernen haben eher eine Bedeutung.

„Alles was darüber hinaus gewachsen ist spiegelt den Zeitgeist und die Wünsche und Einfälle der Stadträte wider. Und das ist die Mehrzahl“, sagt Marina Becker, Mitarbeiterin im Stadtarchiv Lünen. „An der Becke“ deutet auf die Nähe zu einem Bach, denn so lautet das Wort für das Gewässer im mittelniederdeutschen.

„In der Geist“ geht auf das alte Worte Gest zurück, was trockenes, sandiges, wenig fruchtbares Land bedeutet. Die Kyppespans Straße in Lünens Altstadt setzt sich aus den Worten „Kiepe“ (= langer, großer Korb) und Span zusammen. Und „An der Gräfte“ in Niederaden gab es wohl mal einen Wassergraben, denn das bedeutet das Wort.

Reger Badebetrieb in Lippholthausen

Und dann gibt es noch Straßennamen, die auf Geschichte und Geschichten hindeuten. Wer zum Beispiel in der Straße „Zum Lüner Brunnen“ in Lippholthausen unterwegs ist, ahnt nichts mehr von dem Glanz und der Betriebsamkeit, die einst dort herrschte.

1772 war in Lippholthausen eine Mineralquelle entdeckt, deren Heilkraft anerkannt wurde. Ein Badehaus, in dem die Gäste speisen konnten, wurde errichtet, später genoss der Ort derartigen Zulauf, dass in den Sommermonaten Bälle und Konzerte stattfanden.

„Nach 1830 ging der Badebetrieb zurück“, schreibt der Historiker Freddy Niklowitz, „andere Bäder, vornehmlich am Rhein, waren beliebter geworden. Bald ruhte der Badebetrieb ganz.“

Das Kurhaus wurde 1886 abgerissen, an seiner Stelle befindet sich heute die Villa Bonin. Neben der Straße erinnert nur noch das 1903 erbaute Gasthaus Zum Lüner Brunnen an die Heilquelle.

Lippholthausen

Lüner Poesie

Wo neben Sand, bei Taback, Weiden grünen, Der Rinder Schaar ein froher Aufenthalt, Liegt an der Zesike (Seseke) und Lippe Lünen Nicht weit davon ein Bad am Eichenwald. C. Hengstenberg, 1819

Ähnlich verhält es sich mit der Schlossallee. Sie weißt darauf hin, dass bis vor drei Jahrzehnten an deren Ende ein prächtiges Schloss gestanden hatte und erinnert an das Adelsgeschlecht der Frydags, das jahrhundertelang in diesem Schloss residierte.

Die Geschichte des Schlosses reicht bis in das 13. Jahrhundert zurück, als die Gebrüder Budde erstmals hier eine Wasserburg errichtet hatten. 1977 wurde das Schloss, jahrzehntelang vernachlässigt und verfallen wegen Baufälligkeit abgerissen.

Die letzten Frydags sind verstorben, der Erbe Udo von Rüxleben wurde 1908 von seiner Ehefrau im Schloss erschossen. Unweit des Schlossgeländes gibt es außerdem eine Frydagstrasse, die ebenfalls an das ehemalige Adelsgeschlecht erinnert.

Mit dem Pferdegespann über den Knapp

Andere Straßen weisen nicht nur auf Geschichte hin, sondern es gibt auch Anekdoten zu ihnen zu erzählen. So zum Beispiel zum „Siebenpfennigsknapp“, seitlich der Borker Straße.

„Im 19. Jahrhundert herrschte auf der nur bedürftig befestigten Straße von Lünen nach Bork reger Fuhrwerksverkehr“, heißt es in „Hundert und eine Erzählung“ aus dem Raum Lünen.

„An der steilen Anhöhe hatten es die oft mit schweren Eisenteilen der Westfalia beladenen Fuhrwerke recht schwer, den Knapp hinaufzukommen. Aus diesem Grunde hielt der Gastwirt auf dem Knapp einige Vorspannpferde im Stall, mit denen er den geplagten Pferdeknechten über den Berg half.“ Der Lohn für die Hilfe habe sieben Pfennig pro Fuhr betragen. Noch heute heißt das Hotel auf der Anhöhe „Zum Siebenpfennigsknapp“.

Geschichte

So entstanden die Straßen im Lauf der Geschichte

In früherer Zeit folgten Straßen vor allem natürlichen Bedingungen: Ihr Verlauf richtete sich nach Bergkämmen, Furten oder Flüssen. Erstmalig legten die Ägypter und Babylonier planmäßig Verbindungswege an. Danach kamen die Römer, die um etwa 100 n. Chr. ein 80.000 Kilometer langes Straßennetz angelegt hatten, das von der Nordsee, bis Sahara, vom Atlantik bis Mesopotamien reichte. Auch in Lünen sind Spuren davon zu finden. Die Römerwege in Alstedde und Nordlünen führen durch altes Römergebiet. Im Mittelalter folgten die Straßen dann den Trassen verfallener römischer Straßen. Außerdem führten so genannte Reichsstraßen durch Lünen. Diese via regia oder Königsstraßen waren Handels- und Heerstraßen, standen unter dem Bann des Königs und konnten mit Zollstätten besetzt werden. In Lünen war die heutige Marktstraße, die bis 1922 Königsstraße hieß eine solche via regia. Und auch die von Duisburg, über Essen, Dortmund, Münster und Osnabrück, bis hin zu den Ostseehäfen verlaufende Handelsstraße durchquerte Lünen über die heutige Dortmunder- und Bäckerstraße. Erst im 18. und 19. Jahrhundert gewann der Bau von Kunststraßen und ab dem 20. Jahrhundert wurden durch die zunehmende Motorisierung viele Straßen nach Zweckmäßigkeit, zum Beispiel Umgehungs- und Fernstraßen oder Autobahnen.

Eine andere Geschichte im Buch erzählt „Wie der Beisey zu seinem Namen kam“. „Vor vielen hundert Jahren wohnte zwischen dem Wevelsbach und der Lippe in einer verfallenen Pachtgademstedde (Pachtkotten) ein junges Ehepaar“, beginnt die Erzählung.

Es war als Leibeigene im Dienste der Herren auf dem Cappenberg. Einst hatte der junge Mann seinen Herrn gegen die Ungarn, die damals bis zur Lippe vorgedrungen waren, zu verteidigen.

Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte er schließlich nach Hause zurück, wo er feststellen musste, dass die geliebte Frau inzwischen gestorben war. Mit schluchzender Stimme soll er immer wieder geschrien haben „Eck well bei sei, eck well bei sei“, was so viel bedeutet wie „Ich will zu ihr“.

Seit dieser Zeit heißt die Gemarkung „Beisey“ und noch heute erinnert „Auf dem Beisey“ in Nordlünen „an ein Schicksal“, so steht es im Buch, „das schon tausend Jahre zurückliegt, aber im Volksmund den Generationen überliefert wurde.“

Wenn der Postbote die Adresse nicht findet

Der Straßenname Am Christinentor erinnert an das ehemalige Stadttor, das sich in der Nähe befand. Das wissen viele Lüner. Die wenigsten aber werden wissen, dass „Am Christinentor“ bis Ende der 1970er-Jahre noch gar nicht existierte. Es handelt sich dabei um einen Innenhof, dessen Hauseingänge bis 1977 die Adressen Lange Straße 76, Neuberinstraße 1 oder Pfarrer-Bremer-Straße 18/20 trugen.

„Dieser Umstand hat in der Vergangenheit dazu geführt, daß die Postzustellung nicht einwandfrei funktionierte und ortsfremde Personen Schwierigkeiten beim Zurechtfinden hatten“, heißt es in einem Ratsbeschluss von 1977. „Um hier klare Verhältnisse zu schaffen soll der gesamte Innenhof (...) eine eigene Bezeichnung erhalten.“

„Am Heikenberg“, eine kleine Erhöhung in Alstedde/Nordlünen wiederum ist schon lange als „auf´m Henkerberge“ in alten Flurkarten zu finden; erstmals 1706. Zu eventuellen Henkerstätigkeiten auf dieser Anhöhe findet sich in den Quellen nichts, wohl aber, dass der Heikenberg es auf andere Weise zu einer gewissen Berühmtheit brachte.

1869/70 führten Professor Hülsenbeck aus Paderborn und Direktor Wollmann aus Charlottenburg Ausgrabungen durch und stießen auf die Überreste eines römischen Kastells. Ab 1951 bebaute die Wohnungsbau-Gesellschaft Glückauf den Heikenberg mit einer Bergarbeitersiedlung.

Im Zuge der Ausgrabungen kam darüber hinaus „Am Urnenfeld“ zu seinem Namen. Dort fanden Professor und Direktor an der Ostseite der Hügelgruppe mehrere Urnen.

Über Lüner Straßennamen lässt sich noch viel erzählen. Über den Tobiaspark, ehemals ein Friedhofsgelände, auf dem im Mittelalter ein Soldat namens Tobias als Erster bestattet worden sein soll oder über den Alten Hellweg in Beckinghausen, der ein wahrscheinlich aus germanischer Zeit stammender Verbindungsweg zwischen Rhein und Weser war. Doch hier tut sich ein weiteres Universum auf.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Meistgelesen