Iduna-Zentrum Göttingen: Vom Prestige-Hochhaus zum Corona-Hotspot

Corona

Das Iduna-Zentrum in Göttingen ist einer der größten Corona-Hotspots in Deutschland. Doch auch vor der Pandemie sorgte der Hochhauskomplex für Schlagzeilen.

Göttingen

11.06.2020, 12:57 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bei mehreren größeren privaten Feiern im Iduna-Zentrum haben sich in Göttingen mehrere Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Bei mehreren größeren privaten Feiern im Iduna-Zentrum haben sich in Göttingen mehrere Menschen mit dem Coronavirus infiziert. © picture alliance/dpa

Dicht am Stadtzentrum, nah an der Uni und tolle Aussicht: Ein Basketballspieler, der vor Jahren im Trikot des heutigen Bundesligisten BG Göttingen auflief, führte diese Argumente an, wenn er gefragt wurde, warum er ausgerechnet im Iduna-Zentrum wohne. Die Fragesteller blieben skeptisch, denn der 18-geschossige Hochhauskomplex am nördlichen Rand der Göttinger Innenstadt hatte schon damals nicht mehr den besten Ruf. In den vergangenen Tagen erlangte er bundesweit Bekanntheit als Corona-Hotspot.

Die drei aneinander gelehnten, bis zu 18 Etagen hohen Wohntürme, in deren Untergeschossen sich bis heute Büros, eine Bar, ein kleines Hotel und eine Bildungseinrichtung befinden, waren nach der Fertigstellung Mitte der 70er Jahre eine angesagte Adresse. Die rund 400 Appartements des Gebäudekomplexes, der seinen Namen der Versicherung verdankt, waren schnell vermietet. „Damals wohnten hier auch Ärzte und Anwälte“, erinnert sich eine ältere Bewohnerin.

Vorteile für Studenten existieren nicht mehr

Die größeren Wohnungen waren bei jungen Familien begehrt, die mehr als 30 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Appartements mit Balkon vor allem bei angehenden Akademikern. Kein Wunder: Studierende der Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften konnten ihre Fakultäten über eine eigens gebaute Fußgängerbrücke erreichen, die die mehrspurige Straße zwischen Komplex und den Zentral-Campus der Uni überspannte. Der Übergang ist längst verschwunden, ebenso die zweite Brücke, die einen schnellen Zugang zur Innenstadt ermöglichte. Beide Bauwerke waren marode. Sie wurden abgerissen und nicht ersetzt.

Das Iduna-Zentrum steht noch. „Aber die Vorstellung vom Prestige-Wohnen hat sich dort wie in anderen deutschen Großwohnsiedlungen aus den 1970er Jahren nicht erfüllt“, sagt der Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach. Allein in NRW gebe es mindestens ein halbes Dutzend entsprechender Beispiele, sagt der Forscher von der Fachhochschule Münster. Am bekanntesten sei die Hochhaussiedlung Köln-Chorweiler. Auch Hannover hat eine solche Problem-Immobilie: das 300 000 Quadratmeter große Ihme-Zentrum mit Hunderten Wohnungen und zahlreichen Geschäften.

Iduna-Bau sollte sozialen Austausch fördern

„Die Großwohnsiedlungen aus den 1970er Jahren sollten ursprünglich dem sozialen Austausch und dem sozialen Miteinander dienen“, sagt der früher in Göttingen tätige Humangeograph Michael Mießner von der TU Dresden. Dies sei meistens nicht erreicht worden. „Die Gebäudekomplexe galten schnell als kalt und seelenlos.“ Viele davon hätten zudem damals wie heute technische Probleme, etwa mit den Aufzuganlagen oder es gebe großflächigen Schimmel-Befall. Die Folge: Geschäftsschließungen und Wohnungsleerstand.

Im Iduna-Zentrum setzte der Abwärtstrend schon bald ein. Als ein lokaler Immobilienunternehmer die Anlage 1987 übernahm, ließ er aus Kostengründen Schwimmbad und Sauna-Anlage schließen. Es gab langwierige Auseinandersetzungen mit den Mietern und Schlagzeilen in den Medien. Viele Bewohner hatten die Nase voll und zogen aus. Heute wohnen dort nicht mehr allzu viele Studierende oder Wohlhabende.

In den 90er Jahren wurden auch viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien untergebracht. „Wir waren auch dabei“, erinnert sich ein Mann. „Damals konnte man da eigentlich noch ganz gut wohnen.“ Das habe sich allerdings längst geändert. „Da sind jetzt immer mehr Junkies“, beklagt er. Der Hochhauskomplex sei nicht zuletzt wegen zahlreicher Drogendelikte immer wieder ein Schwerpunkt strafrechtlicher Ermittlungen, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Corona-Ausbruch im Iduna-Zentrum

Für überregionale Aufmerksamkeit sorgt das Iduna-Zentrum seit Tagen allerdings aus anderem Grund: Nach Darstellung der Stadtverwaltung haben Mitglieder mehrerer Familien beim Zuckerfest im Mai private Feiern veranstaltet und dabei die Hygiene- und Abstandsregeln verletzt. In deren Folge sei es zum jüngsten Corona-Ausbruch in Göttingen gekommen sein, der zu Schulschließungen und zum Sportverbot in der Stadt führte.

Er finde die Beschuldigung unfair, sagt das Familienmitglied, das der Stadt jüngst mit einer „Gegendarstellung“ im Namen betroffener Familien ebenso wie das Göttinger Roma Center widersprach. Es habe kein großes Fest für alle gegeben. Einzelne Familien hätten für sich gefeiert, es seien jeweils mehrere Generationen dabei gewesen.

Viele Bewohner aus einkommensschwachen Gruppen

Viele Bewohner hätten allerdings gar keine Chance, woanders unterzukommen, sagt Humangeograph Mießner, der jahrelang den angespannten Wohnungsmarkt in Göttingen wissenschaftlich untersucht hat. „Für einkommensschwache Gruppen, aber auch für Migranten ist wenig anderes übrig geblieben als dort zu wohnen“, sagt Mießner. „Denn die Vermieter können sich die Leute aussuchen.“ Aus Interviews mit Vermietern wisse er, dass sie lieber an Studierende und junge Akademiker vermieteten als an Menschen mit Migrationshintergrund, Großfamilien oder Sozialleistungsempfänger.

„In Anlagen wie dem Iduna-Zentrum häufen sich deshalb Bewohner aus einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen und Gruppen, die soziale Probleme haben“, sagt der Wissenschaftler. Sie lebten dann oft sehr beengt. Dass diese vielfach vom Amt bezahlt werden, mache sich manch Eigentümer zum Geschäftsmodell. Das sei ganz einträglich. Man könne auf diese Weise dann auch in einer solchen Anlage Kaltmieten von zum Teil mehr als zehn Euro pro Quadratmeter kassieren. Wem die Wohnungen gehören, ist dabei unklar. Das Iduna-Zentrum befindet sich heute im Streubesitz. Es soll mehrere Hundert Eigentümer geben.

Eine grundlegende Sanierung sei deshalb kaum möglich, sagt Sozialwissenschaftler Kurtenbach. „Das macht es jedenfalls schwieriger, als wenn sie Finanzinvestoren gehören.“ Die vielen Eigentümer könnten sich oft nicht auf erforderliche Sanierungen einigen. Heruntergekommene Wohnanlagen seien so schwer zu retten.

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