Hunderte Wissenschaftler warnen vor Übertragung des Coronavirus durch Aerosole

Coronavirus

Maßnahmen wie Händewaschen und Mindestabstand können helfen, eine Corona-Infektion zu vermeiden. Eine Gruppe von Wissenschaftlern warnt jedoch davor, die Gefahr durch Aerosole zu unterschätzen.

Genf

07.07.2020, 15:01 Uhr / Lesedauer: 3 min
1,50 Meter Abstand reicht in geschlossenen Räumen nicht, appelliert eine Gruppe von Wissenschaftlern.

1,50 Meter Abstand reicht in geschlossenen Räumen nicht, appelliert eine Gruppe von Wissenschaftlern. © picture alliance/dpa

Mehr als 200 Wissenschaftler fordern von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen Behörden, das Risiko der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole ernster zu nehmen. Es gebe ein erhebliches Potenzial, in einer kurzen bis mittleren Distanz mikroskopisch kleine, mit dem Virus belastete Tröpfchen einzuatmen, heißt es in einem von 239 Wissenschaftlern aus 32 Ländern unterzeichneten Schreiben, das im Fachjournal „Clinical Infectious Diseases“ veröffentlicht wurde.

Das Coronavirus könne sich demnach über eine weitaus längere Distanz als die empfohlenen ein bis zwei Meter Mindestabstand verbreiten – besonders in geschlossenen, stickigen Räumen.

Häufiger lüften, UV-Lampen installieren: Die Forderungen der Wissenschaftler

Die internationale Gruppe von Wissenschaftlern fordert von der WHO und den Behörden, neue Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu empfehlen. Dazu gehöre beispielsweise häufiger zu lüften, hochwertige Luftfilter und UV-Lampen zu installieren und eine zu große Ansammlung von Menschen in Gebäuden sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln zu verhindern.

Maßnahmen wie „Händewaschen und Social Distancing sind angemessen, aber nach unserer Ansicht reichen sie nicht aus, um vor virusbelasteten Mikro-Atemtröpfchen zu schützen, die von infizierten Menschen ausgestoßen werden“, schreiben die Autoren. Gerade hinsichtlich der zunehmenden Lockerungen in vielen Ländern weltweit sei eine Aufklärung über Maßnahmen zur Verhinderung einer Übertragung durch Aerosole von erhöhter Bedeutung.

Aerosole können stundenlang in der Luft bleiben

Wenn Menschen ausatmen, sprechen, husten oder niesen, stoßen sie Tröpfchen aus. In der Regel sind diese etwa fünf bis zehn Mikrometer groß und fallen innerhalb von ein bis zwei Metern zu Boden. Doch Tröpfchen, die kleiner sind, können sich stundenlang als Aerosolpartikel in der Luft aufhalten.

Diese Mikrotröpfchen können sich nach Ansicht der Wissenschaftler in Räumen über eine Distanz von zehn Metern ausbreiten und dabei 1,5 Meter über den Boden hängen. Verschiedene Studien hätten demonstriert, dass die Übertragung über die Luft zahlreiche Infektionsfälle bei sogenannten Superspreader-Events innerhalb von geschlossenen Räumen erklären können.

Studien deuten auf Virusübertragung durch Klimaanlage und Chorgesang hin

Derzeit heißt es von Seiten der WHO, dass eine Coronavirus-Infektion durch Aersole unter „speziellen Umständen“ und in bestimmten Orten möglich ist, unter anderem und vor allem in Krankenhäusern. Viele Studien lassen hingegen vermuten, dass eine Übertragung des Virus durch Aerosole in mehreren Szenarien möglich ist: Eine in dem Fachjournal „Emerging Infectious Diseases“ veröffentlichte Studie untersuchte etwa die möglichen Übertragungswege bei einem Fall in China im Januar, als sich mehrere Menschen in einem Restaurant infizierten.

Demnach ist es wahrscheinlich, dass der Luftstrom einer Klimaanlage das Virus zu mehreren Tischen geweht hat. Eine andere, von den US-amerikanischen „Centers for Disease Control and Prevention“ veröffentlichten Untersuchung, deutet darauf hin, dass das Coronavirus während einer Chorprobe in Washington im März durch Mikrotröpfchen übertragen wurde. 53 Menschen wurden dabei krank, zwei davon starben an den Folgen einer Infektion mit Sars-CoV-2.

Deutscher Experte hält Forderungen der Wissenschaftler für nachvollziehbar

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen der München Klinik Schwabing hält die Forderungen der Wissenschaftler für nachvollziehbar – und schließt sich der Ansicht der Autoren an, dass kleine, mit dem Coronavirus belasteten Aerosolpartikel in geschlossenen Räumen zur Gefahr für Menschen werden können.

Wendtner bedauert, dass die WHO noch keine generelle Warnung zur Gefahr durch eine Aerosol-basierte Coronavirus-Infektion ausgesprochen hat. „Angesichts immer noch steigender globaler Infektionszahlen bei gleichzeitiger Umsetzung von Lockerungsmaßnahmen in manchen Ländern wäre ein Aufruf der WHO zum Schutz vor Sars-CoV-2-haltigen Aerosolen wünschenswert und aus wissenschaftlicher Sicht dringend geboten“, sagte er gegenüber dem „Science Media Center“.

Übertragung durch Oberflächen etwas überschätzt

Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe „emerging viruses“ in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf, sagt, dass die bisherige Unterscheidung zwischen Aeorosol- oder Tröpfcheninfektion nicht ausreichend sei, um alle Übertragungsmöglichkeiten abzudecken. „Nicht jedes virusbeladene Tröpfchen fällt genau nach einer definierten Streckenangabe auf den Boden und die Definition spiegelt nicht die verschiedenen Umweltbedingungen wider“, sagte sie.

Es mache bei der Infektionsgefahr einen Unterschied, ob sich viele Menschen in einem kleinen stickigen Raum befinden oder ob sie im Freien sind, wo die Tröpfchen sofort von der Luftbewegung davon getragen würden. Sars-CoV-2 falle zwar nicht in die Kategorie von Erregern wie Masern oder Windpocken, die sehr lange in der Luft überdauerten. Allerdings habe man am Anfang der Epidemie die Übertragung durch Oberflächen wohl etwas überschätzt und „und die Übertragung durch die Nähe zu Erkrankten, auch durch die gleiche Raumluft, etwas unterschätzt“.

RND

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