Am 12. August 1745 erlaubte der Kölner Erzbischof die Gründung des Betriebs, aus dem sich Hoesch Schwerter Profile entwickelte. Es gab Höhen und Tiefen - aber noch nie so tief wie jetzt.

Schwerte

, 08.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manche kamen für eine einzige Schicht und wurden nie wieder gesehen. „Die Arbeit war ihnen zu schwer“, sagt der Historiker Dr. Andreas Acktun, der die lange Firmengeschichte von Hoesch Schwerter Profile erforscht hat.

Die nahezu komplett erhaltenen Arbeitspapiere belegen vor allem für die 1960er-Jahre eine hohe Fluktuation beim Personal. Arbeitskräfte waren gesucht in der Wirtschaftswunder-Epoche: „Dann gingen sie eben zu einem anderen metallverarbeitenden Betrieb.“ Zur Auswahl standen in Schwerte genug.

Ist das 275-jährige Firmenjubiläum am 12. August das letzte?

Von solchen Zeiten nur träumen können die heute noch 330 Mitarbeiter, denen kürzlich vom Insolvenzverwalter das Ende des Unternehmens spätestens Ende Mai 2021 verkündet worden ist.

Sollte das 275-jährige Jubiläum, das am 12. August ansteht, das letzte in der langen und wechselvollen Geschichte des Stahlbetriebs sein? Er ist einer der ältesten weit und breit, die seit ihre Gründung in derselben Branche verwurzelt geblieben sind.

Die Ursprünge von Hoesch Schwerter Profile lagen in Rödinghausen bei Menden, hier eine Ansicht von 1856. Wegen der Bahn-Anbindung zog das Unternehmen aber ab 1868 nach Schwerte um.

Die Ursprünge von Hoesch Schwerter Profile lagen in Rödinghausen bei Menden, hier eine Ansicht von 1856. Wegen der Bahn-Anbindung zog das Unternehmen aber ab 1868 nach Schwerte um. © Hoesch Schwerter Profile

Der Kölner Erzbischof Clemens August unterschrieb am 12. August 1745 die Urkunde, die einem Freiherrn Johann Heinrich von Dücker die Verarbeitung des Eisensteins erlaubte, den er in seinen Bergwerken rund um Rödinghausen bei Menden förderte.

Dieses Datum sei als Zeitpunkt der Unternehmensgründung anzusehen, erklärt Dr. Andreas Acktun. In einem Schmelzofen auf Dückers Gut in Rödinghausen wurde fortan Roheisen aus Eisenstein geschmolzen.

1827 ging eine Blechwalze in Betrieb, 1835 eine weitere zur Herstellung von Stäben aus Stahl: „Das Verfahren zum Walzen von Profilen ist damit seit 185 Jahren im Unternehmen vorhanden.“

Wegen der Eisenbahn begann 1868 der Umzug nach Schwerte

Nachdem die Familie Dücker aus dem Unternehmen gedrängt worden war, stand ab 1850 der Name „Kissing&Schmöle“ am Werktor. Noch wurde in Menden produziert, doch wurde der Transport bei wachsenden Verkaufsmengen immer problematischer.

Als Schwerte einen Bahnanschluss erhalten hatte, entschied man sich deshalb, dort einen weiteren Standort aufzubauen. Am 2. April 1868 erfolgte die Grundsteinlegung für die Anlagen, in denen Eisen geschmolzen sowie Profile und Draht gewalzt werden sollten.

Wegen der günstigen Verkehrsanbindung wurden sie schnell zum Hauptbetrieb, der Stammsitz in Menden wurde in einer Krise 1885 wegen Unwirtschaftlichkeit dicht gemacht. Schon vorher war das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft „Eisenindustrie zu Menden und Schwerte“ umgewandelt worden, um den Gründerboom der Jahre 1866 bis 1873 für eine Kapitalbeschaffung auszunutzen.

Hier wird glühender Stahl geformt: Das Walzwerk von Hoesch Schwerter Profile im Jahre 2012.

Hier wird glühender Stahl geformt: Das Walzwerk von Hoesch Schwerter Profile im Jahre 2012. © Hoesch Schwerter Profile

Da Walzdraht nur mit Verlust zu verkaufen war, setzte der Vorstand in Schwerte auf die Weiterverarbeitung. „1885/86 erfolgte der Aufbau einer Blankzieherei für Walzdraht, aus dem sich später das Blankziehen von Profilen entwickelte“, berichtet Dr. Andreas Acktun. 1888 wurde eine Stiftefabrik aufgebaut, wo mehr als 100 Maschinen unter ohrenbetäubendem Lärm den gezogenen Draht zu Nägeln formten.

Um den nötigen Stahl zu erzeugen, wurden 1890 fünf Öfen eines Siemens-Martin-Stahlwerks errichtet. Zu dieser Zeit waren rund 1500 Schwerter in dem Betrieb beschäftigt.

Die Konzentration auf Spezialitäten begann schon vor über 100 Jahren

„Bereits 1911 konnten entscheidende Weichen für die zukünftige und bis heute gültige Strategie des Unternehmens gestellt werden: die Konzentration auf Spezialitäten“, sagt Dr. Andreas Acktun.

Es sollte aber noch 25 Jahre dauern, bis der neue Name „Schwerter Profileisenwalzwerk“ diese Entwicklung für alle sichtbar machte. Die Stahl- und Drahtfertigung war schon 1926 als Folge eines Konzentrationsprozesses in der deutschen Stahlindustrie eingestellt worden. Seitdem sind bis heute acht Millionen Tonnen Spezialprofile aus den Hallen gerollt.

Fast so groß wie ein Stadtteil sind die Anlagen von Hoesch Schwerter Profile und des Schwesterunternehmens Hoesch Schwerter Extruded Profiles, die sich vom Bahnhof bis hin nach Wandhofen erstrecken.

Fast so groß wie ein Stadtteil sind die Anlagen von Hoesch Schwerter Profile und des Schwesterunternehmens Hoesch Schwerter Extruded Profiles, die sich vom Bahnhof bis hin nach Wandhofen erstrecken. © Hoesch Schwerter Profile

Währenddessen folgten im Hintergrund Schlag auf Schlag Eigentümerwechsel, die einem Monopoly-Spiel alle Ehre machen würden.

1920 übernahm mit der Stumm-Gruppe erstmals ein Konzern das Sagen, 1926 folgten die Vereinigten Stahlwerke, 1952 die Dortmund-Hörder-Hüttenunion, die selbst 1966 im Hoesch-Konzern aufging. Seit 2006 schließlich gehört der Standort an der Eisenindustriestraße zur italienischen Calvi-Gruppe.

Fliegerbomben zerstörten im Krieg fast alle Werkswohnungen

„Wie bereits im Ersten Weltkrieg setzte das Unternehmen auch im Zweiten Weltkrieg Fremdarbeiter und Kriegsgefangene zur Produktion ein“, berichtet der Historiker. Ihre Zahl sei aber gering geblieben, da man beim Walzen von Spezialprofilen keine ungelernten oder berufsfremden Kräfte gebrauchen konnte.

Kurz vor Ende des Krieges wurden bei Bombenangriffen im Februar/März 1945 zwar die Werksanlagen nur wenig beschädigt, aber die Werkswohnungen drumherum fast total zerstört.

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In den folgenden Wirtschaftswunderjahren - so der Chronist weiter - wurden die Produktionsanlagen umfassend modernisiert. 1956 zog die Profilzieherei in einen Neubau um, ein Jahr später wurde das Presswerk mit einer damals für Deutschland einmaligen Stahl-Strangpresse in Betrieb genommen: „Damit war es möglich, auch nicht-walzbare Profile herzustellen.“ Die alten Walzstraßen I bis VI wurden zwischen 1964 und 1992 durch die moderne Walzstraße VII ersetzt.

Seit 1945 waren rund 7400 Schwerter bei Hoesch beschäftigt

Gleichzeitig sank die Mitarbeiterzahl. Während 1969/70 noch fast 1700 Arbeiter und Angestellte am Pförtner vorbeigingen, sind es heute gerade mal noch 330. Wie groß die Bedeutung des Unternehmens für die Stadt war, beweist eine andere Zahl: Seit Kriegsende bot es 6700 gewerblichen Mitarbeitern und über 700 Angestellten einen Arbeitsplatz. Gehen in ein paar Monaten die letzten Hoeschianer?

Zwölf Jahre Forschungsarbeit für die Firmenchronik

  • Der Historiker Dr. Andreas Acktun hat die Unternehmensgeschichte von Hoesch Schwerter Profile im Verlauf der vergangenen zwölf Jahre erforscht.
  • Er konnte auf eine Vielzahl von Dokumente zurückgreifen, die in den Kellern und Dachböden der Verwaltung lagerten. Die Urkunden und wichtigen Unterlagen sind inzwischen an Thyssen-Archiv in Duisburg übergeben worden.
  • Ergebnis der Forschungsarbeiten ist eine Chronik mit 1400 Seiten und 1000 Fotos.
  • Der Werk ist nicht in gedruckter Form erhältlich. Interessenten können sich aber an den Verfasser wenden per E-Mail an: andreas.acktun@hoesch-profile.com
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