Lüdge-Hinweisgeberin scheiterte: „Es ist alles in Ordnung“

Eine Mitarbeiterin eines Jobcenters in Lippe trifft auf den Pädokriminellen Andreas V. und seine kleine Pflegetochter. Sie hat sofort einen schrecklichen Verdacht und setzt - weit über ihre Zuständigkeiten hinaus - alle Hebel in Bewegung. Vergebens.

03.06.2020, 13:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Befürchtungen einer Jobcenter-Mitarbeiterin, die schon 2016 viele Stellen auf einen möglichen Missbrauch auf dem Campingplatz in Lügde hingewiesen hatte, sind die Behörden nicht mit Nachdruck nachgegangen. Das wurde am Mittwoch bei weiteren Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags deutlich.

Eine einzige Frau - selbst Mutter eines Kindes im Alter des auf dem Campingplatz im lippischen Lügde jahrelang missbrauchten Mädchens - reagiert hoch alarmiert auf den Pädokriminellen Andreas V. Sie ist entsetzt darüber, dass er eine fünfjährige Pflegetochter auf seinem Campingplatz zugesprochen bekommt. Weit über ihre Zuständigkeiten hinaus versucht sie, bei verschiedenen Behörden und Stellen alle Hebel in Bewegung zu setzen, handelt sich damit heftigen Ärger ein und bewirkt am Ende: nichts.

Die Frau sei außer sich gewesen vor Sorge, berichteten übereinstimmend sowohl ihre Vorgesetzte aus dem Jobcenter Lippe als auch eine Erzieherin, die für den Kinderschutzbund in Blomberg arbeitet. Die Mitarbeiterin sei sehr aufgeregt gewesen, nachdem der später wegen schweren Kindesmissbrauchs verurteilte Andreas V. sich im November 2016 mit seiner - nur im Sommerkleidchen erschienenen - Pflegetochter bei ihr im Jobcenter vorgestellt hatte, um Leistungen zu beantragen.

Der Mann habe eine „Schenkungsurkunde“ der leiblichen Mutter über seine Pflegetochter präsentiert, berichtete die Vorgesetzte der Jobcenter-Mitarbeiterin. Da ihre Kollegin aber „nichts Konkretes“ habe vorbringen können für ihr Gefühl, auf dem Campingplatz könne dem Kind sexueller Missbrauch durch ältere Männer drohen, habe sie erwidert, dass sie das für Spekulation halte, sagte ihre Chefin aus.

Nachdem die „völlig verzweifelte Frau“ auch bei den Jugendämtern in Blomberg und Hameln keine Rückmeldung bekommen habe, dass noch einmal genau hingeschaut und geprüft werde, habe sie sich an den Kinderschutzbund Blomberg gewandt, berichtete die dortige Erzieherin dem Ausschuss. „Ich habe im ersten Moment gedacht: Da ist jemand total erschüttert.“

Sie habe daraufhin einen Polizisten in Blomberg über den Hinweis informiert, der wiederum bei einem Kollegen in Lügde nachhaken wollte. Ergebnis sei aber gewesen, dem Mann auf dem Campingplatz sei die Pflegschaft zugesprochen worden. „Ich habe die Rückmeldung bekommen: Es ist alles abgeklopft. Es ist alles in Ordnung.“

Aufgeflogen waren die Verbrechen auf dem Campingplatz erst Ende 2018 nach der Anzeige der Mutter eines weiteren, neunjährigen Missbrauchsopfers. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so extrem ist, wenn doch das Jugendamt schon geguckt hat“, sagte die Kinderschützerin. „Dann wurde doch sicher fachlich angemessen abgewogen. Das habe ich so gedacht.“

Die besorgte Hinweisgeberin hatte vor drei Wochen selbst schon unter Tränen vor dem Untersuchungsausschuss ausgesagt. Sie hatte unter anderem berichtet, der Leiter des Jugendamts in Blomberg sei in ihr Büro gekommen, habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen und sie bedroht, sie solle endlich aufhören. Der Jugendamtsleiter hatte die Vorwürfe nach Angaben des Kreises Lippe wiederholt bestritten.

Auch in ihrer eigenen Behörde hatte sie keine Rückendeckung, wie am Mittwoch deutlich wurde. Sie habe den Jugendamtsleiter nicht zur Rede gestellt, räumte ihre Chefin aus dem Jobcenter ein. Sie habe auch nicht dafür gesorgt, dass die alleinerziehende Mutter den starken Druck und die persönlichen Belastungen durch ein Beratungsgespräch hätte aufarbeiten können.

Beide Zeuginnen sagten aber aus, dass die Warnerin zunächst nichts Konkretes zu sexualisiertem Verhalten gesagt habe. Erst in einem Gedächtnisprotokoll des Beratungsgesprächs mit Andreas V. für die von ihr selbst eingeschaltete Polizei hatte sie im Dezember 2016 merkwürdige Äußerungen festgehalten.

Demnach hatte das Kind davon gesprochen, dass es den Schweißgeruch stinkender Männer hasse. Andreas V. habe gesagt, sie solle sich nicht so anstellen: „Erst macht sie mich heiß, will kuscheln und dann doch nicht. Frauen sind komisch“. Zudem habe er über die Fünfjährige gesagt: „Für Süßigkeiten macht die aber alles“. Der Polizeibeamte hatte aber nur einen Bericht über die Zeugenaussage verfasst, ohne eine Strafanzeige zu schreiben. Im Ausschuss hatte er im vergangenen Monat versichert: „Das würde ich heute anders machen.“

Auch sie habe nach sexuellem Missbrauch nicht gefragt, räumte die Kinderschützerin aus Blomberg ein. „Man hätte da schon detaillierter rangehen müssen, aber das Jugendamt war ja informiert.“

Genau das sei das Problem, sagte der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas: „Es wird drum herum geredet. Keiner fragt nach.“ Dabei gehe es um nicht weniger als sexuelle Gewalt an Kindern.

Mehrere Zeugenbefragungen in dem seit September 2019 tagenden Ausschuss haben bislang den Schluss nahegelegt, dass es in den beteiligten Behörden an klaren Kriterienkatalogen fehlt, Hinweise auf sexuelle Gewalt zu erkennen und konsequent zu verfolgen. Die Teamleiterin des Jobcenters Lippe antwortete auf die Frage des Ausschussvorsitzenden, ob es Regeln gebe, wie in solchen Fällen vorzugehen sei: „Wenn es sie gäbe, dann kenne ich sie nicht.“

Auch eine 60-jährige Sozialarbeiterin, die Andreas V. zu begutachten hatte, hatte am Dienstag im Untersuchungsausschuss unter Tränen gesagt, bei der riskanten Beurteilung von Pflegeverhältnissen helfe keine Fachstelle. „Ich bin echt auf den reingefallen. Ich könnte mich in den Arsch treten dafür.“

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