Ohne eine Hebammenpraxis in Selm geht es nicht. Deswegen haben die Hebammen um Vera Baur eine neue Gemeinschaftspraxis „Die Linde“ eröffnet - mit einem vielfältigeren Programm als bisher.

Selm

, 27.06.2020, 09:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Ort im zweiten Stock der Ludgeristraße 64 ist derselbe. Doch wenn man die neue Praxis der Hebammen in Selm betritt, merkt man gleich: Hier hat sich einiges verändert hat. Nach 12 Jahren hat Annette Höning zum 31. März die Hebammenpraxis in Selm verlassen. Sie ist jetzt nur noch an ihrem zweiten Standort in Lüdinghausen. „Es ist wichtig, dass es hier trotzdem weitergeht, denn ohne eine Praxis in Selm geht es nicht“, erklärt Hebamme Vera Baur.

Zusammen mit den Hebammen Anna Büscher, Brigit Merk und Jaqueline Stratmann sowie Physiotherapeutin Verena Erdbrügge hat sie überlegt, wie es mit der Praxis in Selm weitergehen kann. Das Ergebnis ist die Praxisgemeinschaft „Die Linde“. Das Wort „Hebamme“ findet man im Namen aber nicht mehr. Dazu haben sich die Hebammen explizit entschlossen.

Lockeres Netzwerk aus Hebammen

„Wir verstehen uns als lockere Gemeinschaft und Netzwerk, in dem sich jeder ausprobieren kann und wir ganz viele verschiedene Sachen anbieten wollen.“ Denn neben den klassischen Geburtsvorbereitungskursen und Rückbildungskursen, gibt es in der Praxisgemeinschaft auch Trageberatung, Ernährungsberatung oder verschiedene Fitnesskurse - auch einen „Fit ab 50“-Kurs.

Eine Herausforderung war dabei auch die Tatsache, dass alle Hebammen nicht Vollzeit in der Praxis arbeiten. Denn nebenbei haben alle fünf noch andere Tätigkeiten, zum Beispiel arbeiten sie in Kliniken, machen Fortbildungen oder haben selbst kleine Kinder zuhause, die Betreuung brauchen.

Doch sowohl die Stadt Selm, als auch Anwohner und die Klinik in Datteln - der Träger von dem Gebäude der Hebammenpraxis - waren offen für die lockere Idee der Hebammen. „Es macht einfach Spaß, wenn man merkt, dass niemand einem Steine in den Weg legt und alle an unserem Angebot in Selm interessiert sind“, so Vera Baur.

Corona-Krise legt zunächst alle Kurse auf Eis

Doch genau in der Übergangsphase kam dann die Corona-Krise: Kurse konnten vom einen auf den anderen Tag nicht mehr stattfinden, Einnahmen fielen weg und die Hebammen hatten auf einmal mehr Zeit - besonders für die Umgestaltung der neuen Praxis. Jeder habe angepackt, Wände gestrichen, in Teamarbeit die Böden verlegt und eigene Ideen in die Praxis eingebracht. „So gesehen war es der optimale Zeitpunkt, denn wir hatten einfach mehr Zeit und Ruhe und haben sogar mehr geschafft, als wir erst geplant hatten“, sagt Vera Baur.

Vera Baur zeigt den neuen Behandlungsraum, den das gesamte Team selbst umgestaltet und renoviert hat.

Vera Baur zeigt den neuen Behandlungsraum, den das gesamte Team selbst umgestaltet und renoviert hat. © Viktoria Michelt

Das Ergebnis: Der große Hauptraum der Praxis ist zum reinen Sportraum geworden, mit viel Platz und einem neuen Design. Auch das Behandlungszimmer, in dem Einzelberatung und Wochenbettsprechstunden stattfinden können, ist renoviert. Nur eine Eröffnungsfeier war leider nicht möglich. „Auf unserer Website können sich die Frauen die Praxis aber virtuell anschauen“, erklärt Hebamme Anna Büscher.

Wieder Kurse in der Praxis möglich

Dabei gäbe es einiges zu feiern. Denn ab nächster Woche starten die Kurse endlich wieder im neuen Raum der Praxis - natürlich mit einem entsprechenden Hygienekonzept. Nur die Kurse mit den Babys müssen noch warten. „Babys halten sich schließlich nicht an Hygienevorschriften, die krabbeln weg, spucken und eine Maske können sie ja auch nicht tragen“, sagt Jaqueline Stratmann und lacht.

Doch auch während der Corona-Zeit haben die Kurse stattgefunden - und zwar online. „Vor allem bei Geburtsvorbereitungskursen war das wichtig, die Kinder warten schließlich nicht, bis Corona wieder vorbei ist“, sagt Jaqueline Stratmann. Dabei waren alle Hebammen erstaunt, wie einfach das Online-Angebot über Zoom umzusetzen war. „Man wächst da so rein, irgendwann war das eigentlich ganz cool“, erklärt Vera Baur.

Online Kurse am Abend sind beliebt

Schließlich müsse man die Situation auch als Chance sehen. Denn viele Frauen, die vielleicht mehrere Kinder haben, konnten sich so besser organisieren. „Man muss die Frauen eben da abholen, wo sie sind“, erklärt Vera Baur. Beliebt war in den letzten Wochen deswegen vor allem der Kurs um 20 Uhr abends.

„Das war perfekt, denn die Mütter hatten ihre Kinder schon ins Bett gebracht und konnten ihr Babyfon einfach mit in den Kurs nehmen“ erklärt Physiotherapeutin Verena Erdbrügge. So einen ähnlichen Kurs wolle die Praxis auf jeden Fall auch nach Corona beibehalten. Doch auch alle anderen Online-Kurse haben die Frauen gerne angenommen, viele waren froh, dass es überhaupt weiter ging.

Doch natürlich gab es an der Situation nicht nur Vorteile. Denn einen richtigen Kurs kann eine Online-Sitzung natürlich nicht ersetzen, man könne die Übungen nicht so gut korrigieren. Und: „So ein Vorbereitungskurs lebt davon, dass die Mütter sich kennen lernen und auch über den Kurs hinaus austauschen können“, erklärt Stratmann. Deswegen fanden einige Kurse später auch im Freien statt.

Große Nachfrage an Hebammen

Gleichzeitig ist die Nachfrage nach Hebammen immens. „Viele rufen sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest an, ehe sie überhaupt den Vater oder die Familie informiert haben“, erklärt Anna Büscher lachend. Sie habe erst gestern eine Anfrage bekommen mit dem Entbindungstermin am 1. März 2021. Doch oft müsse man auch so früh sein. „Wenn jemand erst in der 20. Schwangerschaftswoche zu uns kommt, ist das definitiv zu spät.“

Deswegen bietet die Praxisgemeinschaft ab Juli auch Wochenbettsprechstunden an. Die sind dann für Frauen, die eventuell keine Hebamme wollen, so aber trotzdem eine Beratung oder ein paar Tipps haben können. Vorher müssen die Frauen sich aber per Mail anmelden.

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