Handicap auf Zeit - Selmer organisieren Workshop zum Sensibilisieren

dzWorkshop „Steck in meiner Haut“

Der Workshop „Handicap auf Zeit - Steck in meiner Haut“ sollte nicht behinderten Menschen die Probleme von Menschen mit Handicap näher bringen. Damit waren nicht nur Bordsteinkanten gemeint.

von Nick Gehrmann

Selm

, 10.09.2020, 21:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Martina Siehoff, Inklusionsbeauftragte der Linken NRW, sitzt seit 2002 mit der Diagnose Multiple Sklerose im Rollstuhl. Zusammen mit Daniela Volle von der Fraktion „Wir für Selm“ leitete sie den Workshop „Steck in meiner Haut“ im Selmer Bürgerhaus.

„Versuch dir mal vorzustellen, wie es in meiner Haut ist. Ich komme aus Dortmund. Für Menschen mit Behinderung ist es stets ein Abenteuer, in eine fremde Stadt zu kommen. In der Regel ist da viel Vorbereitung nötig“, erklärte Siehoff. „Gerade die alten Gebäude sind nicht barrierefrei.“ Aber auch die fehlende Sensibilisierung der Menschen sei ein Problem.

Als Gesunder im Rollstuhl

Um den Anwesenden näher zu bringen, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben, hatte Daniela Volle unter anderem einen Rollstuhl mitgebracht, mit dem gesunde Menschen im Workshop ausprobieren durften, wie es ist, damit umgehen zu müssen. Eine einfache Fahrt durch den Saal war noch kein Problem. Doch dann wurden zusätzliche Gewichte an die Arme gebunden, die eine Schwäche der Arme simulieren sollten. „So ungefähr fühlt es sich an, wenn man alt ist und die Arme nicht mehr so stark sind“, erklärte Daniela Volle. So war es dann schon erheblich schwieriger, den Rollstuhl zu lenken.

Gerade für ältere Rollstuhlfahrer seien aber nicht nur die schweren Arme ein Problem. „Wenn man älter wird, lässt die Sehkraft nach. Da helfen auch Brillen nicht immer“, so Volle. Mit schlechten Augen wurde das Fahren direkt komplizierter. Entfernungen konnten nicht immer korrekt eingeschätzt werden.

„Diese Probleme haben viele Menschen jeden Tag. Und dann gibt es auch noch Stellen, wo man mit einem Rollstuhl nicht lang fahren kann oder wo es Kopfsteinpflaster gibt“, erklärte Martina Siehoff.

Langwierige Genehmigungsprozesse

Mit einem Rollstuhl in andere Städte zu kommen ist häufig sehr schwierig, gerade wenn man alleine lebt. Martina Siehoff hat dafür ein umgebautes Auto, in das sie durch eine Art Hebebühne mit Rollstuhl hineinkommt. Auf die Frage, ob sie den Umbau selbst zahlen musste, antwortete Siehoff: „Nein, das meiste hat der LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Anm. d. Red.) übernommen.“ Bis diese gezahlt hätten, habe es allerdings über ein Jahr gedauert. „Ich musste zwei oder dreimal Einspruch einlegen, bis ich das Geld bekommen hatte“, so die Inklusionsbeauftragte.

Behinderung als Soziales Konstrukt - Wer behindert wen?

„Behinderung ist ein soziales Konstrukt, kein medizinisches“, zitierte Siehoff Theresia Degener, die als Professorin für Disability Studies in Bochum tätig ist. „Das Thema ist sehr vielschichtig“, so Siehoff. Das Wissen der Menschen darüber sei allerdings mangelhaft. Und das, obwohl es die UN Behindertenrechtskonvention gibt. „In Artikel 8 steht, dass sich die Länder dazu verpflichten, wirksame Kampagnen zur Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit einzuleiten und dauerhaft durchzuführen. Vielleicht ist ihnen ja so etwas bekannt. Mir nicht“, erklärte Siehoff bitter.

„10 Prozent der Deutschen Bevölkerung haben eine Behinderung. Aber Barrieren sind so oft vorhanden. Für Rollstuhlfahrer zum Beispiel ist Kopfsteinpflaster ein Albtraum“, so Martina Siehoff. Einkaufen in der Innenstadt? „Das ist häufig unmöglich. Große, moderne Einkaufszentren wie das Centro in Oberhausen oder auch die Thiergalerie in Dortmund sind fast vollständig barrierefrei. Die Innenstädte sind das eben nicht.“ Ein großes Problem seien auch behindertengerechte Toiletten.

„Inklusion wird in Deutschland einfach nicht genug betrieben. Das fängt bei den fehlenden barrierefreien Gegenden an und geht bei dem Unwissen der Bevölkerung weiter“ meint Martina Siehoff. „Mitleid ist das letzte, was wir wollen. Wenn man jedoch sieht, dass jemand mit Rollstuhl Hilfe braucht, dann kann man ruhig fragen ob man helfen soll, wir nehmen einem das nicht Übel.“

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