Häusliche Gewalt in Corona-Zeiten: Teilweise starker Anstieg – außer in zwei Bundesländern

Polizeistatistik

Zu Beginn der Corona-Krise ist ein Anstieg der häuslichen Gewalt befürchtet worden. Vielerorts sind diese Sorgen wahr geworden – nur NRW und ein weiteres Bundesland verwundern mit ihren Daten.

23.10.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Eine junge Frau steht in einem Zimmer eines Frauenhauses. Zu Corona-Zeiten sind Opfer häuslicher Gewalt besonders gefährdet.

Eine junge Frau steht in einem Zimmer eines Frauenhauses. Zu Corona-Zeiten sind Opfer häuslicher Gewalt besonders gefährdet. © picture alliance/dpa

Wohin, wenn das eigene Zuhause keinen Schutz mehr bietet? Für Frauen, die vor Gewalt in ihrer Partnerschaft fliehen, sind Frauenhäuser oftmals die letzte Zufluchtsstätte. In diesem Jahr sind viele von ihnen noch stärker gefragt als sonst – denn die Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

„Seit Beginn der Pandemie sind wir praktisch immer voll belegt“, sagt Dagmar Köller. Sie leitet das Frauenhaus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bremen – und hat in den vergangenen Monaten eine Veränderung gespürt.

„Die Zahlen sind in diesem Jahr gestiegen“, so Dagmar Köller. „Wenn eine Frau auszieht, zieht direkt eine Neue ein.“ Sie bestätigt damit die Befürchtungen der Hilfsorganisationen und Opferverbände, die bereits im März vor einem Anstieg der häuslichen Gewalt warnten.

Übergriffe in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern „enorm erhöht“

In Bremen ist er spürbar. Und nicht nur dort. Wie Elisabeth Oberthür vom Verein Frauenhauskoordinierung berichtet, haben in einigen Bundesländern die Fälle von häuslicher Gewalt zugenommen – zumindest, wenn es nach den Polizeidaten geht.

„In einigen Bundesländern haben sich die Zahlen enorm erhöht – etwa in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern“, sagt sie. Eine erste Auswertung der Daten lag bereits im Juni vor: Auch in den Stadtstaaten ist demnach ein Anstieg der Fälle spürbar.

Das Merkwürdige: Die vom Verein zusammengefassten Daten aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sprechen eine ganz andere Sprache. Dort kam es bis zum Sommer sogar zu einem Rückgang der Fallzahlen – nach Angaben der Frauenhauskoordinerung in NRW sogar um 21 Prozent.

Schwankungen nicht plausibel

Wie es zu den starken Abweichungen kommen kann, erklärt sich auch der Verein nicht ohne weiteres. Elisabeth Oberthür kann nur vermuten: „In den Bundesländern gab es beispielsweise unterschiedlich strenge Corona-Regeln“, so die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Gewaltschutz und Flucht.

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Ebenfalls ein möglicher Grund: In Stadtstaaten leben Menschen auf engerem Raum beieinander – was die Zuspitzung von Konflikten weiter befördern kann, vermutet sie. In großen Flächenstaaten könnte es wiederum sein, dass weite Entfernungen zum nächsten Frauenhaus mit freien Plätzen für Betroffene ein Hindernis darstellen können.


Dennoch bleiben viele Fragen offen. Elisabeth Oberthür gibt außerdem zu bedenken, dass die Polizeidaten nur das Hellfeld erfassen – also nur jene Fälle, die den Beamten gemeldet werden. Ein Rückgang der offiziellen Zahlen müsse nicht unbedingt bedeuten, dass es weniger Gewalt gibt.

„Hilfssystem ist ein großer Flickenteppich“

Hinzu komme, dass es unterschiedliche Hilfsmöglichkeiten in den Bundesländern gebe. „Das Hilfssystem ist ein großer Flickenteppich“, so Oberthür. So gebe es unter den Bundesländern erhebliche Unterschiede, was die Hilfsnetze, die Finanzierung und die Kapazitäten der Frauenhäuser angehe.

Das Bremer Frauenhaus der AWO steht dabei noch vergleichsweise gut da. Anders als viele andere deutsche Frauenhäuser, die schon seit Jahren entlang der Belastungsgrenze balancieren müssen, war die Einrichtung vor Beginn der Corona-Pandemie nicht vollständig belegt.

Außerdem hat sie die „glückliche Lage“, wie Dagmar Köller es beschreibt, dass jede Frau ein eigenes Zimmer für sich und ihre Kinder haben kann. Insgesamt bietet das Haus Platz für 38 Frauen und Kinder.

Frauenhaus im Corona-Modus

Ein eigenes Zimmer: In Corona-Zeiten ein wertvolles Gut. Denn das Bremer Frauenhaus muss an verschiedenen Fronten kämpfen: Gegen die Gewalt. Und gegen eine Ausbreitung des Coronavirus. „Sollte jemand positiv getestet werden, geht hier nichts mehr“, sagt Dagmar Köller.

Im Frauenhaus herrschen strikte Hygieneregeln, die gemeinschaftlich genutzten Räume wie die Küche müssen so aufgeteilt werden, dass der Infektionssschutz gegeben ist. „Wer erkältet ist, muss sofort zum Test“, erklärt die Leiterin. Beratungen finden nur noch im großen Büro statt – mit Maske und unter Einhaltung den gängigen Abstandsregeln.

Das bringt auch die Mitarbeiterinnen an ihre Grenzen. „Ich bin seit Jahrzehnten in der Frauenhausarbeit – was mir unheimlich fehlt ist das Trostspenden“, beschreibt Dagmar Köller die schwierige Situation. „Man kann nicht mal die Hand einer Frau halten oder ein Kind auf den Arm nehmen. Es ist eine vollkommen andere Art der Arbeit.“

Sorge vor verschärften Corona-Maßnahmen

Auch für die Frauen ist die Situation belastend. Gerade von Gewalt geflohen, haben sie nun teilweise nur noch das Frauenhaus als Zufluchtsort. „Vor der Pandemie sind sie manchmal am Wochenende zu Verwandten oder Freunden gefahren“, so die Frauenhausleiterin. Das ist zwar auch jetzt wieder möglich, aber wegen der Rückverfolgung mit viel Aufwand verbunden.

Dagmar Köller befürchtet, dass erneute Beschränkungen die Situation nochmals verschärfen könnten. „Sollte es wirklich noch einmal ein Lockdown mit Kurzarbeit und den anderen Folgen geben, wird sich das sicherlich auf die Frauen negativ auswirken“, sagt sie. Frauen, die in gewalttätigen Partnerschaften leben, seien dann auf engstem Raum mit ihrem Partner – und die Kinder auch.

Frauenhäuser sind besser vorbereitet

Elisabeth Oberthür hat ähnliche Befürchtungen. Bei einem drastischen Lockdown könnte sich der Druck weiter erhöhen – und die Gewalt sich weiter zuspitzen.

Allerdings sieht sie gegenüber der Situation im Frühjahr einen entscheidenden Vorteil: „Wir sind mit unseren Hilfesystemen nun besser vorbereitet“, sagt sie. So bestünden nun Pandemiepläne, beispielsweise zur Aufnahme neuer Frauen oder dem Infektionsschutz der Bewohnerinnen.

Doch auch wenn die Einrichtungen nun besser aufgestellt sind – Elisabeth Oberthür befürchtet, dass betroffene Frauen derzeit dennoch angespannt auf die kommende Zeit blicken. „Auf der Seite der Betroffenen sind die Sorgen die gleichen wie zuvor: soziale Isolation in einer Zeit, in der die Gewalt durch den Partner besonderes Eskalationspotential hat.“

RND

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