Gütersloh schließt Kitas und Schulen - Neuer Corona-Ausbruch im Schlachtereibetrieb Tönnies

Erneuter Ausbruch

Während NRW auf Lockerungskurs ist, muss der Kreis Gütersloh die Zügel bei der Corona-Eindämmung wieder anziehen: Beim Fleischriesen Tönnies gibt es einen größeren Ausbruch - der Folgen hat.

Gütersloh

17.06.2020, 13:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche 400 Menschen positiv auf das Coronavirus gestestet worden.

Im Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche 400 Menschen positiv auf das Coronavirus gestestet worden. © picture alliance/dpa

Als Reaktion auf einen Corona-Ausbruch mit mehr als 650 Infizierten beim Fleischunternehmen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind im Kreis Gütersloh ab diesem Donnerstag die Schulen und Kitas geschlossen. Bis zu den Sommerferien wird nur eine Notbetreuung angeboten. Auf diese Weise hoffen Kreis und Landesregierung, die Gefahr einer Ausweitung des Virus einzudämmen. Bislang gehen die Behörden von einem „lokalen Ereignis“ aus, das sich auf die Mitarbeiter des Schlachtbetriebs am Tönnies Hauptproduktionsstandort begrenzen lasse.

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) sprach deshalb von einer „Vorsichtsmaßnahme“. Einen allgemeinen Lockdown wolle man nicht. Im ostwestfälischen Kreis Gütersloh leben rund 362 000 Menschen. Am Mittwoch hatte Deutschlands Marktführer bei der Schlachtung von Schweinen einen deutlichen Anstieg von Infizierten-Zahlen unter den Beschäftigten vermeldet. Bis zum Abend war die Zahl der positiv auf das Corona-Virus getesteten Mitarbeiter auf 657 gestiegen, 326 negative Ergebnisse lagen ebenfalls vor. Ein Großteil der Ergebnisse der vom Kreis veranlassten Testungen auf dem Gelände der Firma Tönnies liege damit vor.

Kalte Temperaturen als Auslöser?

Landrat Adenauer hat Quarantäne für rund 7000 Menschen verfügt. Dazu zählen nach seinen Angaben die Beschäftigten auf dem Werksgelände, die Infizierten sowie ihre unmittelbaren Kontaktpersonen. Für NRW bedeuten die positiven Tests einen starken Anstieg der Fallzahlen. In den vergangenen Tagen war die Zunahme von nachgewiesenen Infektionen geringer geworden und hatte meist um die Zahl 100 geschwankt.

Das Unternehmen Tönnies geht bislang davon aus, dass von Heimaturlauben in Osteuropa zurückkehrende Beschäftigte das Virus mitgebracht haben könnten. Ein weiterer Faktor für die Verbreitung seien die kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen. Reaktionen von Kritikern der Fleischbranche kamen prompt: Der Fraktionsvorsitzende der Grünen Anton Hofreiter nannte die Zustände unhaltbar: „Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der Fleischbarone aufs Spiel gesetzt.“

„Politik verkennt Dimension des Problems“

Auch für die SPD sei nach dem massiven Ausbruch erneut in der Fleischindustrie klar, betonte die Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Katja Mast: „Geschäftsmodell und Infektionsgeschehen hängen zusammen“, sagte sie. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag): „Das Hygienekonzept muss komplett versagt haben.“

Auch Greenpeace kritisierte, Branchengrößen wie Tönnies nähmen massive Infektionsrisiken in Kauf und gefährdeten die ganze Region. „Die Politik verkennt die Dimension des Problems. Die Produktion von Billigfleisch funktioniert nur auf Kosten von Gesundheit, Tier und Umwelt“, teilte Stephanie Töwe von der Naturschutzorganisation mit.

Kein „Weiter so“

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, der für den Wahlkreis Gütersloh I im Bundestag ist, sagte dem „Westfalen-Blatt“ (Donnerstag), dass die Ursachen für das Infektionsgeschehen aufgeklärt werden müssten. „Ein „Weiter so“ mit dem Versprechen, „Wir werden in Zukunft alles besser machen“, kann es bei Tönnies im Interesse der Beschäftigten, aber auch aller Menschen im Kreis Gütersloh nicht geben“, so der CDU-Politiker.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kündigte an, erneut landesweit alle Schlachthofbelegschaften mit Werkvertragsarbeitern auf das Virus testen zu lassen, um festzustellen, ob es sich bei dem Ausbruch um eine Ausnahme handele oder nicht. In den vergangenen Wochen war es an mehreren Standorten in Deutschland, darunter auch beim Tönnies-Konkurrent Westfleisch im Kreis Coesfeld, zu Ausbrüchen des Coronavirus gekommen. Im Mai waren auf Anordnung des Gesundheitsministers alle Beschäftigten in den Schlachtbetrieben auf eine Corona-Infektion getestet worden.

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