Frauenberatungsstelle sieht geringe Fallzahlen in Corona-Krise skeptisch

dzGewalt in Werne

Die Frauenberatungsstelle und die Polizei Unna melden nur wenige Fälle häuslicher Gewalt in Werne. Die Frauenberatungsstelle hat dafür aber eine mögliche, unerfreuliche Erklärung.

Werne

, 25.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Diese Zahlen scheinen auf den ersten Blick für eine positive Entwicklung zu sprechen: Während der Corona-Pandemie und den anhaltenden Kontaktbeschränkungen, in einer Zeit also, in der viele Menschen überwiegend zu Hause sind, hat es offiziellen Zahlen zufolge keine erhöhten Fälle von häuslicher Gewalt in Werne gegeben.

Von Mitte März bis Mitte Mai ist der Polizei im Kreis Unna für Werne ein Fall von häuslicher Gewalt gemeldet worden. Darunter fallen alle Arten von häuslicher Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer. „Wir können erfreulicherweise feststellen, dass wir eine rückläufige Entwicklung der häuslichen Gewalt haben“, sagt der Sprecher der Polizei in Unna, Christian Stein. 2018 habe es in dem besagten Zeitraum 9 Fälle gegeben, 2019 waren es 2. Diese Entwicklung sei auch analog im Kreis Unna zu beobachten (73 in 2018, 65 in 2019, 50 in 2020).

„Ein Fall ist immer ein Fall zuviel“

Die Gründe für diese Entwicklung sind laut Stein aber noch unklar und müssen „unter die Lupe genommen werden“. „Wir bewegen uns noch auf einem frischen Niveau, weil die ganzen Lockerungen noch nicht so lange gelten.“ Gleichzeitig ist aber auch der Polizei bewusst, dass es sich bei den registrierten Fällen nur um die Fälle handelt, die auch zur Anzeige gebracht wurden. „Auch wenn es schwer fällt, appellieren wir dazu, die Tat zur Anzeige zu bringen“, so Stein. „Ein Fall ist immer noch ein Fall zuviel.“

Sowohl im Kreis als auch NRW-weit kämen keine erhöhten Zahlen häuslicher Gewalt an, heißt es auch auf unsere Nachfrage bei der Frauenberatungsstelle des Kreises Unna. Bis Ende April dieses Jahres habe es in Werne einen Fall häuslicher Gewalt gegeben, mit dem die Beratungsstelle zu tun hatte. 2019 sei kein Fall bekannt geworden. „Man kann deshalb aber nicht sagen, dass in Werne keine häusliche Gewalt stattfindet“, sagt Birgit Unger, Geschäftsführerin des Frauenforums im Kreis Unna e.V..

Frauenberatungsstelle sieht geringe Fallzahlen in Corona-Krise skeptisch
„Die Vermutung ist, dass die Frauen länger und mehr aushalten.“
Birgit Unger

Wie hoch die Fallzahlen der häuslichen Gewalt in Werne und im Kreis tatsächlich sind, ist auch aus einem zweiten Grund nicht leicht zu beantworten: „Man muss wissen, dass wir nicht nur Frauen (im Frauenhaus, Anm. d. Red.) aus dem Umfeld aufnehmen. Ein Drittel kommt aus dem Kreis, ein Drittel aus der Region und ein Drittel kommt von überall her, je nachdem, wie weit sie weg wollen“, sagt Birgit Unger.

Es sei ruhig während des Shutdowns gewesen. „Es kamen wenige Anrufe an, es gab keine Face-to-Face-Beratung mehr“, beschreibt Birgit Unger die Zeit während des Shutdowns. Ihre traurige Hypothese: „Die Vermutung ist, dass die Frauen länger und mehr aushalten. Die Chancen bieten sich nicht, unbeobachtet zu telefonieren.“ So sei es selten, dass eine Frau anrufe und etwa die Chance nutze, dass der Partner gerade unter der Dusche stehe.

Kurzzeitiger Aufnahmestopp, als das Virus sich ausbreitete

Auch für die Frauenhäuser ist das Virus eine Herausforderung: Anfang März hatten sämtliche 64 Frauenhäuser einen Aufnahmestopp verhängt, um den Umgang mit der neuen Situation zu eruieren, so Unger. „Die Frauenhäuser mussten sich erstmal beraten.“

Und noch einen Punkt schränkt die Corona-Pandemie ein: den Schritt vorwärts in ein eigenständiges Leben. „Nach einiger Zeit entscheiden sich die Frauen für ein Leben außerhalb des Frauenhauses“, so Unger. Das könne eine eigene Wohnung sein, die Scheidung, der Weg zurück zum Partner. Doch vieles davon gestalte sich derzeit schwierig. „Wie soll man das machen, wenn alles zu ist?“, fragt Unger.

Gleichzeitig bestehe das Risiko, dass Frauen Plätze in Frauenhäusern belegten, weil sie keine Wohnung finden. Zwar gebe es auch jetzt sehr motivierte Vermieter, die helfen wollten. Aber viele hätten auch Angst: „Vielen war es zu heikel, wegen des Coronavirus“, so Unger.

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Doch ein Blick auf die Karte der NRW-Frauenhäuser lässt Birgit Unger vermuten, dass sich die Beratungssituation nun langsam wieder normalisiert. Einige Frauenhäuser haben wieder angegeben, freie Plätze zu haben. Auch in der Frauenberatungsstelle in Unna müssen dafür nun die Bedingungen geschaffen werden - etwa, indem Beratungen aus den kleinen Einzelbüros in größere Räume mit mehr Abstand verlagert werden.

Hinzu kommen der Einsatz von Mundschutz und Desinfektionsmittel. Die Mitarbeiter haben außerdem unterschiedliche Schichten zugewiesen bekommen. Für das Frauenhaus im Kreis gibt es einen Pandemieplan, so Unger, der regelt, wie eine Frau ins Haus aufgenommen wird und wie das Leben dort unter Corona geregelt werden muss.

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Doch all das kommt, nachdem sich die Betroffenen ein Herz gefasst und entschieden haben, ihre Situation zu verlassen. Deshalb rät die Polizei Betroffenen, mögliche Verletzungen vom Arzt des Vertrauens dokumentieren zu lassen. Dies sei für das spätere Ermittlungsverfahren wichtig.

Darüber hinaus haben Betroffene die Möglichkeit, sich bei der Frauenberatungsstelle des Kreises Unna (Tel. 02303-82202; frauenberatungsstelle@frauenforum-unna.de) oder dem kostenlosen Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (0800/0116016) beraten zu lassen. Auch auf der Seite www.polizei-beratung.de finden Betroffene detaillierte Hilfe.

Tipps für Betroffene von Polizei und Beratungsstelle

Die Polizei hat nach dem Gewaltschutzgesetz die Möglichkeit, den Täter oder die Täterin für mehrere Tage der Wohnung zu verweisen. Darüber hinaus kann ein Gericht den Gewalttäter für bis zu sechs Monate aus der gemeinsamen Wohnung verweisen - auch wenn diese dem Täter oder der Täterin gehört.

Auf der Seite der Frauenberatungsstelle in Unna haben Betroffene außerdem die Möglichkeit, in einem gesicherten virtuellen Raum anonym mit der Beratungsstelle in Kontakt zu treten und sich erste Hilfe zu holen. „Da muss niemand sagen, wer er ist“, so Unger. Außerdem ist die Frauenberatungsstelle immer werktags vormittags drei und nachmittags eine Stunde erreichbar, freitags nur vormittags.

Birgit Unger gibt Betroffenen folgenden Rat - jede Chance zu nutzen, sich Hilfe zu suchen. „Man kann auch Freunden und Freundinnen sagen: ‚Kannst du bitte den Kontakt für mich suchen?‘, um auf diesem Weg an die Polizei zu kommen.“ Andere Frauen nutzten kurze Abwesenheiten des Mannes, um sich in ein Frauenhaus zu flüchten.

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