Flüchtlingsbeauftragter der UN: Corona könnte neue Fluchtwelle verursachen

Migration

Der Bürgerkrieg in Syrien wütet seit Jahren - jetzt erschwert die Corona-Krise zusätzlich das Leben dort. Im Interview spricht UN-Flüchtlingsbeauftragter Dominik Bartsch über die Folgen.

Brüssel

von Max Hempel

, 30.06.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Dominik Bartsch, deutscher Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars (UNHCR).

Dominik Bartsch, deutscher Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars (UNHCR). © picture alliance/dpa

Am Dienstag verhandeln die EU-Staaten in Brüssel bei einer internationalen Geberkonferenz die finanziellen Hilfen für das vom Bürgerkrieg gebeutelte Syrien. Für viele syrische Geflüchtete ist die Lage seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder bedrohlicher geworden, warnt der UNHCR-Beauftragte Dominik Bartsch vor Beginn der Konferenz.

Vor allem in den syrischen Nachbarländern hätten sich die Lebensumstände für Geflüchtete in den vergangenen Monaten drastisch verschlechtert. Neue Fluchtbewegungen seien nicht auszuschließen. Im RND-Interview erklärt er die Hintergründe.

Herr Bartsch, Sie arbeiten derzeit als UNHCR-Beauftragter für Flüchtlinge in Jordanien. Wie ist die Lage im Nachbarland Syrien?

Sie ist weiterhin extrem angespannt. Die Kampfhandlungen rund um Idlib sowie in den kurdischen Gebieten im Nordosten haben in den vergangenen Monaten noch mehr Menschen in die Flucht getrieben. Aber auch im Rest des Landes ist die Situation der Menschen prekär. Staatliche Infrastruktur existiert kaum und auch an Nahrungsmittel und sanitäre Anlagen gelangen die Menschen immer schwerer.

Allein sechs Millionen Menschen sind Binnenvertriebene, gelten auf dem Papier also nicht mal als Flüchtling, da sie keine Grenze überschritten haben. Sie kommen bei Freunden und Verwandten unter oder sind obdachlos. 5,5 Millionen weitere Syrer sind tatsächlich ins Ausland geflohen. Ein Großteil davon in die Nachbarstaaten, wie die Türkei, Libanon …

… oder eben Jordanien.

Genau. Hier leben rund 650.000 syrische Flüchtlinge, die bei UNHCR registriert sind. Ein Fünftel davon ist tatsächlich in Lagern untergebracht, der große Rest hingegen hat in den urbanen Zentren eine Heimat gefunden.

Das klingt, als hätten sich die Syrer in Jordanien gut eingefunden?

So ist es auch. Viele haben hier in den vergangenen Jahren einen Job und ein Dach über dem Kopf gefunden. Syrische und jordanische Kinder gehen gemeinsam zur Schule. Dennoch belasten die vielen hinzugekommenen Menschen natürlich auch den Staat. Sie leben oftmals nahe an der Armutsgrenze und sind in Krisenzeiten besonders anfällig für sozialen Abstieg. Die meisten Syrer hier leben von der Hand in den Mund.

Wie sehr hat die Corona-Krise das Land und die dort lebenden Geflüchteten getroffen?

Die Auswirkungen sind enorm. Zuerst einmal muss man aber sagen, dass durch eine sehr strenge Ausgangspolitik der jordanischen Regierung die Zahl der Infizierten und Toten durch das Virus relativ gering ist. Auch hat die Regierung von Anfang an klar vermittelt, dass alle Geflüchteten Zugang zu den öffentlichen Gesundheitsleistungen haben.

Dafür sind die wirtschaftlichen Konsequenzen für die ganze Gesellschaft umso härter. In den vergangenen Monaten hat ein Drittel aller syrischen Geflüchteten ihre Arbeit verloren. Sie arbeiten meistens in informellen Jobs in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Und die Tendenz ist weiter steigend.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit als UNHCR?

Wir haben in der Vergangenheit Familien unterstützt, wenn diese finanziell in Not gerieten. Etwa, wenn das Einkommen einer alleinerziehenden Mutter mit mehreren Kindern am Ende des Monats nicht mehr ausgereicht hat. Dann haben wir den Menschen Bargeldhilfe gegeben, um zumindest die Grundbedürfnisse abdecken zu können. Doch jetzt kommen auf einmal viel mehr Menschen auf uns zu, weil sie durch die Corona-Pandemie ohne Geld dastehen und ihre Familie nicht mehr versorgen können. Vielen droht so mittelfristig die Obdachlosigkeit.

Die Lage ist also ernst.

Sehr ernst! Wir brauchen mehr Geld und Ressourcen, um den Menschen in den angrenzenden Nachbarländern Syriens zu helfen. Sollte sich die Lage in den kommenden Monaten für die Geflüchteten verschlechtern, befürchten wir, dass viele ihre Perspektive verlieren und woanders Schutz suchen. Neue Fluchtbewegungen wären die Folge. Um es mal in den Politiksprech zu übersetzen: Genau das ist Fluchtursachenbekämpfung.

Heute tagt zum vierten Mal in Brüssel die EU-Geberkonferenz für Syrien. Dabei geht es es darum, wie viele Hilfsgelder weiterhin in die Region und zu den Hilfsorganisationen fließen. Von welchen Dimensionen sprechen wir da?

Der Bedarf für Hilfsgelder wird auf rund 6 Milliarden Euro geschätzt, in den letzten Jahren kamen im Schnitt 2 Milliarden Euro an.

Was denken Sie, wird nun benötigt, um der neuen Lage gerecht zu werden?

Wir werden das Doppelte der bisherigen Gelder brauchen. Nur so können wir das Notwendigste decken, damit die Menschen hier in Jordanien noch eine Zukunft sehen.

Was erhoffen Sie sich von der heutigen Konferenz?

Zum einen, dass wir mit mehr Mitteln ausgestattet werden, um den Menschen vor Ort helfen zu können. Aber vor allem auch, dass Öffentlichkeit und Politik sich wieder intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Syrien ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten.

Dabei ist gerade jetzt äußerste Vorsicht geboten, wenn wir vermeiden wollen, dass sich die Lebensbedingungen der Geflüchteten nicht rapide verschlechtern – und somit auch die Aufnahmeländer wie Jordanien in eine immer schwierigere Lage geraten.

RND

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