Fall Marvin: Vor Verschwinden gab es immer mehr Auffälligkeiten

dzLandgericht Bochum

Im Prozess um den Fall Marvin hat ein Erzieher ausgesagt. Das plötzliche Verschwinden des Teenagers habe sich nicht angedeutet – auch wenn es bestimmte Auffälligkeiten gegeben habe.

von Werner von Braunschweig

Bochum

, 07.07.2020, 18:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um den Fall Marvin ist am Dienstag am Bochumer Landgericht der Leiter der Jugendwohngruppe, aus der der Teenager im Juni 2017 spurlos verschwunden war, als Zeuge befragt worden. Vier Monate war der heute 16-Jährige damals in der Intensivgruppe untergebracht. „Ein paar Wochen vor seinem Verschwinden wurde Marvin immer unruhiger“, erinnerte sich der Erzieher.

Aufenthalt in der Wohngruppe

Aufgenommen worden sei der Teenager im Anschluss an ein Schulausschlussverfahren. Vorrangigstes Ziel sei es gewesen, „ihn möglichst schnell wieder zur Schule gehen lassen zu können“, berichtete der Zeuge. Weiteres individuelles Ziel des Aufenthaltes in der Wohngruppe in Oer-Erkenschwick sollte die Vorbereitung Marvins auf einen angestrebten stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie sein. „Dort stand er auf der Warteliste“, sagte der Erzieher.

Mehr und mehr Auffälligkeiten bei Marvin

Mit der Zeit hätten sich dann mehr und mehr Auffälligkeiten bei Marvin gezeigt. „Er hatte auf einmal Sachen, die er von seinem Taschengeld eigentlich gar nicht hätte finanzieren können“, erinnerte sich der Zeuge. „Mitarbeitern war aufgefallen, dass er unter anderem Parfüms und andere Kleinigkeiten hatte.“ Angesprochen auf die Sachen habe Marvin eher ausweichend auf einen Gönner namens „Ismail“ und seinen Ziehvater verwiesen. Der Erzieher: „Natürlich haben die Mitarbeiter dann auch versucht rauszufinden, wer dieser Ismail ist. Aber da sind sie bei Marvin auf eine Mauer gestoßen.“

Darüber hinaus habe Marvin irgendwann auch Aggressivität erkennen lassen. „Er war davor immer sehr hilfsbereit und hatte eine echt gute Beziehung zu der Hauswirtschafterin aufgebaut“, so der Zeuge. Dann aber soll er die Frau eines Tages einmal heftig gegen eine Zarge geschubst haben. „Das war das erste Mal, dass ich gesehen habe, dass Marvin ein ganz schönes Paket Aggressivität mitbringt“, erinnerte sich der Zeuge.

Erinnerung an das plötzliche Verschwinden von Marvin

Auch an das plötzliche Verschwinden von Marvin hatte der 51-Jährige noch eine ganz genaue Erinnerung. Wenige Tage nach einem Vorfall am Palais Vest (angeblich ein versuchter Handydiebstahl) habe Marvin die Auflage erteilt bekommen gehabt sich abseits von der Wohngruppe jede Stunde zu melden. „Toll fand er das nicht, aber er hat sich in den ersten Tagen auch immer daran gehalten“, so der Erzieher. Bis zum 11. Juni 2017. Nach einer letzten Meldung um 12 Uhr sei der Kontakt plötzlich abgerissen und das Handy ausgeschaltet gewesen.

Der Angeklagte Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin seit diesem Tag in seiner Wohnung versteckt und bis zu seiner Festnahme im Dezember 2019 in insgesamt 475 Fällen missbraucht haben. Schon zuvor kam es laut Anklage zu mehreren Treffen mit sexuellen Handlungen in einem Waldstück, für die der Angeklagte Marvin mal mit Geld, mal mit Zigaretten belohnt haben soll. Entdeckt worden war der Teenager zufällig bei einer Kinderporno-Razzia in einem Schrankversteck. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

wvb

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