Fall Maddie: Staatsanwaltschaft hat keinen Beweis, dass sie tot ist

Maddie

Die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall der verschwundenen Madeleine wegen eines Mordes. Doch dass das entführte Kind tot ist, ist nicht erwiesen.

Braunschweig

14.06.2020, 19:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Kate und Gerry McCann zeigen ein Bild ihrer verschwundenen Tochter Maddie.

Kate und Gerry McCann zeigen ein Bild ihrer verschwundenen Tochter Maddie. © picture alliance / dpa

Vor rund einer Woche verkündete Staatsanwalt Hans Christian Wolters den vermeintlichen großen Durchbruch im Vermisstenfall Madeleine McCann, die im Mai 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal entführt worden war. Der Deutsche Christian B., der wegen einer anderen Tat in Haft sitzt, soll das Mädchen umgebracht haben. Aus dem Vermisstenfall wurde ein Mordfall, die Ermittler gaben an, sich sicher zu sein, dass das Mädchen nicht mehr lebt.

In Großbritannien sorgte das für reichlich Unmut – denn forensische Beweise, dass die damals Dreijährige tot ist, gibt es gar nicht, wie jetzt auch Wolters einräumt. „Es war nur eine persönliche Meinung und Spekulation“, sagte Wolters nun gegenüber dem britischen „Mirror“. Da es keine Beweise gäbe, gäbe es „vielleicht ein bisschen Hoffnung“. Diese Hoffnung wollte man nicht zerstören.

In Deutschland sind in solchen Fällen Mordermittlungen üblich, in Großbritannien nicht

In dem Interview mit der Zeitung verwies er auf die unterschiedliche Handhabung in solchen Fällen: Während in Großbritannien Wert darauf gelegt wird, dass das Kind so lange als verschwunden und potenziell lebend gilt, bis die Leiche gefunden wurde, wird in Deutschland wegen Mordes ermittelt. „Ich bin überrascht, dass die Tatsache, dass wir sagen, dass Madeleine tot ist, so wichtig für das britische Volk ist“, sagte Wolters. Auch seine Aussage, dass er glaube, dass das Kind schnell getötet wurde, relativierte er insofern, als das bei anderen Fällen, „in denen Kinder entführt wurden, sie einem Sexualverbrechen ausgesetzt und dann getötet wurden“, oft so sei.

Für die Eltern Kate und Gerry McCann ist das eine erneute Tortur. Nachdem sie vor einer Woche offenbar fest davon ausgehen mussten, dass ihre Tochter tot ist, gibt es nun wieder Hoffnung. Ein Freund der Familie sagte zu Wolters: „Du solltest so etwas nicht sagen, wenn du es nicht sicher weißt. Wenn du nicht verdammt sicher bist, dass es so ist, sollte der Fall nicht wie ein Mord behandelt werden.“

Der Anwalt der Familie hatte die deutschen Behörden aufgefordert, die Beweise für den Tod des Kindes offenzulegen. Für die Familie sei es wichtig zu wissen, was passiert sei. Die Aussage der deutschen Ermittler, einen Mord an Maddie zu untersuchen, sei „ein Schock für sie gewesen“.

Tatverdächtiger Dominik B. wurde bisher nicht zu dem Fall befragt

Der Hauptverdächtige in dem Vermisstenfall, Christian B. aus Braunschweig, sitzt derzeit in Kiel eine siebenjährige Haftstrafe wegen Drogenkriminalität ab. Ihm wird inzwischen auch vorgeworfen, in Portugal eine 72-Jährige vergewaltigt zu haben. Sollte die Reststrafe von B. zur Bewährung ausgesetzt werden, würde schon der nächste Haftbefehl warten: für die Vergewaltigung der 72-Jährigen.

Mit dem Mann haben die Ermittler allerdings noch immer nicht gesprochen, wie Wolters gegenüber der Zeitung einräumt: Sie wollten ihm nicht die Möglichkeit geben, Zeugen zu beeinflussen. „Es gibt starke Beweise, dass er hinter Madeleines Verschwinden steckt, aber nicht genug, um ihn anzuklagen“, sagte Wolters. Da die Ermittler nicht davon ausgehen würden, dass er die Tat einfach zugibt, wolle man warten, bis man alle Beweise zusammengesammelt habe, um ihn damit zu konfrontieren. „Wir haben rund 90 Prozent der Beweise, wenn er diese kennt, kann er versuchen, seine Geschichte zu ändern.“ B. sei von Anfang an der einzige Verdächtige gewesen.

Kritik an deutschen Ermittlern nach zwei Pannen

In Großbritannien, dem Heimatland von Maddie, sowie in Portugal, wo das Kind verschwand, ist die Kritik an den deutschen Ermittlern allerdings nach wie vor groß. So kam erst jüngst ans Licht, dass B. zwar schon 1996 wegen sexuellem Missbrauchs an Kindern verurteilt war, er aber nicht auf einer Liste stand, die nach Maddies Verschwinden angefertigt wurde. Darauf fanden sich alle portugiesischen Staatsbürger und Ausländer, die sich an der Algarve aufhielten, die Vorstrafen im Bezug auf Sexualverbrechen hatten. Somit wurde er nicht unmittelbar nach der Tat befragt.

Zudem soll B. 2013 durch eine Panne davon erfahren haben, dass er in den Fokus der Behörden rückte. Er erhielt ein Schreiben, dass er Aussagen im Vermisstenfall Madeleine McCann machen sollte.