Expertin für Sexszenen im Film: Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin

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Es gibt Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze, aber nicht für Sexszenen in Filmen. Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin will das ändern. In den USA ist das beim Dreh längst normal.

04.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bei Dreharbeiten mit Sexszenen sollen zukünftig auch sogenannte Intimitätskoordinatoren am Set sein.

Bei Dreharbeiten mit Sexszenen sollen zukünftig auch sogenannte Intimitätskoordinatoren am Set sein. © picture alliance / dpa

Filmskandale haben immer mit Sex zu tun. Als 1972 „Der letzte Tango in Paris“ in die Kinos kam, warfen Kritiker dem Regisseur Bernardo Bertolucci vor, er habe Pornografie produziert. Das Drama erzählt von einer allein auf Sex basierenden Beziehung zwischen einem meist angezogenen Mann um die 50 (Marlon Brando) und einer sehr jungen und meist unbekleideten Frau (Maria Schneider).

In der anstößigsten Szene des Films kommt es zu einer analen Vergewaltigung. Jahrzehnte später sorgte „Der letzte Tango“ erneut für Empörung: Zwischenzeitlich hatte sich herausgestellt, dass die unerfahrene Hauptdarstellerin keine Ahnung hatte, was auf sie zukommen würde.

Bei Sexszenen kommt es oft zu Grenzüberschreitungen

Knapp 50 Jahre später sind Vorfälle wie dieser kaum noch vorstellbar. Nach wie vor aber gibt es natürlich Sexszenen, und oft genug kommt es dabei zu Momenten, in denen Grenzen überschritten werden: Weil Regisseure eine Schauspielerin auffordern, mehr zu zeigen, als vorher abgesprochen war; oder weil männliche Spielpartner ohne böse Absicht übers Ziel hinausschießen.

Julia Effertz will dabei helfen, solche Vorfälle zu vermeiden. Die Schauspielerin ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin. Die Bezeichnung klingt nicht sexy, ist aber eine exakte Tätigkeitsbeschreibung.

Effertz ist so etwas wie die Schutzpatronin der Schauspieler

Effertz hat ihre Ausbildung bei Ita O’Brien absolviert. Die Britin ist so etwas wie die Schutzpatronin der Schauspieler, seit sie 2017 Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen veröffentlicht hat. Seither wird sie bei Serien mit freizügigen Szenen (aktuell zum Beispiel „Sex Education“ bei Netflix) als Intimacy Coordinator engagiert.

Ihr habe das sofort eingeleuchtet, sagt Effertz: „Es gibt Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze; nur bei intimen Szenen werden Schauspieler alleingelassen.“

Diese, ergänzt sie, seien für fast alle Schauspieler unangenehm: „Es gibt ja die Vorstellung des entgrenzten Künstlers, der bereit ist, über eigene körperliche und emotionale Grenzen hinwegzugehen, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Schauspieler sind genauso verletzlich wie wir alle.“

„Für Männer ist das genauso wichtig“

Effertz möchte allerdings vermeiden, dass bei dem Thema nur auf Frauen geschaut wird: „Für Männer ist das genauso wichtig.“ Sie weiß von Kollegen, denen es zu schaffen gemacht habe, eine Vergewaltigungsszene zu spielen. Auch bei harmlosen Kussszenen hält sie die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators für wichtig, erst recht, wenn es sich bei den Darstellern um Teenager handele. „Der erste Kuss ihres Lebens, und das vor der Kamera und einem Dutzend Komparsen: Das bedarf erhöhter Fürsorge. Ein Kuss ist etwas sehr Persönliches.“

Effertz‘ Argumente klingen so einleuchtend, dass es verwundert, warum nicht längst jemand auf die Idee gekommen ist, diesen Beruf zu erfinden. Sie klärt mit dem Kostümbild ab, dass Genitalabdeckungen und Bademäntel bereitliegen, und sorgt für die Einhaltung des „Closed Set“: Außer Regie, Kamera, Ton, den Schauspielern und natürlich ihr selbst ist niemand beim Dreh dabei. In den USA und Großbritannien gehört die Anwesenheit von Intimacy Coordinators bei entsprechenden Szenen längst zum guten Ton.

Zahlreiche Beschwerden wegen sexueller Belästigung in der Medienbranche

Dass das auch hierzulande nicht schlecht wäre, zeigt die Statistik von Themis. Bei der 2018 gegründeten unabhängigen Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Medienbranche hat es in den letzten 13 Monaten rund 200 Beschwerden gegeben. Das Spek­trum reicht laut Vorstandsmitglied Eva Hubert „von sexistischen Sprüchen bis zu massiven physischen Belästigungen der schlimmsten Art“. Die meisten Beschwerden (85 Prozent) stammten von Frauen.

Bleiben noch die Regisseure. Kilian Riedhof, für Filme wie „Der Fall Barschel“ und „Gladbeck“ (alle ARD) mit sämtlichen wichtigen TV-Preisen ausgezeichnet, kann sich die Zusammenarbeit gut vorstellen: „Intime Szenen sind nicht so einfach zu filmen wie eine Unterhaltung in einem Café. Alle Beteiligten müssen sich mit Bereichen auseinandersetzen, die viel mit eigener Scham zu tun haben, und das ist immer potenziell heikel.“

Sexszenen haben Funktion, Verhältnis der Figuren zu beschreiben

Für ihn haben Sexszenen die Funktion, das Verhältnis der Figuren zu beschreiben: „Lieben sich diese Menschen, ist der Sex einvernehmlich? Oder dominiert einer den anderen? Gerät die Begegnung außer Kontrolle?“ Die Herausforderung bestehe darin, dafür den richtigen körperlichen Ausdruck zu finden, „und das muss vorher im Detail besprochen werden. In der Hitze des Gefechts ist für so etwas keine Zeit mehr.“

Nicht alle sind dafür. Ein erfahrener Regisseur, der namentlich nicht genannt werden möchte, würde die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators dagegen als „Eingriff in die Arbeitswelt“ empfinden; er hält die Diskussion für ein Zeichen von „um sich greifendem Puritanismus“.

RND