Essen: Corona-Regel verhindert Abschied von geliebtem Bruder

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Im Huyssenstift ist ein Essener gestorben, ohne dass seine Familie bei ihm sein konnte. Denn täglich durfte wegen Corona nur ein Besucher zu ihm.

von Sinan Sat

Essen

, 28.04.2020, 21:32 Uhr / Lesedauer: 2 min

Jetzt ist er tot. Gestorben im Essener Huyssenstift, ohne den Trost seiner Familie, ohne letzte Worte des Abschieds seiner Schwester. Die letzten Tage im Leben des Richard Claus* werden Narben bei den Hinterbliebenen und Tragödien wie diese, Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen.

Es ist Dienstagmorgen als Ulrike Claus* unsere Redaktion um Hilfe bittet. Ihr Bruder Richard liegt zu diesem Zeitpunkt schon seit sechs Tagen im Huyssenstift. Am 22. April wurde der krebskranke Mann stationär aufgenommen, weil es ihm nicht gut ging. „Wir wussten, dass es für Richard keine Rettung mehr gibt, dass er jeden Augenblick sterben kann“, sagt Ulrike Claus.

Als nach einem Tag auf der Palliativstation Atemwegsbeschwerden bei dem 66-Jährigen auftreten, sei er isoliert worden. Die Ärzte konnten nicht ausschließen, Richard Claus könnte am Coronavirus erkrankt sein, auch wenn sie es nicht für wahrscheinlich hielten, wie Wolfgang Niesert, Direktor der Klinik für Palliativmedizin berichtet.

Tagelang wurde der Essener nicht auf das Coronavirus getestet

Ein Test hätte Gewissheit bringen können. Doch darauf verzichtete das Krankenhaus zunächst. „Ehe nicht feststand, ob mein Bruder an Covid19 erkrankt ist, durften wir nicht zu ihm“, berichtet Ulrike Claus. Für gewöhnlich sei das ein Vorgang, der oft nur einige Stunden dauere. Morgens ein Abstrich, abends sei das Ergebnis da. Doch tagelang wird Richard Claus nicht getestet. Für ihn und seine Familie beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Wolfgang Niesert hingegen berichtet, dass im Huyssenstift Patienten der Onkologie und der Palliativmedizin pro Tag einen Besucher empfangen dürfen. Und so war es auch bei Richard Claus. Mehrmals durfte ihn seine Frau besuchen, „doch zuletzt – wegen des nicht ausgeräumten Corona-Verdachts – durfte auch meine Schwägerin nur noch durch eine Glasscheibe auf das Zimmer meines erblindeten Bruders schauen“, berichtet Ulrike Claus.

„Die Ärzte haben uns immer wieder erklärt, es gäbe nur begrenzte Testkapazitäten und nach Beratung mit dem Gesundheitsamt der Stadt Essen habe man entschieden, Richard nicht zu testen“, sagt Ulrike Claus unserer Redaktion.

Verständnis für Schutz der Gesellschaft vor Coronavirus

Was die 60-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Ihr Bruder wurde am Dienstagmorgen schlussendlich doch auf Corona getestet. Fünf Tage nach dem ersten Verdacht und am Ende viel zu spät. Richard Claus stirbt am Dienstagvormittag im Alter von 66 Jahren. Jetzt darf ihn seine Schwester – geschützt mit entsprechender medizinischer Kleidung – besuchen, sich von ihm verabschieden.

Ulrike Claus beteuert, jedes Verständnis dafür zu haben, dass zum Schutze der Gesellschaft vor dem Coronavirus besondere Maßnahmen getroffen werden müssen. Dass Patienten nicht besucht werden dürfen, Familien auf Distanz gehen müssen sei schmerzhaft, aber richtig, sagt die Essenerin. „Aber bei einem Sterbenden?“, fragt Ulrike Claus. Wut und Schmerz liegen in ihrer Stimme.

Niemand solle alleine sterben müssen

„Bei einem Sterbenden gibt es keine Zeit zu verlieren. Da muss man sofort entscheiden, testen und einen Abschied möglich machen. Für uns ist es zu spät, aber ich hoffe, dass es anderen Familien anders ergeht, wenn unsere Geschichte öffentlich wird“, sagt Claus. Niemand solle mehr in Essen wegen der Corona-Maßnahmen alleine sterben müssen.

Das Ergebnis des Corona-Tests vom Morgen lag tatsächlich am Nachmittag vor. Richard Claus war nicht infiziert.

*Name der Familie auf ihren Wunsch hin geändert.

Der Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

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