Epidemiologe: „Masken senken das relative Risiko einer Infektion um etwa 80 Prozent“

Coronavirus

Der Mund-Nasen-Schutz hat sich in unserem Alltag inzwischen fest etabliert. Doch wie wirksam ist das Tragen einer Maske? Ein Epidemiologe hat überraschende Details herausgefunden.

Berlin

29.07.2020, 17:19 Uhr / Lesedauer: 5 min
Alleine das Tragen einer Maske ist zur Eindämmung des Virus nicht ausreichend, die Kombination verschiedener Verhaltensregeln ist hier nötig.

Alleine das Tragen einer Maske ist zur Eindämmung des Virus nicht ausreichend, die Kombination verschiedener Verhaltensregeln ist hier nötig. © picture alliance/dpa

Lange hieß es von RKI und WHO, einfache OP-Masken nützten nicht, um sich vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 zu schützen – Holger Schünemann, Epidemiologe von der McMaster University in Hamilton, Kanada, lieferte in einer Metaanalyse die Beweise für eine Wirksamkeit. Wie hat er das gemacht?

Herr Schünemann, Sie haben systematisch alle Studien ausgewertet, die untersuchen, wie gut Masken vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus schützen. Was haben Sie herausgefunden?

Wir haben einen überraschend großen Effekt festgestellt: Nach unserer Analyse senken Masken das relative Risiko, sich zu infizieren, um etwa 80 Prozent. Das bedeutet: Wenn das Basisrisiko, sich anzustecken, bei etwa 50 Prozent liegt, wie es etwa für Chorproben beschrieben wurde, dann verringert es sich, wenn ich eine Maske trage, auf 10 Prozent. Ist das Basisrisiko ein Prozent, reduziert sich die Gefahr, sich anzustecken, auf 0,2 Prozent. Wir beziehen uns auf Daten für den einfachen chirurgische Mundschutz, wie man ihn überall kaufen kann.

Das widerspricht dem, was das Robert-Koch-Institut und viele Experten der Bevölkerung bis in den März hinein gesagt haben – es hieß immer, um sich selbst zu schützen, nützten einfache Masken nicht.

Als im Krankenhaus praktizierender Arzt werde ich von meinen Infektionsschutzkollegen angehalten, eine Maske zu tragen, wenn ich das Zimmer eines Patienten betrete, der möglicherweise mit einem Atemwegsvirus infiziert ist. In dem Fall geht es nicht um den Schutz des Patienten – der ist ja leider schon krank. Und ein solcher Eigenschutz durch eine Maske ist wohl auch auf Kontakte außerhalb des Gesundheitssektors übertragbar. Die WHO hat ihre Leitlinie ja für bestimmte Risikogruppen auch bereits angepasst.

Verschiedene Epidemiologen haben errechnet, dass man schon mit Masken, die das Risiko, sich zu infizieren, nur um 50 Prozent reduzieren, die Pandemie im Keim hätte ersticken können. Hätten durch frühzeitiges Maskentragen viele Todesfälle verhindert werden können?

Wenn sich die Ergebnisse der existierenden Studien bestätigen, dann hätte die Zahl der Todesfälle möglicherweise durch frühzeitigen Maskengebrauch stark vermindert werden können. Aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen und Masken allein hätten wohl nicht gereicht.

Es hieß lange, es gebe keine Beweise für den Schutzeffekt der Masken. Wie sind Sie zu Ihren Ergebnissen gekommen?

Meine Kollegen von der McMaster University und der American University of Beirut und ich sind unvoreingenommen rangegangen. Wir wussten nicht, ob wir Studien finden würden, in denen Maskenträger mit Menschen verglichen wurden, die keinen Mund-Nasen-Schutz getragen hatten – aber tatsächlich fanden wir 29 solcher Untersuchungen zu Coronaviren.

Was untersuchten die Studien?

Die meisten kamen aus dem Gesundheitswesen, aber es gab auch einzelne, in denen Haushalte, in denen Masken getragen wurden, mit solchen verglichen wurden, in denen das nicht der Fall war. Wenn es einen nachgewiesenen Infizierten gab, bestimmten die Forscher, wie viele andere Mitglieder des Haushalts sich angesteckt hatten, und verglichen die Haushalte mit und ohne Maskengebrauch. In anderen Studien wurden Infizierte im Nachhinein befragt, ob sie eine Maske getragen hatten.

Klingt nach einer relativ sauberen Methodik – trotzdem stufen Sie die Sicherheit für die gefundenen Daten als „gering“ ein. Warum?

Unsere Datenbasis beruht nicht auf randomisierten Studien, das ist eine Schwäche. Aber diese 80-prozentige Risikoreduktion ist relativ konstant über die Studien. Dass Masken einen Effekt haben, ist deshalb schon ziemlich sicher. Nur nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin reicht das, auch wegen anderer Schwächen der Studien, eben nicht, um von mittlerer oder hoher Sicherheit zu sprechen.

Wie könnte man den endgültigen Beweis erbringen?

Das ist sehr schwierig, wir brauchen besser kontrollierte Studien, am besten randomisierte. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, einzelne Bezirke von Städten oder ganze Städte dazu zu bestimmen, eine Maske zu tragen – und andere nicht.

Nun sind die Menschen nicht besonders erpicht darauf, sich Vorschriften machen zu lassen – vielleicht möchten einige Mitglieder ausgeloster Haushalte keine Maske tragen.

Genau – und umgekehrt würde ein solches Vorgehen nicht sicherstellen, dass aus der Gruppe, die man dazu bestimmt hat, keine Maske zu tragen, wirklich niemand eine anhat. Denn viele Menschen wollen sich ja schützen und würden es nicht einsehen, keine Maske zu tragen. Ich forsche seit vielen Jahren an der McMaster University in Hamilton, Kanada, der Wiege der evidenzbasierten Medizin. Forschungsmethodik ist für uns extrem wichtig. Aber wir haben mit den Jahren festgestellt - wenn keine randomisierten Studien da sind, müssen wir uns eben die nicht randomisierten anschauen und dann genau beschreiben, wie sehr wir diesen Arbeiten vertrauen.

Sie beziehen sich in Ihrer Analyse vor allem auf Studien aus den Sars- und Mers-Epidemien. Warum hat die früher niemand genauer analysiert?

Diese Arbeit ist relativ schwierig. Wir haben zum Beispiel mit drei chinesischen Kollegen zusammengearbeitet, die uns beim Übersetzen rein chinesischer Studien geholfen haben. Aber ein Problem war, dass in den Expertengremien so viele Bedenken bestehen, diese nicht randomisierten Studien zu benutzen.

Hätten Institutionen wie RKI und WHO nicht im Sinne des Vorsorgeprinzips bei unklarer Datenlage zur Sicherheit eher zur Maske raten sollen als davon ab?

Die Institutionen hätten sich anders entscheiden können, aber im Nachhinein ist das einfach zu sagen und unsere Aufgabe war es nicht, Empfehlungen auszusprechen. In der westlichen Wissenschaftscommunity hieß es, es gibt keine Daten – weil sich bis dato niemand die Mühe gemacht hatte, die nicht randomisierten Studien systematisch anzuschauen. Andere Wissenschaftler bewerten diese Arbeiten auch kritischer als wir.

Aber es geht hier ja nicht um ein teureres Medikament, sondern um eine sehr einfache und kostengünstige Maßnahme, von der wir aus Asien zumindest starke Hinweise hatten, dass sie hilft.

Das würde ich auch so sagen – es ist nicht besonders umständlich, eine Maske zu tragen, und kostet kaum Geld für den Einzelnen im Vergleich zu teuren Therapien. Wenn das Infektionsrisiko sehr klein ist, müssen allerdings sehr viele Menschen eine Maske tragen, um eine einzelne Infektion zu verhindern. Und Nebenwirkungen, allerdings leichter Art, sind auch möglich.

WHO und RKI haben argumentiert, dass Masken sogar die Gefahr erhöhen, sich zu infizieren.

Es bestand die Angst, dass Menschen sich durch Masken so sicher fühlen, dass sie andere Verhaltensregeln wie Abstand halten oder Hände waschen nicht mehr befolgen würden – aber da gibt es jetzt Hinweise, dass das nicht stimmt. Eine Infektionsquelle könnte allerdings das An- und Abziehen der Maske sein, weniger beim normalen OP-Mundschutz als bei den FFP2- und FFP3-Respiratoren. Dazu fehlen noch hochwertige Studien.

Von Masken hat das RKI abgeraten, weil randomisierte Studien fehlten, den Lockdown dagegen hat es befürwortet. Gab es denn Beweise dafür, dass diese Maßnahme hilft?

Nein, dafür gab es meines Wissens keine hochwertige Evidenz. Es ist in China und Italien zu einer Explosion der Infektionszahlen gekommen. Wir haben dann relativ schnell gesehen, dass der sehr harte Lockdown, den China gemacht hat, zu einem Anhalten der Übertragung geführt hat.

Aber dann hätte man auch sagen können: Wir kopieren das Maskentragen aus Asien, denn das wurde dort auch überall gemacht?

Das hätte man sagen können. Alleine wäre diese Maßnahme nicht ausreichend gewesen, es geht um die Kombination verschiedener Verhaltensregeln. Dazu gehört auch Handhygiene – und selbst wenn man eine Maske trägt, sollte man nicht nach vorne raus in die Maske husten, sondern in die Ellenbeuge.

Hat uns im Westen der Sars-Schock gefehlt, um den Wert der Masken erkennen zu können?

Ich glaube schon. In Toronto gab es ja 2003 einen Sars-Ausbruch. Das kann jetzt eine anekdotische Beobachtung sein. Aber dass Menschen in die Ellenbeuge husten, hat sich seit Sars in Kanada durchgesetzt. In vielen Ländern Asiens hat sich mit der damaligen Epidemie das Maskentragen etabliert. Vor 100 Jahren, als die Spanische Grippe ausgebrochen ist, gab es zum Beispiel in einigen Teilen der USA auch eine Maskenpflicht – wenn diese Erfahrung nicht vor so langer Zeit gewesen wäre, hätte man im Westen auch nicht solche Probleme mit dem Maskentragen gehabt.

Ist Covid-19 der Weckruf für unsere Generation?

Es ist wahrscheinlich so, dass es eine Pandemie mit einem Erreger geben wird, der gefährlicher sein wird als Sars-CoV-2. Möglicherweise erleben wir das nicht mehr, aber sie wird kommen – und dann wäre es gut, wenn sich ins gesellschaftliche Bewusstsein eingeprägt hat, dass Masken gegen die Verbreitung respiratorischer Infektionen helfen können.

RND

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt