Eltern sauer: Öffnung der Kitas sorgt auch für Verlierer in Lünen

dzKinderbetreuung in Corona-Zeiten

Die Zeit der Notbetreuung in den Kitas ist vorbei. Am Montag (8. 6.) beginnt der eingeschränkte Regelbetrieb. Viele Eltern freuen sich, doch manche bringt das in neue, existenzielle Not.

Lünen

, 05.06.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

13 Wochen kitafreie Zeit werden hinter vielen Kindern liegen, wenn sie ab kommendem Montag (8. Juni) ihren Kindergarten wieder besuchen dürfen. Denn die Einrichtungen gehen nun von der Notbetreuung und der Öffnung für Vorschulkinder in den so genannten eingeschränkten Regelbetrieb über.

Dann dürfen auch die Kinder, deren Eltern nicht in „systemrelevanten“ Berufen arbeiten wieder in die Kita oder zur Tagesmutter. Allerdings bringt das Wort „eingeschränkt“ auch tatsächlich scharfe Einschränkungen mit sich.

„Alle Kinder dürfen wieder zu einem reduzierten Betreuungsumfang von 35, 25 und 15 Stunden pro Woche statt 45, 35, 25 in die Kita kommen“, heißt es im Beschluss des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration (MKFFI). Außerdem gäbe es qualitative, wie quantitative Einschränkungen: Standards des Kinderbildungsgesetzes könnten noch nicht wieder erreicht und der Fachkräfteschlüssel noch nicht erfüllt werden. Es soll nur feste Gruppen geben, die räumlich voneinander getrennt von jeweils einer Fachkraft betreut werden. Pädagogische Angebote werden nur eingeschränkt wieder aufgenommen.

Verständnis, Flexibilität und Offenheit sind gefordert

„Die größte Herausforderung stellt das Beziehungsdreieck von Kindern, Eltern und Fachkräften dar“, sagt Ludger Trepper, Fachdezernent für Jugend und Soziales bei der Stadt Lünen. „Bildungsarbeit ist Beziehungsarbeit. Beziehungen mit kleinen Kindern sind nicht mit Maske und körperlos möglich. Trost funktioniert nicht ohne Körperkontakt und Kleinkinder müssen das ganze Gesicht sehen, um kommunizieren zu können.“

Die Begrenzung der Betreuungszeit auf 35 Stunden fordere von den Eltern, die bis zum 8. Juni ‚systemrelevant‘ waren, von Alleinerziehenden und von den Eltern, die bisher 45 Stunden in Anspruch genommen haben, ein deutliches Maß an Verständnis, Flexibilität und Offenheit, so Trepper weiter. Lösungen können mit den Einrichtungen nur gefunden werden, wenn Eltern und Kitas gemeinsam pragmatische Ideen für die Einzelfälle finden. „Voraussetzung ist immer, dass ein höherer Betreuungsumfang als 35 Stunden nachgewiesen werden kann. Kommunikation ist dabei der Schlüssel für den Interessensausgleich“, sagt er.

Mutter findet Regelung unflexibel

Genau da dürfte da Problem liegen: „Ich kann nachvollziehen und verstehe auch, dass alle anderen Kinder wieder in die Kita gehen sollen“, sagt Norma Theis, Verwaltungsleiterin und Mutter einer vierjährigen Tochter und zweieinhalb-jähriger Zwillinge. Ihr Mann arbeitet Vollzeit, sie selbst offiziell 25, meist aber eher 30 Stunden pro Wochen. Die Betreuungszeit ihrer Tochter wurde nun allerdings von 35 auf 25 Stunden reduziert.

Also versuchte Theis im Gespräch mit Träger und Jugendamt die Betreuungszeit auf drei Tage zu legen, sodass sie wenigstens dann wie gewohnt arbeiten kann. „Weil wir im vergangenen Jahr, als noch keiner was von Corona ahnte, ein Haus gekauft haben, kann ich jetzt auch nicht die Stunden reduzieren. Den Urlaub habe ich für die Osterferien aufgebraucht und Überstunden sind auch schon alle abgebaut“ Ihr Schwiegervater sei lungenkrank und ihre Mutter Risikopatientin. „Ich finde diese Regelung so unflexibel und arbeitnehmerunfreundlich. Das ist sowas von 1980, als Mütter noch nicht arbeiten gingen.“

Wenig Verständnis für die Reduzierung
Eingeschränkter Regelbetrieb

Diese Veränderungen gibt es

Wenn ab Montag, 8. Juni, wieder alle Kinder die Kinderbetreuungseinrichtungen besuchen dürfen, gibt es über die Reduzierung der Betreuungszeit hinaus einige weitere Einschränkungen. Vor allem bezüglich der Hygieneverordnungen sollte man einiges wissen
  • Die Kinder dürfen sich untereinander und zu den Erziehern nahe sein, nicht aber die Erwachsenen untereinander. Das heißt, dass zum Beispiel verstärkt darauf geachtet werden muss, dass Beim Bringen und Abholen keine Menschentrauben entstehen. Die Eltern dürfen auch nicht die Gruppenräume betreten, in manchen Kitas aber den Flurbereich.
  • Im Wasch- und Sanitätsraum dürfen sich die Kinder möglichst nicht begegnen. Manche Kitas haben deswegen das Zähneputzen abgeschafft und die Kinder dürfen nur begleitet auf Toillette oder zum Händewaschen
  • Bei Krankheitssymptomen, egal ob beim Kind selbst, bei einem Familienmitglied oder einer anderen Kontaktperson hat das Kind Zuhause zu bleiben
  • Bei der Essenszubereitung darf nicht mehr mitgeholfen werden, die Kinder dürfen sich nicht selbst auftun und der Essplatz ist jeweils personalisiert.

Auch Jenny Walter (32), Verwaltungsangestellte beim Kreis Unna, ärgert sich: „Meine Tochter Lilly (3), die bisher 45 Stunden die Woche notbetreut wurde, ist ab Montag nur noch 35 Stunden in der Betreuung. Die restliche Zeit muss sie jetzt durch meine Familie betreut werden, obwohl Großeltern laut RKI ja nicht sollen. Und ich musste mein Arbeitsmodell von 35 Stunden die Woche umstellen. Wir müssen jetzt testen, ob dies alles funktioniert. Wenn alle Stricke reißen, dann sehe ich mich gezwungen meine bisher reduzierte Arbeitszeit noch weiter zu reduzieren, was für mich noch weniger Einkommen bedeutet. Ich bin alleinerziehend und das wäre eine Katastrophe“, sagt sie.

„Es geht an unsere Existenz“

„Mein Chef hat nicht schlecht gestaunt, als ich ihm gesagt habe das ich ‚nach Corona‘ nicht mehr voll arbeiten kann. Wo alles zu war, konnte ich als Schlüsselperson ja schließlich auch normal arbeiten. Wenn diese Situation zu lange anhält, geht es an unsere Existenz.“

„Die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen tragen nicht nur die Verantwortung für die Entwicklung der Kinder und die Wünsche der Eltern“, so Fachdezernent Ludger Trepper weiter, sie sind auch selber Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Schutzbedürfnis und Schutzrechten.“ Gerade weil Kinder gar nicht oder nur sehr bedingt Abstand halten und keine Masken getragen werden (Pflicht besteht ab sechs Jahren), müssten Beschäftigte mit Vorerkrankungen in geschützt werden. Zur Zeit ließe sich noch nicht abschätzen, ob der eingeschränkte Regelbetrieb zu Kapazitätsengpässen führen wird.

Auch bei Olaf Hartmann (49), dreifacher Vater zweier Schulkinder (sieben und neun Jahre) und einem vierjährigen Kindergartenkind bringt die Wiedereröffnung der Kitas keine echte Erleichterung. Während seine Frau Beamtin ist, arbeitet er aus dem Homeoffice. „Zum einen habe ich Angst vor den vielen Kontakten mit anderen Kindern, da wir auch Risikopatienten in der Familie haben, zum anderen ist es aus Betreuungssicht eigentlich egal, ob sie hingeht. Auch wenn meine Tochter im Kindergarten ist, müssen ihre Brüder trotzdem betreut werden.“

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