Der lange Weg: Wie funktioniert eigentlich eine Einbürgerung?

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Endlich war es im Mai soweit: Agnieszka „Agnes“ Kolodziej aus Selm ist genau wie ihre beiden Söhne deutsche Staatsbürgerin geworden. Doch der Weg dahin hat lange gedauert.

12.07.2020, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der 25. Mai 2020 - das war einer der schönsten Tage in Agnieszka Kolodziejs Leben. Denn an dem Tag kam der Brief mit dem Bescheid, dass ihre Einbürgerung geklappt hat. Damit sind die gebürtige Polin sowie ihre beiden Söhne Patryk und Nico endlich auch deutsche Staatsbürger.

Darauf haben sie fast 1,5 Jahre lang gewartet. „Nach dem Antrag haben die mir im Amt schon gesagt: Das kann dauern“. Durch die Corona-Pandemie wurden dann aus den durchschnittlichen acht Monaten fast anderthalb Jahre.

Doch am Ende ging dann alles ganz schnell. Nachdem sie den Brief bekam fuhr sie mit ihren beiden Söhnen zur Ausländerbehörde des Kreises Unna. Dort musste sie ein Bekenntnis zur deutschen Werteordnung ablegen - und war nach zehn Minuten wieder draußen. Angst, dass es nicht funktioniert, hatte sie nicht. Sie war immer zuversichtlich.

Aus Agnieszka wird Agnes

Jetzt stellt sie sich auch mit „Agnes“ vor. „Das ist einfacher, wir sind ja schließlich in Deutschland“, erklärt sie. Auch Sohn Patryk freut sich, dass seine Mutter die Einbürgerung geschafft hat. Denn dadurch hat auch er die doppelte Staatsbürgerschaft - die deutsche und die polnische - erlangt.

„Meine Mutter hat sich sehr angestrengt das zu schaffen“, sagt der 14-Jährige. Auch für ihn bedeutet die Einbürgerung viel. Denn später möchte er am liebsten Polizist werden, vielleicht auch Architekt. Für ersteres braucht er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Mehr Perspektiven und Sicherheit

Die Einbürgerung bringt Agnes Sicherheit und Perspektiven - vor allem eben für ihre Kinder. „Wir wissen, egal was ist, dass wir hier bleiben können“. Denn weg aus Selm möchten sie nicht mehr. „Selm ist richtig schön, vor allem ruhig und entspannt mit viel Grün drumherum“, bestätigen Dawid und Agnes beide.

Mit diesem Gedanken sind sie nicht die einzigen: Im Mai wurden nach Angaben der Stadt Selm insgesamt noch vier weitere Personen eingebürgert, drei stammen aus Rumänien, eine ebenfalls aus Polen. Im März waren es sogar neun Personen aus dem Kosovo, der Türkei und den Philippinen.

Agnes und Dawid wohnen schon seit 13 Jahren in Selm. „Wir schätzen hier in Deutschland vor allem die sozialen Aspekte, wie zum Beispiel die medizinische Versorgung“, erzählt Agnes. Sie selbst hat in Selm zunächst zwei Jahre beim Edeka gearbeitet, jetzt arbeitet sie beim polnischen Lebensmittelladen in Selm.

Einbürgerungstest und B1-Kurs gut bestanden

Doch ganz so einfach war das Einbürgerungsverfahren nicht. Zunächst hat Agnes Kolodziej den regulären Einbürgerungstest gemacht. Dafür hat sie 300 Fragen zu Geschichte und Politik gelernt. Am Ende kamen 33 davon in dem Test dran, Agnes und ihr Mann Dawid hatten nur eine Frage falsch. „Vieles von der Geschichte kennen wir ja aus Polen, hier lernen wir das dann von der anderen Seite kennen.“

Außerdem müssen Bewerber für die Einbürgerung mindestens sieben Jahre in Deutschland gelebt haben, hier ein Aufenthaltsrecht haben und zum Beispiel keine Straftat begangen haben. All das haben die Kolodziejs erfüllt. Doch günstig ist das Verfahren nicht: 357 Euro hat Agnes Kolodziej bezahlt - 255 Euro für ihre Einbürgerung und jeweils 51 Euro für die beiden Kinder.

Eine weitere Voraussetzung ist der Integrationskurs mit dem B1-Abschluss. Der besteht aus sieben Modulen, die alle circa einen Monat dauern. Darin geht es besonders darum, Deutsch zu lernen. „Ich hatte eine sehr gut Lehrerin am Multikulturellem Forum in Lünen und habe viel zu Hause gelernt“, erzählt Agnes.

Integrationskurs ist ein Vollzeitjob

Auch wenn sie einige Wörter aus ihrer Heimat in Oberschlesien wie „Tomate“, „Topf“ oder „Radieschen“ schon kennt, findet sie Deutsch teilweise schwer. „Mit Genitiv und den Artikeln komme ich immer durcheinander“, sagt sie lachend. Gleichzeitig meint sie, der Kurs habe sie gut vorbereitet. Schließlich dauert der auch fünf Stunden am Tag, fünf Tage die Woche - ein echter Vollzeitjob.

Das war vor allem ein Grund, warum Dawid Kolodziej den Kurs kurz vor Ende abgebrochen hat. „Ich habe einen sehr guten Job angeboten bekommen und dann hat meine Lehrerin gesagt, ich soll lieber den Job annehmen“, erklärt der gelernte Autolackierer.

Doch durch die Corona-Krise kam irgendwann alles anders: Den Job hat er nicht mehr. Dafür umso mehr Zeit, den Integrationskurs B1 noch einmal zu belegen und sich auf seine Einbürgerung zu konzentrieren. „Ich möchte sehr gerne auch Deutscher werden“, sagt er und seine Familie unterstützt ihn.

Ab jetzt „100 Prozent Deutscher“

Auch für die beiden Söhne hat sich einiges verändert. Früher hatten sie es in der Schule und im Kindergarten nicht leicht, wurden manchmal wegen ihrer Herkunft geärgert. Patryk ist, anders als sein 8-jähriger Bruder Nico, in Polen geboren, aber fühlt sich als Deutscher. Durch seine Urkunde ist er jetzt 100 Prozent Deutscher“, wie er sagt. „Jetzt kann auch keiner in der Schule mehr sagen, dass ich Ausländer bin“, sagt er bestimmt.

Am meisten vermisst Familie Kolodziej natürlich die Familienmitglieder in Polen. Deswegen fahren sie circa ein Mal im Jahr nach Polen. „Aber nach ein paar Tagen fahren wir auch gerne wieder zurück nach Selm, denn hier ist unser Zuhause“, sagt Agnes Kolodziej.

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