Durchbruch bei der Corona-Impfstoff-Entwicklung? Was wir bisher wissen

Coronavirus

Gibt es bald einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus? Die Meldungen aus Oxford haben zumindest für viel Hoffnung gesorgt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Oxford/Berlin

21.07.2020, 17:02 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der Pharmakonzern Astrazeneca arbeitet zusammen mit der Universität Oxford an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19.

Der Pharmakonzern Astrazeneca arbeitet zusammen mit der Universität Oxford an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19. © picture alliance/dpa

Die Reaktionen auf die erfolgreichen Testphasen I und II der Forscher von der Universität Oxford waren euphorisch. Die Ergebnisse weisen in der Tat darauf hin, dass hier ein ordentlicher Schritt in Richtung eines Impfstoffes geschafft wurde, doch ein wenig Zurückhaltung ist angebracht. Denn Wissenschaftler sind es gewohnt, groß in den Zielen zu denken und gern einmal die Mühen auf dem Weg dahin klein zu reden. Dabei ist die größte Tugend der Forschung die Geduld und das Gehen kleiner Schritte.

Deshalb mahnt die Co-Autorin der Oxforder Studie, Sarah Gilbert, auch gleich: „Es muss noch viel Arbeit erledigt werden, bevor wir bestätigen können, dass unser Impfstoff helfen wird, die Covid-19-Pandemie zu bewältigen.“ Aber was dauert eigentlich so lange dabei, ein Medikament herzustellen, und welche Rückschlüsse lassen sich aus den ersten Testergebnissen in England ziehen?

Wie lange dauert es normalerweise, bis ein Impfstoff marktfähig ist?

Meistens dauert es Jahre, bis ein Impfstoff entwickelt wird – wenn es ein gänzlich neuer ist, können unter Umständen sogar mehr als zehn Jahre zwischen Forschungsdurchbruch und zugelassenem Massenmedikament vergehen.

Sind wir wirklich immun nach einer Covid-19-Erkrankung?

Eine ganz aktuelle Studie, die noch unveröffentlicht ist, legt das nahe. Danach haben Corona-Patienten in vielen Fällen dauerhaft so viele Antikörper, dass eine erneute Infektion mit dem Virus vermutlich abgewehrt werden kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte deutsch-chinesische Studie an 327 Covid-19-Patienten im chinesischen Wuhan, die zu den weltweit ersten infizierten Menschen gehörten. Bei mehr als 80 Prozent der Patienten seien sechs Monate nach ihrer Erkrankung noch biologisch aktive Antikörper nachgewiesen worden, die fähig seien, das Virus unschädlich zu machen, sagte der Virologe Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie der Uniklinik Essen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Medikamenten und Impfstoffen?

Der grundsätzliche Unterschied zwischen einem Impfstoff und einem Medikament ist der, dass ein Impfstoff für eine aktive Immunisierung des Körpers sorgt und ein Medikament eine passive Immunisierung hervorruft. Der Impfstoff ist immer präventiv, soll also vorbeugend vor einer Infektionskrankheit schützen. Aktive Immunisierung bedeutet, dass im Körper sozusagen eine Miniinfektion stattfindet, die genügend Antikörper produziert, um eine wirkliche Infektion zu vermeiden – je nach Wirkstoff sogar lebenslang. Deshalb ist auch die Frage nach der dauerhaften Immunität nach überstandener Covid-19-Erkrankung für die Forscher so wichtig.

Was genau haben die Oxforder Wissenschaftler bisher gemacht?

Die Forscher begannen im April einen Test mit 1077 Teilnehmern. Die Hälfte davon erhielt den experimentellen Impfstoff. Bei derartigen Frühphasentests wird gewöhnlich nur die Sicherheit des Wirkstoffs überprüft, doch in diesem Fall untersuchten Experten auch, was für eine Immunreaktion ausgelöst wird. Die Wissenschaftler schrieben, bei Personen im Alter von 18 bis 55 Jahren sei eine doppelte Immunreaktion hervorgerufen worden. „Was dieser Impfstoff besonders gut macht, ist, beide Waffen des Immunsystems auszulösen“, sagte Dr. Adrian Hill, Direktor des Jenner-Instituts der Universität Oxford. Es würden Antikörper produziert und der Impfstoff löse auch eine Reaktion der körpereigenen T-Zellen aus, die bei der Bekämpfung des Coronavirus helfen würden.

Welche Sorten von Impfstoffen gibt es?

Der Impfstoff enthält häufig abgeschwächte oder tote Erreger einer spezifischen Erkrankung – oder deren Fragmente. Man spricht auch von Lebend- oder Totimpfstoffen. Die Lebendimpfstoffe sind meist verträglicher als die Totimpfstoffe, die den entsprechenden Erreger komplett abtöten. Der Impfstoff der Zukunft hingegen wird aus der DNA des Erregers entwickelt beziehungsweise aus einem Bestandteil, der RNA, die als Bote Erbinformationen weiterträgt.

Deren Entwicklung dauert nicht so lange wie die Entwicklung eines Antikörper-Impfstoffs. In Deutschland forschen zwei Unternehmen an einem RNA-Impfstoff, Curevac und Biontech. Es gibt allerdings noch kein RNA-Medikament weltweit, das zugelassen worden wäre, man betritt hier also Neuland.

Manche Wirkstoffe von Impfpräparaten attackieren den Erreger direkt, stoppen seine Vermehrung oder eliminieren den ihn gänzlich – etwa Parasiten oder Bakterien –, andere stärken das Immunsystem. Häufig wirken auch Impfstoffe bei neuen Viruserkrankungen, die ursprünglich gegen ein anderes Virus entwickelt wurden – etwa gegen Ebola, Influenza oder Lungeninfektionen. Im Fall von Covid-19 gilt hier besonders der Wirkstoff Remdesivir als Erfolg versprechend, der ursprünglich gegen Ebola zugelassen worden war und kürzlich von der EU-Kommission als Medikament gegen Covid-19-Erkrankungen zugelassen wurde.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Versuche mit 1077 gesunden Personen in Oxford wurden als vielversprechend eingestuft. Die deutliche Immunantwort zeigte sich noch 56 Tage nach der Impfung und könne eventuell durch eine zweite Dosis verlängert werden, heißt es in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Unklar ist aber weiterhin, ob der Impfstoff namens ChAdOx1 nCoV-19 wirklich ausreichend Schutz bieten werde, so die Experten. Um diese Frage zu klären, haben bereits in Brasilien und Südafrika weitere Tests mit Tausenden Freiwilligen in einer Phase-III-Studie begonnen. Eine weitere Studie soll bald in den USA beginnen, dabei werden etwa 30.000 Teilnehmer angestrebt. Der Impfstoff basiert auf bestimmten manipulierten Viren, die ausschließlich bei Schimpansen vorkommen.

Hill betonte, seine Universität sei eine Partnerschaft mit dem Pharmakonzern Astrazeneca eingegangen, um den Impfstoff weltweit zu produzieren. Der Pharmakonzern habe bereits zugesagt, zwei Milliarden Dosen herzustellen.

Gibt es weitere Erfolg versprechende Impfstoffprojekte?

Ja. Auch das Mainzer Unternehmen Biontech, das mit dem US-Konzern Pfizer an einem Impfstoff arbeitet, kann mit den Ergebnissen der ersten klinischen Testphase zufrieden sein: Alle 24 Probanden, die eine zweifache Impfdosis erhalten hatten, haben Antikörper gegen das Virus gebildet – sogar in einer höheren Konzentration, als es nach einer überstandenen Infektion der Fall ist. Solche Daten seien ein „ermutigender Schritt auf dem Weg zu einem Impfstoff“, sagte der Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, der deutschen Zulassungsbehörde, Klaus Cichutek.

Noch im Juli will Biontech mit Tests an 30.000 Probanden weltweit beginnen. Bei einem weiteren deutschen Unternehmen, Curevac, das ebenfalls aussichtsreich einen Impfstoff entwickelt, hat sich die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro gleich selbst beteiligt. Auch das chinesische Unternehmen Sinovac hat gerade in Brasilien mit 9000 Angestellten aus dem Gesundheitswesen einen Stufe-III-Test begonnen. Die WHO führt auf einer Liste alle Covid-19-Impfstoffprojekte, die gute Aussichten auf Realisierung haben.

Ab wann ist an eine Auslieferung gedacht?

Mehrere Länder, darunter Deutschland, die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und die Niederlande, haben bereits Hunderte Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt, der noch nicht zugelassen ist. Die Auslieferung soll im Herbst beginnen. Britische Politiker haben angekündigt, dass die Briten ihn als Erstes erhalten würden, wenn er sich als wirksam erweist.

Kann das noch schiefgehen mit dem Impfstoff aus Oxford?

Ja. Garantien gibt es keine. Bis heute gibt es beispielsweise auch keinen Impfstoff gegen das HI-Virus. Und dennoch hat die Medizin im Laufe der Jahre so wirksame Medikamente entwickelt, dass der Krankheit zumindest in den reichen Ländern ihr Schrecken genommen werden konnte.

RND

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