Droht durch das Corona-Konjunkturpaket ein neuer Generationskonflikt?

Coronavirus

Die Corona-Krise durchkreuzt Pläne der jungen Generation. Sarna Röser, Bundesvorsitzende des Wirtschaftsverbands „Die Jungen Unternehmer“, erklärt, warum ihr das Konjunkturpaket Sorgen macht.

12.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Sarna Röser ist Bundesvorsitzende des Verbands "Die jungen Unternehmer".

Sarna Röser ist Bundesvorsitzende des Verbands "Die jungen Unternehmer". © pa/obs DIE JUNGEN UNTERNEHMER

Frau Röser, vor welche wirtschaftliche Herausforderungen stellt die Corona-Krise die junge Generation?

Die Unsicherheiten sind leider sehr groß. Corona verändert derzeit wirklich alles, auch das Leben und die Zukunft der jungen Generation. Die Pläne von jungen Menschen, die gerade ihr Studium beendet haben, eine Ausbildung oder einen ersten Job antreten wollten, werden durchkreuzt. Sie müssen sich fragen, ob sie einen Job bekommen oder ihre Ausbildung antreten können. Wer etwa einen Auslandsaufenthalt geplant hatte, musste das auf Eis legen. Dazu kommt, dass viele junge Menschen von Kurzarbeit betroffen sind oder zu Hause den Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung meistern müssen.

Weder wir als Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer können derzeit absehen, wie stark die Rezession ausfällt und ob es vielleicht noch eine zweite Welle geben wird. Gleichzeitig sehen wir, dass in der Corona-Krise unglaublich große Schuldenberge angehäuft werden. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer soll das am Ende alles bezahlen?

130 Milliarden Euro schwer ist das Konjunkturpaket, das die Bundesregierung gegen die Auswirkungen der Corona-Krise geschnürt hat. Warum bereitet diese Summe Ihnen Sorgen?

Das Konjunkturpaket ist viel zu groß ausgefallen. Denn auch die Steuereinnahmen des Staates müssen erstmal erwirtschaftet werden. Bei vielen der 57 Posten im Konjunkturprogramm verspricht der Staat, über Steuerzuschüsse einzuspringen, wenn es eng wird. Und zu den 130 Milliarden in Deutschland kommen noch die vielen Schulden-Milliarden, die für das EU-Konjunkturpaket geplant sind. Da entsteht ein riesiger Schuldenberg, der irgendwann zurückgezahlt werden muss. Mir fehlt dabei das Bewusstsein für die junge Generation. Die Frage ist doch, wie stark man die Jungen eigentlich belasten kann.

Wenn Sie sagen, das Paket sei zu groß - wo hätte man denn, Ihrer Meinung nach, einsparen können?

Zum Beispiel bei der Kaufprämie für E-Autos. Kaufprämien sind sehr branchenspezifisch, ich hätte mir stattdessen mehr Entlastung für alle Branchen gewünscht. Investitionen in die Infrastruktur, in Digitalisierung, Bildung und Klimaschutz sind bitter nötig. Eine Kaufprämie hätte dagegen nicht sein müssen. Genauso ist es beim Kinderbonus: Es ist unglaublich wichtig, dass Eltern und Kinder eine Entlastung erhalten, denn sie wurden während Corona von der Politik im Stich gelassen. Aber eine Einmalzahlung von 300 Euro als Beruhigungspille hilft da nicht. Stattdessen sollte die Bundesregierung schauen, wie man dafür sorgt, dass Eltern jeden Monat mehr Netto vom Brutto bekommen und so mehr auf dem Konto haben.

Sehen Sie sich denn als Vertreterin der jungen Generation ausreichend im Konjunkturpaket berücksichtigt?

Es gibt darin in der Tat verschiedene Punkte, die junge Menschen entlasten sollen - gerade im Ausbildungsbereich. Ich muss aber sagen, dass ich mir insgesamt eine breitere Entlastung gewünscht hätte. Wir sind zum Beispiel in Deutschland nach wie vor Weltspitze bei der Steuerbelastung, ich hätte mir hier eine mutige Reform gewünscht. Das wichtigste ist aber, dass die Punkte, bei denen stärker in Digitalisierung und Bildung investiert werden soll, jetzt zügig umgesetzt werden. Gerade in der Corona-Krise haben wir gesehen, wie schlecht unser Bildungssystem aufgestellt ist, wenn es etwa um digitale Lernkonzepte oder Homeschooling geht. Das ist jedoch gerade für junge Menschen unglaublich wichtig.

Droht in Deutschland nach der Corona-Krise ein neuer, verschärfter Generationen-Konflikt?

Wir haben schon vor der Corona-Krise gesehen, dass das Thema Rente einen Generationenkonflikt auslösen kann. Unsere Bevölkerung wird glücklicherweise immer älter. Das heißt aber auch: Immer mehr Menschen sind länger in Rente. Das bedeutet, dass weniger junge Menschen über ihre Sozialbeiträge viele Ältere länger stemmen müssen. Wir haben daher schon vor der Corona-Krise gefordert, dass die Rente mit 63 abgeschafft und das Renteneinstiegsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden muss. Nun muss eigentlich auch die Grundrente auf Eis gelegt werden - sie hilft nicht zielgenau. Denn wenn jetzt durch Corona der jungen Generation zusätzliche Schuldenberge aufgeladen werden, dann müssen wir höllisch aufpassen, dass der Konflikt zwischen Alt und Jung nicht aus dem Ruder läuft.

Wie ließe sich das, Ihrer Meinung nach, verhindern?

Ein anders Thema neben der Rente ist, dass wir so schnell wie möglich zurück zur Schuldenbremse müssen. Sie hat uns überhaupt erst in die Lage versetzt, dass wir jetzt so schnell und gut mit großen Hilfspaketen reagieren können. Aber wir brauchen spätestens bei der Verabschiedung des nächsten Bundeshaushaltes eine Aussage, wann die Rückkehr zur Schuldenbremse geplant ist. Das würde uns als junger Generation helfen, dass nicht noch Schulden über Gebühr aufgenommen werden.

Widerspricht das nicht der Idee, langfristig in Innovationen zu investieren?

Ich denke, wir müssen stärker Prioritäten setzen, wofür wir Steuergelder verwenden. Wie schon gesagt: Das Konjunkturpaket ist viel zu groß. Da wurde, meiner Meinung nach, viel zu wenig der rote Stift angesetzt, um zu überlegen, wie man die zusätzlichen Schulden gering halten kann. Wenn wir nicht schnell zur Schuldenbremse zurückkommen, könnte das ausufern.

Jetzt lesen

Sie haben in den vergangen Tagen immer wieder gesagt, die junge Generation müsse die Scherben der Corona-Politik aufsammeln. Beziehen Sie sich da nur auf die Schulden?

Nein. Wir haben durch Corona gemerkt, wie schnell etwa einem Familienunternehmen der Boden unter den Füßen weggerissen werden kann - auch wenn es gut gewirtschaftet hat. In den nächsten zwei Jahren steht bei bis zu 250.000 Familienunternehmen die Nachfolge in der Unternehmensführung an. Es liegt also an der jungen Generation, diesen Unternehmen wieder auf die Beine zu helfen, die Arbeitsplätze zu erhalten und die Unternehmen wieder stark zu machen. Und das, während sie gleichzeitig vor der großen Herausforderung der Digitalisierung stehen. Dabei hatten wir schon vor Corona das Problem, dass sich immer weniger potenzielle Nachfolger dazu entschieden haben, ein Familienunternehmen zu übernehmen. Das macht mir große Sorgen.

Gleichzeitig ist es so, dass auch viele Startup-Gründer wirklich hart von der Corona-Krise getroffen wurden. Viele werden wohl nicht überleben, weil sie keinen finanziellen Puffer haben. Es besteht ein hohes Risiko, dass wir diese Innovationskraft verlieren.

Ist es nicht auch nachvollziehbar, dass jemand, der von der Uni abgeht und vor einem halben Jahr noch die Idee hatte, ein Startup zu gründen, nun eher nach etwas Sicherem sucht?

Ja, und das ist genau meine Befürchtung. Ich hoffe sehr, dass Corona nicht dazu führt, dass immer weniger junge Menschen sich trauen, ein Unternehmen zu gründen. Deshalb ist es wichtig, es ihnen einfacher zu machen. Bisher ist es zum Beispiel in Deutschland wegen der vielen Amtswege noch sehr mühselig, ein Unternehmen zu gründen. Warum geht das nicht digital?

Wie wird sich der Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger verändern?

Vor Corona hatten wir die Situation, dass Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt kämpfen mussten, um Stellen und Ausbildungsplätze zu besetzen. Das wird sich, glaube ich, drehen. Die Unternehmen müssen jetzt erst einmal sicherstellen, dass sie wieder erfolgreich wirtschaften und das zwingt auch die junge Generation zum Umdenken. Konnten Sie vorher alles von ihren Arbeitgebern fordern - vom Sabbatical bis zum Homeoffice - müssen sie sich jetzt darauf einstellen, dass ihnen nicht alle Wünsche von den Lippen abgelesen werden. Man wird sich als junger Mensch wieder mehr anstrengen müssen, um einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Was würden Sie Berufseinsteigern deshalb raten?

Nicht den Optimismus und die Zuversicht verlieren. Weiterhin mutig zu bleiben und sich nicht unterkriegen zu lassen. Aus meiner Sicht müssen wir damit aber auch viel früher anfangen: Unser Bildungssystem ist zu starr und ermuntert zu wenig, mutig zu sein. Wir vermitteln und fördern in der Schule noch zu wenig das Berufsbild des Unternehmers. Die jungen Menschen erhalten nicht das Werkzeug oder den Optimismus, den sie brauchen, um später mal ein Unternehmen zu gründen. Ich glaube, das ist eine wichtige Stellschraube, an der man in der Zukunft drehen muss.

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt

Um die Konjunktur nach dem Corona-Shutdown anzukurbeln, hat die Koalition ein Paket beschlossen. Mit dem Kinderbonus sollen auch Familien profitieren. Höhe, Auszahlung, Steuern - das sind die Details.