Desinfektionsmittel-Mangel durch Coronavirus: Auch Apotheker in Selm haben schon reagiert

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Seit 2016 war es Apothekern nicht mehr erlaubt, selbst Desinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen. Nun kommt es im Zuge von Corona zu Engpässen. Da wurde die Begrenzung aufgehoben.

Selm

, 11.03.2020, 09:08 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Selmer Apotheke am Sandforter Weg sowie die Bärenapotheke in Selm nutzen gerne wieder die Chance, Desinfektionsmittel selbst zu mischen. „Es zeigt mir, dass es wichtig ist, dass es uns Apotheker noch gibt“, sagt Cornelia Meinhardt, Inhaberin der Apotheke am Sandforter Weg.

Ob sie sich darüber ärgert, nun quasi als Notnagel wieder eine grundlegende Tätigkeit ihres Berufs - nämlich das Herstellen von Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln - ausüben zu dürfen, kann sie aber nicht sagen. „Ich hatte ehrlich gesagt noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken.“

Jedes dritte Wort ist Desinfektion

Denn in den Selmer Apotheken geben sich in diesen Tagen die Kunden die Klinke in die Hand. Corona ist ein großes Thema, auch in der Bärenapotheke. Die versorgt derzeit nur Arztpraxen und Pflegedienste mit Desinfektionsmitteln. „Die benötigen die auch wirklich“, sagt Mitarbeiter Andreas Hitzegrad. Otto Normalverbraucher eigentlich nicht.

Doch die Nachfrage ist landesweit so groß, dass es zu Engpässen kommt. „Wir fangen jetzt damit an, Desinfektionsmittel selbst herzustellen“, sagt Andreas Hitzegrad, dass man die Ausnahmegenehmigung gern nutze, um dem Mangel entgegenwirken zu können. „Wir müssen auf die Lage reagieren.“

Das bestätigt auch Cornelia Meinhardt: „Jedes dritte Wort bei uns ist Desinfektion“, sagt die Apothekerin vom Sandforter Weg. Auch sie und ihre Mitarbeiter sind bislang der Anweisung der Apothekerkammer gefolgt, Desinfektionsmittel nur an immunsuppressive Patienten abzugeben. Das sind Menschen, die aufgrund von Organspenden oder aus anderen Gründen ein geschwächtes Immunsystem haben und somit anfällig für Infektionen sind. „Die benötigen Desinfektionsmittel wirklich. Bei allen anderen reicht es, die Hände zu waschen“, sagt die Apothekerin. „Es ist wichtiger und besser, sich häufig die Hände zu waschen, als zweimal am Tag ein Desinfektionsmittel zu nutzen.“ Läge keine Infektion vor, benötige man diese im häuslichen Bereich nicht.

Waschgel aus dem Spender reicht

„Grundsätzlich reichen Wasser und eine Reinigungssubstanz“, sagt auch Hitzegrad. Das Waschgel aus dem Spender sei das beste Mittel. Diese Produkte wären, genau wie das klassische Stück Seife, getestet und zerstörten nachweislich Coronaviren. Doch sie müssen richtig angewendet werden. „Vor allem die Fingerkuppen müssen gewaschen werden - und die Mittel müssen etwas einwirken“, erklärt Hitzegrad.

Gedanklich sollte man beim Händewaschen zweimal „Happy Birthday to You“ singen - und die Hände erst dann wieder abspülen. Dann hätte die Seife ihren Dienst getan. „Das Wasser in der hohlen Hand halten, das reicht nicht“, betont der Apotheker.

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Das in die Köpfe der Menschen zu bekommen, scheint jedoch schwer. Desinfektionsmittel scheinen als Allheilmittel angesehen zu werden - und das sorgt für einen Engpass. Die Hersteller kommen nicht nach, und wer es wirklich benötigt, kann nicht darauf zugreifen. Deshalb sollen die Apotheken übergangsweise bei der Produktion helfen.

Doch sowohl in der Bärenapotheke als auch in der Apotheke am Sandforter Weg merkt man: Auch die Inhaltsstoffe sind nur schwer zu bekommen. „20.000 Apotheken aus ganz Deutschland fragen gerade die Zutaten an“, weiß Hitzegrad.

Benötigte Rohstoffe sind ebenfalls knapp

„Wenn wir die Rohstoffe bekommen, legen wir los“, sagt Cornelia Meinhardt. Bestellt sind die benötigen Substanzen längst, eine Lieferung wurde inzwischen zugesagt. Sobald alles eingetroffen ist, wird ihr Sohn Vincent, ausgebildeter Pharmazeutisch Technischer Assistent, das Desinfektionsmittel anmischen. Gebrauchsfertig ist die Lösung dann sofort.

In der Bärenapotheke hat man schon mit der Produktion begonnen. „Aber wir haben längst nicht die Mengen bekommen, die eigentlich bestellt waren“, sagt Hitzegrad.

Inhaltsstoffe sind Ethanol oder Isopropylalkohl, Zusätze wie Glitzerol, um die Haut zu schonen, und Wasserstoffperoxid. „Wir mischen aber nur kleine Mengen an“, betont Cornelia Meinhardt, denn bei einigen der verwendeten Bestandteile muss der Explosionsschutz beachtet werden.

Größere Mengen erforderten bei der Lagerung besondere Sicherheitsvorkehrungen. Daher fährt die Apotheke am Sandforter Weg in jedem Fall zweigleisig und wird weiterhin bereits gebrauchsfertige Desinfektionsmittel bestellen und verkaufen.

Rezeptur basiert auf WHO-Empfehlung

Das Apotheker-eigene Desinfektionsmittel ist aber alles andere als eine eigene Erfindung. „Es gab entsprechende Arbeitsanweisungen zur Herstellung von der Apothekerkammer“, erklärt Cornelia Meinhardt. „Das Rezept basiert auf einer Formulierung der Weltgesundheitsbehörde (WHO)“, sagt Andreas Hitzegrad. Und „Riesenmengen“ werden auch in der Bärenapotheke nicht hergestellt. „Wir werden es an die abgeben, die es wirklich benötigen.“

Für alle anderen hat Hitzegrad neben Händewaschen noch einen einfachen Tipp im Kampf gegen Corona: Geputzt werden sollte in der Wohnung mit einem Mikrofasertuch. „Das nimmt fast 80 Prozent aller Keime auf“, muss danach aber unbedingt in der Waschmaschine bei mindestens 60 Grad gewaschen werden.

nd wer putzt, sollte unbedingt auch an das Handy-Display denken. „Das wird immer gern vergessen“, weiß der Apotheker, und empfiehlt, dafür auch einen Glasreiniger zu nutzen.

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