„Das Virus aushungern“: So will der Handel Corona überleben

Coronavirus

Wirtschaftsminister Altmaier hat den Kampf gegen das Ladensterben in Innenstädten zur Chefsache erklärt. Der Mittelstandsverbund fordert eine digitale Plattform, Sonntagsöffnungszeiten und eine neue Strategie zur Seuchenbekämpfung.

Berlin

05.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wirtschaftsminister Altmaier fordert Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte.

Wirtschaftsminister Altmaier fordert Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte. © picture alliance/dpa

An Ideen, wie sie die Innenstädte retten wollen, mangelt es den Händlern in Deutschland wahrlich nicht. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kann aus dem Vollen schöpfen, wenn er Anfang September zu einem runden Tisch lädt, um über Maßnahmen gegen das Ladensterben zu beraten. Am Montag hatte er den Kampf gegen drohende Pleiten infolge der Corona-Pandemie zur Chefsache erklärt. „Wir müssen Konzepte zur Wiederbelebung der Innenstädte entwickeln“, sagte Altmaier der Deutschen Presse-Agentur.

Der Mittelstandsverbund (ZGV), ein Verband mit 230.000 Unternehmen aus Handel und kooperierenden Branchen, unterstreicht die Notwendigkeit von neuen Konzepten: „In Zusammenhang mit Corona haben die Menschen ihre Verhaltensmuster völlig umgestellt“, sagte Hauptgeschäftsführer Ludwig Veltmann dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Viele gehen nicht mehr aus Freizeitvergnügen in die Innenstädte, sondern nur für notwendige Besorgungen.“

Daran habe auch der niedrigere Steuersatz nichts geändert: „Die temporäre Mehrwertsteuersenkung war ein politischer Aktionismus, der gut gemeint war, aber schlecht gemacht“, sagt Veltmann. „Ein Konjunkturimpuls hat sich bestenfalls bei langlebigen Konsumgütern wie Möbeln, großen Fernsehern oder Autos gezeigt.“

„Wir müssen das Virus aushungern“

Sein Verband fordert deshalb einen Strategiewechsel bei der Seuchenbekämpfung: „Jeder muss den Zugang haben, getestet zu werden. Wenn Testen so selbstverständlich ist wie Zähneputzen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.“ Veltmann ist überzeugt: „Wir müssen das Virus aushungern, damit wir die Städte wieder beleben können. Dann gehen Menschen wieder in Kinos und Messen finden wieder statt. Auf all das können wir nicht dauerhaft verzichten, bis irgendwann ein Impfstoff verfügbar ist.“

Der ZVG warnt vor einer Verschiebung der Märkte in den digitalen Bereich, insbesondere in Richtung amerikanischer Internetriesen: „Der Onlinehandel hat massiv profitiert, aber nicht die Firmen, die zum deutschen Mittelstand oder europäischen Handel gehören. Amazon hat von der Schließung des lokalen Handels profitiert“, sagt Veltmann. Er befürchtet: „Viele Menschen, die bislang nicht bereit waren, online einzukaufen, haben gemerkt, dass es bequem ist. Diese Menschen behalten ihr Verhalten natürlich bei und kehren nicht unbedingt zum stationären Handel zurück.“

Und so will der Mittelstandsverbund die digitale Präsenz lokaler Händler stärken: „Wir fordern von der Bundesregierung, dass wir unterstützt werden bei einem notwendigen Digitalschub.“ Laut Veltmann gehöre der Ausbau des Glasfasernetzes genauso dazu wie die Schaffung einer neuen Onlineplattform.

„Handel nicht komplett in den Onlinebereich verlagern“

Die ECE-Geschäftsführerin Joanna Fisher hält die Unterstützung des Bundes für digitale Lösungen ebenfalls für nötig. Ihr Unternehmen managt 195 Shoppingcenter, die zum großen Teil in deutschen Innenstädten liegen. Fisher sagte dem RND: „Dass die digitale Infrastruktur deutlich ausgebaut werden muss, ist unstrittig.“ Das können eine gemeinsame Plattform oder Förderprogramme für Händler sein, die eine eigene Lösung erarbeiten wollen. Allerdings mahnte sie auch: „Wir dürfen den Handel nicht komplett in den Onlinebereich verlagern. Deshalb müssen wir auf der anderen Seite zugleich auch die Offlineattraktivität, also den stationären Handel, stärken.“

Eine geeignete Maßnahme ist aus Fishers Sicht die Sonntagsöffnung: „Wir sind der Meinung, dass es sinnvoll und wichtig wäre, den Handel in dieser kritischen Lage mit zusätzlichen Verkaufschancen dabei zu unterstützen, sich zu erholen. Insbesondere im vierten Quartal, der für den Einzelhandel der wichtigste Zeitraum im Jahr ist, wären die Sonntagsöffnungen von großer Bedeutung.“ Hier sei die Unterstützung der Politik in Form einer grundsätzlichen Lösung wichtig, die eine unkompliziertere Sonntagsöffnung ermöglicht.

Corona hat Entwicklung in Innenstädten beschleunigt

Der Deutsche Städtetag wünscht sich eine konzertierte Aktion der zuständigen Ministerien mit Handel, Immobilieneigentümern und Wirtschaftsförderung. „Wir werden unsere Innenstädte nicht allein durch digitale Serviceangebote im Einzelhandel stabilisieren oder wiederbeleben“, sagt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Städtetages. „Viele Einzelhändler in Deutschlands Innenstädten stehen schon seit Längerem vor der großen Herausforderung, gegen einen rasant wachsenden Onlinehandel bestehen zu müssen. Corona hat diese Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigt.“

Innenstädte seien wichtig und oft das Herz einer Stadt, so Dedy. Seine Prognose für die Zeit nach Corona lautet deshalb: „Wir werden wohl auch darüber nachdenken müssen, mancherorts öffentliche Räume umzugestalten und neu zu nutzen.“

RND

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