Karneval ohne Prinzenpaar? In Selm war es beinahe soweit. Dann haben zwei Neu-Selmer die Session gerettet. Sascha (43) und Anita (39) Dietz fühlen sich mit ihrer Familie einfach „sauwohl“.

Selm

, 26.02.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die prinzlichen Gemächer haben sie im Prinzip erst im Mai vergangenen Jahres bezogen. Fast sind die beiden auf dem Prinzenwagen über die Stadtgrenze gefahren und haben sich erst im eigenen Haus und dann auf dem Prinzen-Thron niedergelassen. Sie waren das kleine Weihnachtswunder der Selmer Karnevalisten: Sascha (43) und Anita (39) Dietz, wie das Stadtprinzenpaar Sascha I. und Anita I. mit bürgerlichem Namen heißt.

Die Selmer Karnevalisten verkündeten schon, dass die Session ohne erwachsenes Prinzenpaar auskommen müsse. Doch dann kamen die Retter der Session.

Seit Mai erst wohnen die beiden mit drei Kindern und vier Katzen in Selm. Sie sind aus Herbern an den Fährenkamp gezogen. Und gleich voll angekommen. „Das kann man so sagen“, bestätigt Sascha Dietz. „Wir haben dadurch schnell Anschluss gefunden.“ Vorher kannten sie in Selm niemanden. Sie hatten sich aber nach dem Umzug schon mit den Nachbarn bekannt gemacht. Jetzt kennt sie jeder - zumindest jeder, der es mit dem Karneval hält.

„Dass wir in Selm gelandet sind, ist Zufall“

„Wir haben überall in der Umgebung nach einem Haus geschaut und dieses gefunden“, erklärt der Prinz. „Dass wir in Selm gelandet sind, ist jetzt Zufall. Es hätte auch eine andere Stadt sein können.“ Die Hauptsache war: In der Nähe, damit nicht wieder ein Jobwechsel her muss. Aber jetzt fühlt sich die Familie schon „sauwohl“, wie Anita Dietz es sagt.

Vorher kannte das Ehepaar, seit 2012 verheiratet, den Selmer Karneval kaum. Dann waren sie mehr oder weniger zufällig mit ihrem eigenen kleinen Verein, dem TuS Moonlight-Shadow, im Selmer Bürgerhaus: bei der Verabschiedung des alten Prinzenpaares.

Dort kam die Ansage, dass dringend ein neues Paar gesucht werde. „Hätte sie nicht gesagt ‚dann mach das doch‘, dann hätte ich mich gar nicht getraut“, sagt Sascha Dietz mit Blick zu seiner Gemahlin. Und weiter: „Da gehören immer zwei dazu. Alleine bin ich kein Prinz, da gehört auch die Prinzessin dazu.“ Danach habe er mal angefragt und die ersten Gespräche begannen, erzählt er.

Nicht einmal die Kinder wussten Bescheid

„Und dann ist das lange geheim gehalten worden“, fährt der 43-Jährige fort. „Da haben wir richtig Ärger für gekriegt – also freundschaftlichen“, sagt sie lachend.

Es war ein großes Geheimnis. Ein Geheimnis, das wirklich geheim bleiben musste. Weder Freunde, noch Familie erfuhren davon - nicht einmal die eigenen Kinder. „Der 15-jährige Jannik wusste es. Der hat das irgendwann geschnallt“, sagt Anita Dietz. Weil sie abends so oft weg waren. Jannik ist ihr Sohn aus erster Ehe.

Gemeinsam haben sie noch zwei weitere Kinder. „Die beiden Kleinen wussten es nicht, bis zum Moment, als wir als Prinzen durch die Tür kamen“, sagt die dreifache Mutter. Das war am 14. Januar. Die beiden kleinen sind Mike-Leon (8) und Mia-Sophie (5). Die Fünfjährige tanzt auch in der Kükengarde der KG Selm. Die beiden Jungs haben mit Karneval nicht so viel am Hut - und das obwohl Jannik am Rosenmontag 2003 zur Welt kam. „Am Anfang war der auch total Jeck. Vielleicht kommt das ja irgendwann nochmal wieder“, sagt seine Mutter. „Aber ich zwinge keinen.“

Am 14. Januar hat der Selmer Bürgermeister unter den Augen einer kleinen Narrenschaar Sascha und Antia Dietz im Sitzungssaal des Amtshauses inthronisiert.

Am 14. Januar hat der Selmer Bürgermeister unter den Augen einer kleinen Narrenschaar Sascha und Antia Dietz im Sitzungssaal des Amtshauses inthronisiert. © Marie Rademacher (Archiv)

Die einzigen Menschen die abgesehen von Jannik schon vor dem 14. Januar Bescheid wussten: die jeweiligen Arbeitgeber. Sascha Dietz ist Softwareentwickler bei einer Firma in Bergkamen, sie ist Reinigungsfachkraft. Der 14. Januar, der Tag der nachgezogenen Proklamation, war ein Montag. „Da musste ich mir Urlaub nehmen“, sagt der Prinz. „Einer auf der Arbeit hat bei mir Bescheid gewusst – mein Vorgesetzter, der mir den Urlaub genehmigen musste. Der hat sich aber auch für mich gefreut“, meint er.

Doch die Arbeitgeber seien, bei allem Wohlwollen, jedoch auch ein Mitgrund, warum ein zweites Jahr als Prinzen nicht infrage käme, sollte die KG zur nächsten Session wieder Probleme haben. „Zwei Jahre in Folge, das machen unsere Chefs nicht mit“, sagt Anita Dietz.

Karneval aus der Mode?

„Der Arbeitsmarkt ist schwieriger geworden“, sagt Lothar Schwarze, Vorsitzender des Verbandes Bund Ruhr-Karneval. Das ist für ihn einer der Hauptgründe, warum es immer schwieriger sei Karnevalsprinzen zu finden. Selm ist da kein Einzelfall. „Beide Seiten arbeiten, müssen also Urlaub bekommen, alle sind mobiler geworden und generell ist der Druck auf die Arbeitnehmer größer. Das war vor 40 Jahren, als ich angefangen habe, noch nicht so“, sagt Schwarze.

„Das ist eine gesellschaftliche Geschichte.“ Der Karneval sei zwar noch nicht aus der Mode, aber eben nicht mehr „so richtig in Mode“, sagt Schwarze. Die Entwicklung der problematischen Prinzensuche mache auch vor den großen Karnevalshochburgen keinen Halt. „Da findet man noch welche. Aber anstatt zehn Bewerber hat man vielleicht nur noch zwei oder drei“, sagt Schwarze. „Der Karneval hat sich zu lange darauf verlassen, dass die Leute und die Jugend von alleine kommen“, meint er.

Einige Vereine müssten da noch etwas lernen, um dem Mitgliederschwund entgegen zu wirken. Schwarze ist sich aber auch sicher: „In 10, 20 oder 30 Jahren wird sich das wieder ändern.“

„Ich würde das jedem empfehlen“

„Ich glaube der Sommer wird langweilig“, sagt Sascha I. Die Zeit war intensiv und alles musste ganz schnell gehen. Die Regentschaft ist etwas verkürzt. „Ein paar Wochen fehlen, das stimmt. Aber die Wochen die wir hatten, haben wir sehr genossen und genießen sie jetzt auch weiter. Ich finde, dieses Vertrauen, das die KG Selm uns entgegenbringt, ist etwas ganz besonderes. Das ist schon Wahnsinn“, meint Anita I.

Sascha und Anita Dietz sind die Retter der Selmer Karnevals-Session 2018/19. Hier mit Mike-Leon (8) und Mia-Sophie (5).

Sascha und Anita Dietz sind die Retter der Selmer Karnevals-Session 2018/19. Hier mit Mike-Leon (8) und Mia-Sophie (5). © Wilco Ruhland

Schon jetzt käme die erste Trauer, weil man wüsste, dass es schon bald wieder vorbei ist, sagt sie. Aber ist es bei „zwei bis drei Terminen pro Wochenende“, wie Sascha Dietz es sagt, nicht auch etwas sehr hektisch?

Wie schafft man es dabei nicht den eigenen Spaß zu verlieren? „Als Hektik habe ich das bis jetzt noch gar nicht empfunden. Die Organisation kam vom Verein und wir hatten da nicht so viel zu tun. Wir konnten uns ein bisschen zurücklehnen und das alles genießen“, sagt der 43-Jährige. „Es macht wirklich Spaß zu tanzen, zu schunkeln und zu singen. Das muss man erlebt haben. Ich würde das jedem empfehlen der hier Spaß hat am Karneval und mal Prinz machen will. Gerade hier in Selm, das ist wunderbar.“

Die karnevalistische Welt von oben

Ein wichtiger Faktor sei dabei auch, dass sie wissen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Der Patenonkel der fünfjährigen Mia-Sophie wohnt mit im Haus. Er passt dann auf die Kinder auf. „Das Vertrauen ist da. Wenn das nicht funktionieren würde, dann hätten wir das mit dem Prinzensein gar nicht gemacht. Das ist das Wichtigste“, sagt der Vater. Anita Dietz sagt: „Man denkt als Eltern immer zuerst an seine Kinder. Aber wir können dann auch schon mal lockerlassen.“

„Ich glaube, der Sommer wird langweilig.“
Sascha Dietz (43)

Der schönste Moment für das Paar kommt aber noch: „Ich denke der Umzug wird das Schönste“, sagt sie. Sie hätten schon mit Kamelle geworfen, aber eben nicht hoch oben vom Wagen herab. Zum ersten Mal die karnevalistische Welt von oben erleben.

Ein weiteres Geheimnis bleibt jedoch, wie der Wagen aussieht. Nicht einmal das Prinzenpaar weiß es. „Das erfahren wir dann am Karnevalssamstag“, sagt Sascha Dietz. Und dann wollen sie nicht bloß Bonbons werfen, sondern haben sich etwas überlegt: sie packen bunte Päckchen mit verschiedenen Inhalten, fast wie Überraschungseier. Ganz schön viele Überraschungen für eine Session.

Das Mikrofon-Manko

Also ist alles schön und nur Spaß. Wenn da ein kleines Manko des Prinzen nicht wäre. Man traut es ihm so von Angesicht zu Angesicht in seiner Küche mit der weißen Katze auf dem Schoß nicht unbedingt zu: „Ich bin kein großer Redner. Wenn ich auf einer Veranstaltung war und vorne reden musste, habe ich so meine Schwierigkeiten gehabt“, sagt er. In Gesprächen bestände das Problem nicht.

Die Menschenmasse allein ist es nicht. Vorne stehen, ist auch nicht das Problem. Nur wenn ich das Mikro dann in die Hand bekomme, dann ist da Herzrasen. Aber es ist schon besser geworden“, meint er. „Beim letzten Mal habe ich sogar ein paar Worte herausbekommen“, sagt er stolz.

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