Das Abenteuer Oberzeuzheim, oder: Drei Wochen Freiheit

dzBorker Ferienlager

Oberzeuzheim. Mit diesem Ort im Westerwald können viele Borker etwas verbinden. Positive Erinnerungen in den meisten Fällen. Vor 50 Jahren ging es dorthin ins Ferienlager - in drei Wochen Freiheit.

Bork

, 15.11.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Jahr 1970: Veränderung liegt in der Luft. Gerade ein Jahr ist es her, dass in Woodstock Jimi Hendrix und Janis Joplin zusammen mit Hunderttausenden Besuchern ein Festival gefeiert haben. Drei Tage Peace, Love - und Musik. Willy Brandt ist deutscher Bundeskanzler, predigt Wandel durch Annäherung. Die Jugendlichen tragen lange Haare und Schlaghosen. Roy Black ist mit seinem Hit „Das schönste Geschenk“ auf Platz 1 der deutschen Charts - Led Zeppelin mit „Whole Lotta Love“ kommt direkt dahinter.

50 Jahre ist das her. 50 Sommer, seit rund 100 Kinder im Sonntagszwirn am Marktplatz in Bork standen. Mit gepackten Koffern. Und Sommerferien. Vor ihnen lagen damals drei Wochen Ferienlager. Das Abenteuer Oberzeuzheim.

Vom Marktplatz in Bork aus ging es los - die Familien winkten dem Bus beim Wegfahren zu.

Vom Marktplatz in Bork aus ging es los - die Familien winkten dem Bus beim Wegfahren zu. © Archiv Hei-Wi Schaeper


Der kleine Ort Oberzeuzheim, ein Stadtteil von Hadamar im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg, hat Eindruck hinterlassen bei den Borkern, die ihn damals mit ansteuerten. Auch Hildegard Schröder, Birgit Schaeper und ihr Mann Hei-Wi Schaeper erinnern sich noch genau an das Ferienlager. Die drei waren damals um die 20 - und als Betreuer mit im Lager. Heute, 50 Jahre später, kommt bei zufälligen Treffen im Dorf immer noch häufig die Frage auf: „Sag mal, warst du nicht damals auch mit in Oberzeuzheim?“ Das erzählt Hei-Wi Schaeper mit einem Lachen.

Das ist die Hirsemühle in Oberzeuzheim, die den Borker Kindern 1970 damals als Herberge diente.

Das ist die Hirsemühle in Oberzeuzheim, die den Borker Kindern 1970 damals als Herberge diente. © Archiv Hei-Wi Schaeper

Was genau aber war denn jetzt eigentlich so besonders an diesem Ort? „Eigentlich nichts. Das war absolute Knüste“, sagt Hildegard Schröder lächelnd. Es sei weniger um die Gegend gegangen. Die große, damals nicht anderweitig bewohnte ehemalige Hirsemühle hatte große Schlafräume, war eher rustikal eingerichtet. Draußen gab es viel Platz auf den Wiesen, einen Bach und ein Wasserrad. Aber die Landschaft war es nicht, was das Dörfchen für die Borker so besonders machte. „Es war einfach die Stimmung“, versucht Birgit Schaeper es zu erklären. „Das waren einfach drei Wochen Freiheit.“ Sie selbst war damals 17 Jahre jung.

Was das Besondere war an Oberzeuzheim? Die Freiheit, die die Kinder dort damals hatten, sagen die Betreuer heute aus der Erinnerung.

Was das Besondere war an Oberzeuzheim? Die Freiheit, die die Kinder dort damals hatten, sagen die Betreuer heute aus der Erinnerung. © Archiv Hei-Wi Schaeper

Alles sei „sehr frei“ gewesen. Mit einer „schönen Harmonie“. „Es war ja damals auch die Woodstock-Zeit“, versucht auch Hei-Wi Schaeper dieses Gefühl von damals irgendwie in Worte zu fassen. Übrigens haben sich er und seine jetzige Frau in Oberzeuzheim ineinander verliebt. Und das sei nicht die einzige Ehe gewesen, die im Ferienlager gestiftet wurde. Auch das erzählen die Borker lachend - und nennen einige Beispiele.

Besonders beliebt zum Spielen war der Bach in Oberzeuzheim.

Besonders beliebt zum Spielen war der Bach in Oberzeuzheim. © Archiv Hei-Wi Schaeper

Immer viel Programm habe es gegeben für die in der Regel 10 bis 14 Jahre alten Kinder. Dazu gehörten das Singen am Lagerfeuer genauso wie das stundenlange Spielen mit Matsch-Schlacht am Bach, Fußballturniere oder die Disko in der Mühle. Es gab Theaterstücke, Bingo-Abende und natürlich - zumindest auf Betreuerseite - durchgemachte Nächte.

In Erinnerung an einen Ausflug 1970 müssen Hildegard Schröder, Birgit Schaeper und Hei-Wi Schaeper heute noch herzlich lachen: Es ging an einem besonders warmen Tag zu Fuß ins nahe gelegene Freibad. Aus der Küche gab es es dazu ein großes Lunchpaket: kistenweise geschmierte Butterbrote.

Ein Erinnerungsfoto an den "Tag des deutschen Butterbrotes".

Ein Erinnerungsfoto an den "Tag des deutschen Butterbrotes". © Archiv Hei-Wi Schaeper

Im Freibad hatten die Betreuer dann allerdings Probleme, diese Butterbrote loszuwerden. „Die Kinder haben sich von ihrem kleinen Taschengeld natürlich lieber für eine Mark eine Pommes geholt“, sagt Hei-Wie Schaeper grinsend. „Die Brote bogen sich in der Hitze schon nach oben - wir sind sie einfach nicht losgeworden“, erinnert sich auch Hildegard Schröder. Meinolf Schröder - der Leiter des Ferienlagers und ihr späterer Ehemann - sah sich deshalb kurzerhand zu einer kleinen Ansprache an die einheimischen Kinder veranlasst. Es sei der Tag des Butterbrotes, behauptete der damals 29-Jährige. Alle, die Hunger hätten, könnten also zugreifen. Die Kisten wurden so doch nach und nach leer - und ein der vielen Oberzeuzheim-Anekdoten war geboren.

Meinolf Schröder war 1970 Schulleiter in Bork und leitete auch die Ferienlager nach Oberzeuzheim. 29 Jahre war er damals alt.

Meinolf Schröder war 1970 Schulleiter in Bork und leitete auch die Ferienlager nach Oberzeuzheim. 29 Jahre war er damals alt. © Archiv Hei-Wi Schaeper

Meinolf Schröder war damals übrigens auch der Leiter der Grundschule in Bork. Das Ferienlager wurde wie auch heute noch zusammen mit der Kirche organisiert.

Zum Jubiläum Treffen geplant

Eigentlich hätte dieses Jahr im September - passend zum Jubiläum - eine Party stattfinden sollen. Alle, die damals dabei waren, wäre eingeladen gewesen, man hätte zusammen Bilder anschauen, zusammen in Erinnerungen umherwandern und Neuigkeiten austauschen können. Wegen der Coronakrise steht das alles im Konjunktiv: Die Feier in diesem Jahr musste abgesagt werden. Sie soll jetzt im nächsten Jahr stattfinden. Auch da ist das Jubiläum noch rund: 1971 ging es für die Borker Kinder nämlich noch mal in die Hirsenmühle im Westerwald. Mittlerweile ist in dem Gebäude keine Jugendherberge mehr, sondern ein Institut für Physiotherapie. Zwischendurch, so sagt es Hei-Wi Schaeper, der auch nach den Ferienlagern noch mal nach Oberzeuzheim zurückgekehrt ist, sei in der Hirsenmühle auch mal eine Sekte gewesen.

20 Jahre alt war der Borker Hei-Wi Schaeper, als er als Beteuer mit in Oberzeuzheim war.

20 Jahre alt war der Borker Hei-Wi Schaeper, als er als Beteuer mit in Oberzeuzheim war. © Archiv Hei-Wi Schaeper

Wer noch Fotos, besondere Erinnerungen oder Kontakte zu den Teilnehmern von 1970 und 1971 hat, kann sich jetzt schon per Mail oberzeuzheim50@gmail.com an Hei-Wi Schaeper wenden. Wenn alles klappt, sollen dann möglichst viele der Ferienkinder von damals im September 2021 zusammenkommen - auch wenn sie mittlerweile natürlich längst keine Kinder mehr sind. Wie war noch diese eine Zeile im 24 Strophen langen „Lager-Boogie“, den sie im Ferienlager immer gesungen haben? „Schubidubidu... Und die Zeit vergeht im Nu...“

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