Coronavirus auf dem Vormarsch: Wie gut ist Deutschland gerüstet?

Coronavirus

Hunderte in Quarantäne, Überstunden in Gesundheitsämtern, Sorge um Kapazitäten der Kliniken. Wie gut ist Deutschland für eine drohende Coronavirus-Epidemie aufgestellt?

NRW

27.02.2020, 13:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Wieler, hat mit Blick auf die neue Lungenerkrankung Covid-19 von einer schweren Krankheitsform gesprochen.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Wieler, hat mit Blick auf die neue Lungenerkrankung Covid-19 von einer schweren Krankheitsform gesprochen. © picture alliance/dpa

In rasendem Tempo prasseln Informationen über Coronavirus-Fälle und Reaktionen der Behörden auf die Menschen in Deutschland ein. Immer mehr Bürger fragen sich mit wachsender Sorge, was die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 für sie bedeutet. Hunderte sind allein in Nordrhein-Westfalen von Quarantäne-Anweisungen betroffen. Gesundheitsminister Jens Spahn sieht Deutschland „am Beginn einer Corona-Epidemie“. Wie gut sind das Land und sein Gesundheitssystem gerüstet?

Krisenstäbe sind bei der Bundesregierung und den hauptsächlich betroffenen Ländern eingerichtet. Täglich gibt es Telefonkonferenzen - national und international. Pandemiepläne in Bund und Ländern werden aktualisiert. Das Robert Koch-Institut (RKI) bewertet die Situation seit vier Wochen in zwei Schichten in einem Lagezentrum. Spahn und andere Regierungs- und Behördenvertreter betonen: Deutschland verfüge über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Man sei vorbereitet. Doch wo sind mögliche Schwachstellen?

Gesundheitsämter im Mittelpunkt der Krisenbewältigung

Dreh- und Angelpunkt der Krisenbewältigung sind erst einmal die 380 Gesundheitsämter. Sie schätzen die Lage vor Ort ein, informieren die Bevölkerung und ermitteln Kontaktpersonen. „Das sind die Gesundheitsämter gewohnt“, sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). „Aber wenn es mehr Patienten werden, stoßen wir an Kapazitätsgrenzen.“

Absehbare Engpässe seien hausgemacht: 2500 Ärzte arbeiten in den Gesundheitsämtern. „Vor 15 Jahren waren es 30 Prozent mehr“, so Teichert. Schon heute absolvierten viele Beschäftigte in den Ämtern Überstunden und Nachtarbeit. „An den Hotlines sind viele überlastet, weil etwa Menschen anrufen, weil vor ein paar Tagen in einer Disco jemand gehustet hat.“

Wie kann es weitergehen? Hunderte Menschen in Nordrhein-Westfalen stehen unter Quarantäne - für 14 Tage. Verwandte und Nachbarn stellen Lebensmittel vor ihre Tür. „Wenn es mehr Infizierte gibt und die Kontaktpersonen alle in Quarantäne kommen, wird dies das öffentliche Leben ganz schön beeinträchtigen“, sagt Teichert.

Risikogruppen unter besonderen Schutz stellen

Spahn spricht von einer möglichen „nächsten Phase“. Dann könnten nicht mehr möglichst alle Kontaktpersonen ermittelt werden. Auch Teichert sieht Grenzen solcher Maßnahmen: „Sobald es mehr solche Fälle werden, wüsste ich nicht, wie das gehen soll.“ Sie sieht die kritische Schwelle bei einer zwei- bis dreistelligen Zahl an Infizierten. Besonders geschützt würden dann Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Der Fokus könnte sich dann auf Altenheime, Kindergärten, Schulen richten.

RKI-Präsident Lothar Wieler meint: „Wir werden diese Maßnahmen so stringent führen, wie es möglich ist.“ Wie ernst ist die Lage? „Das ist noch nicht außer Kontrolle.“ Aber es sei wie in einem Kriminalfilm - plötzlich kämen neue Indizien, neue Ausbrüche, neue Kontaktpersonen. Der Verlust der Kontrolle sei denkbar. Aber häusliche Quarantäne sei auch in einer nächsten Phase wichtig.

Wie sind die rund 1900 Krankenhäuser vorbereitet? „In allen Kliniken gibt es sogenannte Ausbruchsmanagementpläne“, sagt die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna, zugleich Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer. Die Abläufe bei Epidemien müssten nicht neu geregelt werden. Die Patienten würden dann so durch die Klinik geleitet, dass sie niemanden anstecken - und kämen in Einzelzimmer.

Deutschland hat die höchste Dichte an Krankenhausbetten

Betten mit speziellen Unterdruckschleusen, wie sie etwa für extrem gefährliche Infektionskrankheiten wie Ebola vorgesehen sind, gibt es deutschlandweit nur 47. Für das Coronavirus braucht man diese den offiziellen Empfehlungen zufolge nicht. Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) sagt: „Ein Isolierzimmer kann jedes Zimmer im Krankenhaus sein, in dem eine gegebenenfalls vorhandene, mit anderen Zimmern verbundene Lüftung abschaltbar ist und das über eine eigene Nasszelle verfügt.“

Der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberger meint: „Wir haben in Deutschland international die höchste Dichte an Krankenhausbetten, das hilft natürlich in einem Notfall.“ Engpässe aber kann es in verschiedener Form geben. Als Beispiel sagt ein DKG-Sprecher: „Wenn es keine Mund-Nasen-Vorrichtungen mehr gibt, kann ein Krankenhaus keine Eingriffe mehr durchführen.“

Auch Personalengpässe seien denkbar - vor allem wenn sich Pfleger und Ärzte selbst infizieren oder als Kontaktperson unter Quarantäne gestellt werden. Mögliche Schwachstellen sehen Experten auch bei den Arztpraxen - der Deutsche Hausärzteverband äußert sich dazu zunächst nicht.

Alle sind sich einig: Die Schwierigkeiten wachsen mit der Zahl der Fälle. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte für den Fall einer großen Infektionswelle schon vor Tagen: „Es wird dann schwierig, die normale Versorgung aufrechtzuerhalten.“ Intensivbetten, die eigentlich für Operationspatienten benötigt würden, wären dann voll. Schon im Normalfall sind etwa die Häuser der Charité zu 85 Prozent belegt - was tun bei einer Epidemie?

„Alle Beteiligten im Gesundheitssystem sind auf Notfälle vorbereitet“

RKI-Chef Wieler spricht von mehreren Stufen: Verschiebbare Eingriffe würden dann verschoben - „dadurch gewinnt man Betten“. Wachse der Bedarf weiter, könnten Kliniken Patienten schon früher aus der Isolation nehmen. Infektiologe Salzberger sagt: „Wenn es zu einem solchen Notfall kommen sollte, werden alle ihr Bestes geben - alle Beteiligten im Gesundheitssystem sind auf Notfälle vorbereitet, das gehört bereits zur Ausbildung dazu.“ Auch die Bundeswehr kann auf Hilfeersuchen ziviler Behörden bei der Bekämpfung der Epidemie tätig werden - etwa durch logistische Hilfe oder Feldlazarette.

dpa

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