Coronavirus: Europa macht dicht

Covid-19-Pandemie

Laut Weltgesundheitsorganisation ist Europa die am schwersten von der Coronavirus-Pandemie betroffene Region der Welt. Um die Ausbreitung zu stoppen, ergreifen EU-Länder diese Maßnahmen.

Los Angeles

15.03.2020, 09:45 Uhr / Lesedauer: 6 min
Tschechien hat die festen Grenzkontrollen zu Deutschland und Österreich wiedereingeführt. Grund ist die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus.

Tschechien hat die festen Grenzkontrollen zu Deutschland und Österreich wiedereingeführt. Grund ist die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus. © Petr David Josek/AP/dpa

Nach der Schließung etlicher europäischer Grenzen in der Coronakrise sucht die Europäische Union eine gemeinsame Linie, um Lieferprobleme und die Gefahr leerer Regale abzuwenden.

„Europa ist jetzt zum Epizentrum der Covid-19-Pandemie geworden“

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen beriet am Samstag mit ihrem Krisenteam und wichtigen Mitgliedsstaaten. Es gehe darum, Menschen zu schützen und doch den Warentransport aufrecht zu erhalten, schrieb von der Leyen auf Twitter. Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) forderte ein abgestimmtes Vorgehen an den Grenzen.

Europa ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit die am schwersten von der Coronavirus-Pandemie betroffene Region der Welt. Auf dem Kontinent würden mehr Infektionen und Todesfälle gemeldet als in allen anderen Ländern außerhalb Chinas zusammen, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

„Europa ist jetzt zum Epizentrum der Covid-19-Pandemie geworden“, sagte er. „Es werden jeden Tag mehr Fälle gemeldet als auf der Höhe der Epidemie in China.“

Frankreich: Bisherigen Maßnahmen offensichtlich nicht ausreichend

Frankreich schließt im Kampf gegen das Coronavirus alle Restaurants, Läden und Bars. Apotheken und Lebensmittelgeschäfte oder Banken sollen aber geöffnet bleiben, kündigte Frankreichs Premier Édouard Philippe am Samstagabend an.

Allerdings sollen ab Mitternacht alle nicht für das Leben notwendigen öffentlichen Orte schließen. Philippe begründete dies mit dem starken Anstieg der Coronavirus-Fälle im Land. Die bisherigen Maßnahmen seien offensichtlich nicht ausreichend gewesen.

Bisher 91 Tote in Frankreich zu verzeichnen

Nach Angaben der Gesundheitsbehörden zählte Frankreich am Samstag 4500 Fälle, am Vortag waren es noch 3661. Es seien 91 Tote zu verzeichnen. Die erste Runde der Kommunalwahlen soll Philippe zufolge aber dennoch am Sonntag stattfinden - unter „strikter Einhaltung der Anweisungen“. Frankreich hatte bereits zuvor zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen für die Wahl angekündigt. Dabei werden im ganzen Land neue Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gewählt.

Nach der Rede von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Donnerstagabend seien in Frankreich immer noch zu viele Menschen in Restaurants oder Cafés gegangen, monierte er. Macron hatte sich mit einer Rede an die Französinnen und Franzosen gewandt und erklärt, dass ab Montag alle Bildungseinrichtungen schließen werden.

Frankreich eröffnet „Phase 3“

Nun gelte in Frankreich „Phase 3“ erklärte Jérôme Salomon, der nationale Gesundheitsdirektor. Dies ist die höchste Stufe im Kampf gegen Epidemien. Zuvor hatte die zweite Stufe gegolten, Frankreich hatte unter anderem alle Veranstaltungen mit mehr als Menschen untersagt.

Philippe kündigte nun ein, dass auch der öffentliche Verkehr eingeschränkt werden soll. Er rief die Französinnen und Franzosen zu mehr Disziplin auf. „Unser Ziel ist es, Sie zu schützen. Ich bin mir der Anstrengungen und Opfer bewusst, die von Ihnen verlangt werden“, sagte er.

Lettland setzt internationalen Personenverkehr aus

Regierungschef Krisjanis Karins kündigte am Samstag in Riga die Aussetzung des internationalen Personenverkehrs an. Die Maßnahme gelte ab dem 17. März und umfasse den Luft-, Schienen-, See- und Straßenverkehr. Alle Letten sollen bis dahin in ihre Heimat zurückkehren.

Für den Warenverkehr blieben die Grenzen offen, sagte Karins. Auf Beschluss der Regierung sind in Lettland zudem mit sofortiger Wirkung alle organisierten öffentlichen Veranstaltungen untersagt. Unorganisierte Veranstaltungen in Kultur-, Unterhaltungs-, Freizeit-, Sport- und religiösen Einrichtungen sind auf eine Teilnehmerzahl von maximal 50 Personen beschränkt. Sie müssen bis spätestens 23.00 Uhr Ortszeit beendet sein.

In Lettland gab es bis Samstag 26 nachgewiesene Infektionsfälle. Die Regierung hat wegen der Ausbreitung des Coronavirus bis Ostern den landesweiten Notstand ausgerufen.

Spanien schränkt Bewegungsfreiheit massiv ein

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Spanien ist binnen 24 Stunden um mehr als 1500 nach oben geschnellt. Insgesamt seien jetzt 5753 Ansteckungen mit dem Virus Sars-CoV-2 bekannt, teilten die Gesundheitsbehörden am Samstag mit, davon allein fast 3000 in der Hauptstadt Madrid. Bis Freitag waren 120 Menschen in Spanien an der Infektion gestorben. Für Samstag gab es zunächst keine aktuellen Zahlen.

Zur wirksameren Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie hat Spanien einen zweiwöchigen sogenannten Alarmzustand verhängt, der auf die Einschränkung der Bewegungsfreiheit im ganzen Land hinausläuft. Der Ministerrat der Links-Regierung erließ dazu am Samstag in Madrid ein entsprechendes Dekret, wie Ministerpräsident Pedro Sánchez am späten Abend bekanntgab.

Sánchez: Alarmzustand von 15 Tagen ausgerufen

Das Dekret tritt am Montag um 8 Uhr morgens in Kraft. Sánchez sprach von „drastischen Maßnahmen“. Der Alarmzustand sei für die längstmögliche Dauer von 15 Tagen ausgerufen worden, sagte der sozialistische Politiker. Eine Verlängerung müsste vom Parlament in Madrid genehmigt werden.

Die Spanier dürften während des „Alarmzustands“ nur in Ausnahmefällen aus dem Haus gehen. Erlaubt bleiben nach dem Dekret Fahrten zur Arbeit, zum Arzt sowie zum Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten. Die Bürger dürfen das Haus auch verlassen, um Kinder, Ältere und Hilfsbedürftige zu betreuen.

Sánchez wollte sich in einer Ansprache an die Nation wenden. Er hatte schon am Freitag gesagt, die Zahl der Infektionen werde in den kommenden Tagen die Marke von 10 000 erreichen. In Madrid und der Region Katalonien hatten die Behörden schon am Freitag angeordnet, Bars, Restaurants und nicht lebenswichtige Geschäfte zu schließen.

Großbritannien sagt Großveranstaltungen ab

Die britische Regierung wird angesichts der Covid-19-Pandemie voraussichtlich in den nächsten Tagen ein Verbot für Großveranstaltungen aussprechen. Entsprechende Informationen aus Regierungskreisen liegen der Deutschen Presse-Agentur und britischen Medien vor.

Premierminister Boris Johnson war zuvor kritisiert worden, zu langsam auf den Erreger Sars-CoV-2 zu reagieren. Bislang sind nur einzelne Großveranstaltungen wie der London-Marathon verschoben oder abgesagt worden. Britischen Medien zufolge sollen nun alle Veranstaltungen mit über 500 Teilnehmern untersagt werden.

Zurückhaltende Maßnahmen in Großbritannien: „Herdenimmunität“

Regierungsberater aus dem Gesundheitsbereich hatten die bislang zurückhaltenden Maßnahmen in Großbritannien unter anderem damit begründet, dass eine „Herdenimmunität“ gegen das Virus aufgebaut werden müsse. Erst bei einem gewissen Durchseuchungsgrad in der Bevölkerung könne kollektiver Schutz erzielt werden, so die Experten.

Diesen Ansatz stellte die Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Harris, am Samstag infrage. Man wisse noch zu wenig über das Virus. „Es ist noch nicht lange genug in unserer Bevölkerung, um zu wissen, was es immunologisch macht“, sagte die Sprecherin dem Nachrichtensender BBC. „Wir können über Theorien reden, aber im Moment stehen wir wirklich vor einer Situation, in der wir uns mit Taten beschäftigen müssen.“

Dänemark riegelt Grenzen ab

In Dänemark ist am Samstag erstmals ein Patient im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie gestorben. Der 81-Jährige sei zunächst wegen anderer Krankheiten in eine Klinik gebracht worden, meldete die Kopenhagener Regionalregierung am Samstag.

Dort wurde das Virus festgestellt und der Mann entsprechend isoliert. Um eine Ausbreitung des Coronavirus in dem Land zu verhindern, hat Dänemark indes seine Grenzen für Reisende aus anderen Ländern geschlossen.

In den ersten Stunden nach der Schließung der deutsch-dänischen Grenze haben dänische Grenzposten insgesamt 29 Menschen die Einreise aus Deutschland verweigert.

Dänemark: Schließungen von Schulen und Kitas seit Mittwoch angekündigt

Die Reisenden seien an drei Landübergängen gestoppt worden, teilte die Polizei in Südjütland am Samstag mit. An der Öresundbrücke an der Grenze zu Schweden wurden nach Angaben der Kopenhagener Polizei 13 Personen angehalten. Am Flughafen Kopenhagen wurden demnach keine Passagiere aufgehalten.

Dänemark hatte als eines der ersten Länder Europas bereits am Mittwochabend die Schließung seiner Schulen und Kindertagesstätten angekündigt. Zuvor hatte sich die Zahl der bestätigten Infektionsfälle im Land drastisch erhöht.

Staus an der Grenze zu Polen

In der Nacht von Samstag auf Sonntag macht Polen die Grenzen für Ausländer dicht. Auf den Straßen vor den Grenzübergängen stauen sich schon jetzt Autos. Die geplante Schließung der Grenzen zu Polen für Ausländer wegen der Corona-Krise hat nach Angaben der Brandenburger Polizei bereits jetzt Auswirkungen auf deutscher Seite.

Sowohl auf den beiden Autobahnen 12 und 15 als auch auf den Umgehungsstraßen komme es zu Staus, sagte eine Polizeisprecherin am Samstagnachmittag. Noch sei die Lage allerdings nicht „so gravierend“. Die Staus zögen sich nicht kilometerweit. „Morgen wird es schlimmer“, sagte die Sprecherin.

„Planen Sie genug Zeit, Wasser und Geduld ein“, hatte die Polizei am Morgen getwittert. Zu Wartezeiten kommt es wegen Gesundheitskontrollen auf Sars-CoV-2 an der Grenze von Deutschland nach Polen. Umfassende Grenzkontrollen für Ausländer sollen dann in der Nacht von Samstag auf Sonntag um Mitternacht beginnen - vorerst für zehn Tage.

Österreich: Messehalle in Wien für Erkrankte

Die österreichische Regierung hat bereits drastische Maßnahmen im Kampf gegen das Virus umgesetzt. Seit Mittwoch ist die Einreise an der Grenze zu Italien nur stark eingeschränkt möglich, für Veranstaltungen in Gebäuden gilt ein Limit von 100 Teilnehmern. Ab kommender Woche wird zudem der Unterricht an sämtlichen Schulen eingestellt. Die Skisaison in mehreren Bundesländern, darunter auch in Tirol, wird nach diesem Wochenende vorzeitig beendet.

Die Stadt Wien richtet angesichts des erwarteten Anstiegs der Zahl der Corona-Infizierten eine Messehalle als riesigen Betreuungssaal her. Rund 880 Betten in abgetrennten Kojen würden voraussichtlich dort ab kommendem Dienstag zur Verfügung stehen, sagte ein Sprecher des medizinischen Krisenstabs der Stadt am Freitag.

Robert Koch-Institut: Bundesland Tirol in Österreich offiziell Risikogebiet

Das Angebot sei gedacht für Menschen mit milden Symptomen, die nicht ins Krankenhaus müssten, aber sich zu Hause auch schlecht selber versorgen könnten. „In dem Betreuungszentrum wird es Essen geben und eine medizinische Basisversorgung“, sagte Sprecher Andreas Huber weiter.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig betonte, dass es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme handle. „Wir zeigen, dass wir als Stadt gut vorbereitet sind.“ Eventuell würden die zur Verfügung gestellten Betten gar nicht gebraucht. In der Stadt waren bis Freitag rund 75 Menschen nachweislich mit dem neuartigen Virus Sars-CoV-2 infiziert.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat die internationalen Coronavirus-Risikogebiete ausgeweitet: Seit Freitagabend gelten auch das Bundesland Tirol in Österreich und die spanische Hauptstadt Madrid offiziell als Gebiete, in denen eine fortgesetzte Virus-Übertragung von Mensch zu Mensch vermutet werden kann. Derzeit gilt dies außerdem für Italien und Iran sowie die französische Region Grand Est (Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne) und Provinzen in China und Südkorea.

Tschechien führt Grenzkontrollen ein

Tschechien hat seit Samstag feste Kontrollen an der Grenze zu Deutschland und Österreich eingeführt. Deutsche, Österreicher, Schweizer und Bürger weiterer zwölf Risikostaaten dürfen nicht mehr einreisen.

Umgekehrt dürfen Tschechen nicht nach Deutschland und Österreich ausreisen. Ausnahmen gelten für Deutsche mit Wohnsitz in Tschechien sowie Berufspendler in einem Streifen von 100 Kilometern Tiefe beiderseits der Grenze. Ab Montag wird der Einreisestopp auf alle Ausländer ausgeweitet.

Türkei verhängt Einreisestopps

Die Türkei hat seit Samstagmorgen die Einreise für Bürger aus neun europäischen Ländern verboten - zunächst unbefristet. Dazu zählen neben Deutschland auch Österreich, Spanien, Frankreich, Dänemark und Schweden. Die Flüge in die neun Länder werden bis zum 17. April ausgesetzt.

RND/dpa


Der Artikel "Coronavirus: Europa macht dicht" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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