Coronavirus: Eltern sehen „Bankrotterklärung“ des Schulministeriums

dzSchulen

Seit der Schließung der Schulen wegen der Corona-Krise sind mittlerweile drei Monate vergangen. Eltern und Lehrer fordern vehement Lösungen. Sie sagen: „Uns steht es bis oben.“

Dortmund

, 16.06.2020, 16:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach Wochen des Homeschoolings wird der Unterricht nach und nach wieder aufgenommen. Grundschüler besuchen seit Montag, 15. Juni, regulär an allen Wochentagen die Schule.

Doch was ist mit den weiterführenden Schulen? Was bedeuten die großen Wissenslücken, die viele Kinder jetzt schon haben, für ihren Schulabschluss? Eltern und Schulleiter verlangen immer lauter konkrete Konzepte.

Jetzt lesen

Zum Thema Konzepte sagt der Verband Bildung und Erziehung NRW (VBE) mit Sitz in Dortmund: „Es gibt und gab Konzepte in den Schulen: Für die Notbetreuung, für das rollierende System, für die Einhaltung der Hygieneregeln und jetzt auch für den sogenannten Regelbetrieb. Allein die Landesregierung scheint konzeptlos.“

Gemeinsam habe der VBE mit Elternverbänden und Bildungsgewerkschaften vor drei Wochen gefordert, den Fokus auf das kommende Schuljahr zu legen. „Das Schuljahr möchten wir bestmöglich vorbereiten, aber es kam jetzt anders“, sagt Landesvorsitzender Stefan Behlau.

Schulleiter fühlen sich im Stich gelassen

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien spricht mittlerweile von einer „Bankrotterklärung“. „Uns steht es bis oben“, sagt Kahlen. Bisher habe es 40 Prozent Unterrichtsausfall gegeben. „Es wäre unverantwortlich, die Abiturienten des nächsten Jahres so zu prüfen, als wäre alles wie sonst gelaufen.“

Video
Videotalk: Landeselternschaft spricht von "Bankrotterklärung"

Was den Elternvertreter besonders nervt: die fehlende Absprache vonseiten der Landesregierung. So hatten die Eltern eine Umfrage unter Schulleitern initiiert. Das Ergebnis: „Über 80 Prozent der Schulleiter fühlen sich vom Schulministerium im Stich gelassen. Die bekommen ihre Informationen und Anweisungen oft viel zu spät.“

Das Schulministerium sieht das ganz anders: Die Coronavirus-Pandemie sei „geprägt durch stetig neue Entwicklungen und Veränderungen“, heißt es auf Anfrage. Man arbeite „mit Hochdruck an allen dringlichen Fragen“ und halte die Schulen „über neue Regelungen und Weiterentwicklungen permanent schnellstmöglich auf dem Laufenden“.

„Es sieht aus, als ob die Schulen nicht geplant hätten.“

Schnellstmöglich - diesen Punkt können die Lehrer ebenso wie die Eltern nicht bestätigen. Und wehren sich gegen den wachsenden Eindruck, langsam und schlecht vorbereitet zu sein. Stefan Behlau: „Schauen wir auf den 5. Juni. Am Abend vorher verbreitete sich bereits eine Meldung. Es wurden Eltern gleichzeitig mit den Schulen über die Öffnungspläne informiert, die dann direkt bei den Schulen anriefen. Es sieht dann so aus, als ob die Schulen nicht geplant hätten, dabei konnten sie auch nicht vorher planen.“

Das Ministerium hingegen betont: An erster Stelle stehe die Gesundheit. Man müsse „die verschiedenen Interessen und den Infektionsschutz“ in Einklang bringen. Ziel des Ministeriums für Schule und Bildung sei die Wiederaufnahme eines „normalen Regelbetriebs zum Schuljahr 2020/2021“.

Normaler Regelbetrieb? „Ein Luftschloss!“

Doch was heißt normal? Absehbar gibt es weniger Lehrer und weniger Platz, wenn man die Hygienekonzepte umsetzen will. „Frau Gebauer will zum Schuljahresbeginn für alle in den Regelunterricht…. manchmal weiß ich nicht mehr, was sie damit meint“, wettert Franz-Josef Kahlen. „Unterricht so wie im Januar mit voller Stundenzahl und voller Präsenz aller in den Schulen? Das ist ein Luftschloss!“

Wie geht es in der Schulen nach den Ferien weiter?

Wie geht es in der Schulen nach den Ferien weiter? © dpa

Personalmangel war laut VBE schon vor der Corona-Krise das Problemfeld Nummer eins an den Schulen. „Coronabedingt stehen nach Angaben des Schulministeriums derzeit nur 84 Prozent der Lehrkräfte für den Einsatz im Präsenzunterricht zur Verfügung. Dies zu wissen und gleichzeitig den Regelunterricht anzukündigen, das halte ich für schwierig“, sagt der Landesvorsitzende.

Ein realistisches Szenario wäre ein Mix aus Online- und Präsenzunterricht - gerade auch im Fall eines regionalen Covid-19-Ausbruchs. Hier fordern die Lehrer auch klare Vorgaben: „Alle Schulen sollten zumindest nachvollziehbar wissen, was sie in welcher Situation zu tun haben – organisatorisch, aber auch pädagogisch. Von der kompletten Schulschließung bis zum schrittweisen Wiedereinstieg und die Zeit dazwischen“, sagt Behlau.

„Die finden ihre eigene Arbeit super“

Ob Lehrer, Eltern und Schüler noch mit solchen Vorgaben rechnen können? Aus dem Ministerium heißt es: „Die Corona-Pandemie erschwert derzeit in allen Lebensbereichen eine langfristige Planung.“ Dass den Schulen derzeit viel abverlangt werde, stehe außer Frage.

Einen runden Tisch mit Lehrern und Eltern hat Schulministerin Yvonne Gebauer bisher abgelehnt. Betont wird aber, dass das Ministerium „alle wesentlichen Maßnahmen in vielen Gesprächen mit den Lehrerverbänden, Elternvertretungen und Gewerkschaften abgestimmt“ habe.

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien

Franz-Josef Kahlen von der Landeselternschaft der Gymnasien © Tabea Hahn Fotografie

Eine Aussage, die Franz-Josef Kahlen auf die Palme bringt. „Das Schulministerium versteht nicht den Anlass für die scharfe Kritik. Die finden ihre eigene Arbeit super“, sagt er. Er verlangt, dass nach 90 Tagen Pandemie endlich etwas getan werde. „Wir haben hier ein Schulministerium in Corona-Starre.“

Nicht ganz so krass formuliert es Stefan Behlau: „Es muss zwar kein Runder Tisch sein, aber eine Rückkopplung mit der Praxis, mit den Lehrerverbänden und Gewerkschaften ist mehr als nötig. Diese Lehre sollte die Ministerin aus der Krise ziehen, um Entscheidungen schnell, praxisnah, aber auch umsetzbar zu gestalten.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Coronavirus
Coronavirus in NRW: Gericht hebt Corona-Einschränkungen im Kreis Gütersloh auf - Liveblog