Corona: Wie groß ist die Ansteckungsgefahr im Supermarkt?

Coronavirus

Eine neue Studie weist auf ein hohes Risiko für Mitarbeiter und Kunden in Supermärkten hin. Experten halten Masken für wirksame Mittel. Teilweise gebe es in Supermärkten aber Verbesserungsbedarf.

Berlin

16.11.2020, 06:41 Uhr / Lesedauer: 5 min
Wie können Mitarbeiter und Kunden beim Einkaufen vor einer Infektion geschützt werden?

Wie können Mitarbeiter und Kunden beim Einkaufen vor einer Infektion geschützt werden? © picture alliance/dpa

Laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Nielsen machen Verbraucher seit Beginn der Corona-Pandemie einen Bogen um Supermärkte und Discounter. Besorgungen in den rund 35000 Lebensmittelläden in Deutschland erfolgen seither deutlich seltener – allerdings sind die Einkaufswagen mittlerweile voller als noch vor Corona. Schließlich kommt kaum jemand um den Kauf von Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs herum. Doch wie groß ist dabei die Ansteckungsgefahr für Kunden und Personal?

Einen ersten Einblick in die Thematik gibt eine Studie von Arbeits- und Umweltmediziner der Harvard University in Boston, die Ende Oktober veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler haben die 104 Mitarbeiter eines Supermarkts der US-Metropole untersucht. Das Ergebnis: 20 Prozent des Personals war mit Corona infiziert.

Die Tests von Verkäufern mit direktem Kundenkontakt fielen dabei fünfmal häufiger positiv aus als bei Mitarbeitern aus dem Lager oder der Verwaltung. Die Forscher um den Mediziner Justin Yang nehmen daher an, dass viele Infektionen bei Supermarktmitarbeitern auf Kunden zurückgehen könnten.

Und noch etwas ließ die Forscher aufhorchen: Drei Viertel aller in dem Supermarkt entdeckten Coronafälle verliefen asymptomatisch – das heißt, die Betroffenen zeigten keinerlei Beschwerden wie etwa Husten, verstopfte Nase oder Fieber. Daher befürchten die Wissenschaftler, dass vor allem Verkäufer im Kassenbereich, die selbst nichts von ihrer Infektion ahnen, aufgrund zahlreicher Kundenkontakte leicht als sogenannte „Superspreader“ wiederum andere Kunden – oder eben Kollegen – anstecken könnten.

Kassierer haben Angst, sich anzustecken

Auch berichteten mehrere befragte Mitarbeiter des US-Einkaufszentrums von Depressionen und Angstzuständen. Vor allem Kassiererinnen und Kassierer leiden unter der Sorge, sich selbst mit dem Virus kontaminieren zu können, da sie täglich mit Hunderten von Kunden kommunizieren, dabei häufig Bargeld oder Kreditkarten entgegennehmen oder zuvor von anderen Personen berührte Waren scannen. Solche seelischen Belastungen könnten sich schließlich negativ auf das Immunsystem auswirken und die Abwehrkräfte schwächen, sagen Wissenschaftler.

Die Studie aus Boston, die im „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, ist zwar nicht mehr als eine zeitlich und örtlich begrenzte Momentaufnahme. Dennoch geben die Ergebnisse der medizinischen Tests und die eingehenden Befragungen der infizierten Mitarbeiter Anlass zur Besorgnis. Immerhin lag das Level der Corona-Fälle in dem untersuchten Supermarkt deutlich über dem der Gesamtbevölkerung in der Region.

Chinesische Studie: 9,2 Prozent der Mitarbeiter eines Supermarkts infiziert

Die neuen Erkenntnisse aus den USA ergänzen Untersuchungen, die bereits Anfang des Jahres in China durchgeführt wurden: Dort testeten Wissenschaftler in einem Supermarkt der Provinz Shandong rund 120 Mitarbeiter und 8200 Kunden. Die Infektionsrate beim Verkaufspersonal betrug in diesem Markt 9,2 Prozent – darunter gab es auch hier mehrere Infizierte, die keine Symptome aufwiesen. Von den Käufern trugen 238 das Virus in sich. Die Forscher führten die festgestellten Infektionen auf einen Supermarktmitarbeiter zurück, der drei Tage vor Beginn der Testreihe erkrankt war.

Im Februar ging das Central Hospital im chinesischen Wenzhou der Frage nach, ob ein Einkaufszentrum der Stadt für eine Vielzahl von Covid-19-Patienten verantwortlich sein könnte. Zu diesem Zweck wurden die Kontakte eines 23-jährigen Infizierten zurückverfolgt, der zuvor in dem achtstöckigen Center gearbeitet hatte. Dabei konnten Dutzende Fälle identifiziert werden, die mit diesem „Patienten 0“ in direktem Zusammenhang standen.

Wo lauern die größten Ansteckungsrisiken beim Einkaufen?

Beim Husten werden auf einen Schlag Millionen von Viruspartikeln aus der Lunge eines Erkrankten an die Umgebungsluft abgegeben. Das bestätigen mehrere internationale Studien. Zuletzt berichtete eine Forschungsgruppe der Universität Amsterdam über die enorme Menge von virenbelasteten Aerosolen, die durch Husten oder lautes Sprechen entstehen. Auch das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen weiß nach umfangreichen Versuchen um die hohe Virenbelastung durch Aerosole in Innenräumen.

Wissenschaftler der Aalto Universität in Finnland warnten bereits im Frühjahr anhand eines 3D-Modells vor möglichen Infektionen in den oft engen Gängen zwischen den Supermarktregalen und mahnten Verbraucher, die Abstandsregeln einzuhalten. Anders als im Freien schweben Viren in geschlossenen Räumen längere Zeit in der Atemluft. Als Grenzwert für eine mögliche Infektion gelten dabei laut einer Studie der TU Berlin etwa 3000 eingeatmete Virenpartikel. Ohne Maske wäre ein Supermarktbesuch derzeit folglich mit einem hohen Infektionsrisiko verbunden.

Masken reduzieren Risiko

Eine dicht sitzende Alltagsmaske kann jedoch die Menge an Umgebungsviren „zwischen zehn und dreißig Prozent reduzieren, eine medizinische FFP2-Maske weit über 90 Prozent“, schätzt der Göttinger Aerosolforscher Eberhard Bodenschatz. Faceshields schützen dagegen „bei Weitem nicht so effektiv vor Infektionen wie eine Maske“, ergänzt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer.

Grundsätzlich sei aber durch die Maskenpflicht für die Kunden und die sogenannten Spuckscheiben an der Supermarktkasse ein guter Infektionsschutz auch für die Mitarbeiter gegeben, so Martin Stürmer: „Dadurch werden Übertragungen durch Speicheltröpfchen verhindert. Andererseits hält eine Plexiglasscheibe Atemwolken mit winzigen Aerosolen kaum davon ab, sich im Raum auszudehnen. Es hängt im Einzelfall von den Luftströmungen ab, ob und wie sich dadurch Viren verbreiten könnten“.

Physiker Eberhard Bodenschatz erklärt: „Die Scheibe hat mehrere Vorteile: Zum einem bleiben die schweren Tropfen daran hängen und zum anderen werden die Atemluft und damit die Aerosole umgelenkt. Zusammen mit der Wärme des Körpers steigt die Luft nach oben und wird von der Lüftung weggetragen“.

Wichtig sei jedoch dabei, dass die Plexiglasscheiben ausreichend groß bemessen sind und an keiner Stelle des Kassenbereichs ein direkter Face-to-face-Kontakt zwischen Kunde und Mitarbeiter entsteht: „Wenn Kunden und Kassierer sich beim Einpacken und Bezahlen der Ware hinter dem Scanbereich plötzlich wieder ohne Scheibe begegnen, ist das natürlich suboptimal“, betont Martin Stürmer. „Deutlich besser ist es, wenn die Scheiben einen Rundumschutz bieten und das Geld oder das Kartenlesegerät durch eine Öffnung unter der Scheibe hindurchgeschoben werden“.

Warum tragen Kassenmitarbeiter oft keine Maske?

Nach dem Infektionsschutzgesetz sind Mitarbeiter im Kassenbereich des Einzelhandels von der Maskenpflicht befreit, sofern sie bereits durch eine „Spuckscheibe“ geschützt sind. Die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) hat dafür eine Reihe von „Best Pratice“-Lösungen auf Ihrer Webseite bereitgestellt. Allerdings bleibt es in der Praxis den Unternehmen überlassen, wie die Scheiben im Einzelfall dimensioniert und montiert werden – und welche Schutzwirkung letztlich dadurch erreicht werden kann. „Ist kein Rundumschutz durch Plexiglas gegeben, sollten die Mitarbeiter sich an der Kasse ebenfalls durch eine Mund-und-Nasen-Bedeckung schützen“, rät Stürmer.

Jetzt lesen

Auch bei den oftmals bereitgestellten Desinfektionsmitteln sieht der Virologe hier und da Verbesserungsbedarf: „Automatische Desinfektionsspender sind natürlich geeigneter als zum Beispiel Sprühflaschen, die ja von jedermann in die Hand genommen werden und dadurch Viren transportieren könnten“. Überschätzt würden dagegen Schmierinfektionen durch im Supermarkt gekaufte Waren: „Es reicht aus, wenn man sich oft genug die Hände wäscht und frisches Gemüse oder Obst zu Hause gründlich mit warmem Wasser abspült. Insgesamt ist die Gefahr einer Virenübertragung durch Waren eher gering“, so Martin Stürmer.

Was sagen Aldi und Co. zu Corona-Maßnahmen in ihren Filialen?

Bei der Frage, wie viele Corona-Infektionen es seit Beginn der Pandemie bereits unter Mitarbeitern gegeben hat, halten sich die großen Supermarktketten bedeckt. Christian Salmen von Aldi Nord hebt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) lediglich hervor, dass die bisher in den 2200 Filialen des Discounters getroffenen Maßnahmen „sinnvoll dazu beitragen“, Mitarbeiter und Kunden „bestmöglich zu schützen“. Zudem sei die Zahl von Corona-Infektionen bei Aldi Nord „bislang äußerst gering“. Konkrete Zahlen nannten aber auch Aldi Süd, Lidl, Rewe und Edeka nicht. Die Unternehmen betonen allerdings unisono, dass für sie „der Schutz von Mitarbeitern und Kunden an erster Stelle steht“. Dafür würden nach Angaben von Unternehmenssprechern zahlreiche Maßnahmen getroffen:

  • Mitarbeiter erhalten aktuelle Infos zum Infektionsschutz.
  • Bei Bedarf stünden ausreichend Masken zur Verfügung.
  • Die Kundenanzahl wird derzeit strikt auf eine Person pro zehn Quadratmeter Ladenfläche begrenzt.
  • Für Einkaufswagen und Hände gibt es Desinfektionsmittel.
  • Kontaktloses Bezahlen ist zur Regel geworden.

In einer ersten deutschen Studie zum Corona-Risiko in Super- und Drogeriemärkten kommt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zu der Einschätzung, dass es „aufgrund der Kurzzeitkontakte nicht unweigerlich zu Hochrisikokontakten“ von mehr als 15 Minuten im Supermarkt komme. Allerdings weisen die Autoren zugleich darauf hin, dass beim Einkaufen durchaus „hohe Infektionsrisiken“ durch die „enge räumliche Nähe zu infizierten Personen“ entstehen könnten.

RND

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt