Corona legt Reisebranche lahm: „Seit Heinsberg gehen Buchungen um 80 Prozent zurück“

dzVirus-Infektion

Flaute in Reisebüros: Seit etwa einem Monat sind Neubuchungen so niedrig wie selten. Gerade vor den nahen Osterfeiertagen bekommt die Branche das Coronavirus besonders hart zu spüren.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 09.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Noch 2018 stellten die Deutschen einen neuen Rekord auf: Die Zahl der Urlaubsreisen war so hoch wie nie zuvor. In diesem Jahr wird dieser Rekord aller Voraussicht nach nicht erneut geknackt. Die Zahl der Neubuchungen bei Lüner Reisebüros ist drastisch eingebrochen.

„Anfang Februar lief es noch ganz gut“, erzählt Thorsten Neidt, Inhaber des Reisebüros megalastminute24 an der Cappenberger Straße. „Dann kam Karneval und die Sache mit Heinsberg und es gab einen absoluten Wegbruch.“ Seitdem hatte er in seinem Reisebüro etwa 80 Prozent weniger Buchungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, gibt er an. „Das ist schon existenziell“, sagt der 45-Jährige, der vor 16 Jahren sein Reisebüro gründete.

Kosten laufen weiter

Auch Joachim Horn, der ein Reisebüro an der Lange Straße betreibt, gibt sich besorgt: „Die Auswertungen laufen noch“, sagt er, „aber ich schätze, dass bei mir seit Mitte Februar deutlich über 50 Prozent weniger Neubuchungen eingegangen sind als im Vorjahr.“ Die Neuanfragen seien hoffentlich nur verschoben. „Für das Reisebüro laufen Kosten wie Miete und Personal müssen ja trotzdem weiterlaufen“, sagt er. Das sind zwar Schwierigkeiten, aber noch keine existenziellen Sorgen.“

Dorothee Mohr, Betreiberin des Reisebüros am Markt, möchte ihre Sorgen nicht mit Zahlen untermauern, sagt aber: „So was gab es in den 60 Jahren, seitdem unser Reisebüro existiert, noch nicht in dieser Form. „Die Leute buchen weniger, stornieren und fragen viel“, beschreibt sie das, womit sie und ihre Kollegen gerade konfrontiert sind.

Reiseveranstalter schüren Massenpanik

Dorothee Mohr erzählt von ausgefallenen Messen, für die Anreise und Aufenthalt bei ihr gebucht wurden, Joachim Horn von geändertem Reiseverhalten einiger Unternehmen. Die sprächen allgemeine Reiseverbote aus - auch für „coronafreie Zonen“ - was dann eben zu Stornierungen führe. Romina Schink, Mitarbeiterin bei RTS Reisen an der Bäckerstraße, spricht von drei bis vier Anfragen für Stornierungen. „Viele haben gar nicht so sehr Angst krank zu werden, sonder eher über Wochen in irgendeinem Hotelzimmer festzusitzen“, erzählt sie.

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Und Thorsten Neidt beschreibt: „Wir sind zur Zeit Seelsorger und Krisenmanager für Familien in einem.“ Dass wenig gebucht wird ist das eine, einzelne Stornierungen - die meisten Reisewilligen warten noch ab - das andere. Aber dass die Kunden sich mit Fragen über Fragen an die Reisevermittler wenden bedeute sehr viel mehr Arbeit - ohne dass finanziell für sie etwas dabei heraus kommt.

Besonders ärgert die Lüner Reisevermittler das Vorgehen der Reiseveranstalter wie Tui, Der, Alltours, Schauinsland, Neckermann, etc.

Kostenfreie Stornierung und Umbuchung

Seit Anfang März räumen viele die Möglichkeit kostenfreier Stornierungs- und Umbuchungsmöglichkeiten bei jetzt und in den kommenden Wochen neu gebuchten Reisen ein. „Das ist für die Endverbraucher schön“, sagt Thorsten Neidt von megalastminute24, „aber es schürt absolute Panik. Die Botschaft müsste eine andere sein, nämlich ‚wir reisen trotzdem‘. Ein solches Vorgehen sei absolut übertrieben und schüre eine Massenpanik. Die Folge sind Ausfälle und Mehrarbeit. „Auch wenn die Kunden uns irgendwann wieder kurzfristig die Bude eintreten werden, hilft das ja jetzt nichts. Um die Verluste auszugleichen, wünsche ich mir von der Politik einen ganz, ganz schnellen Rettungsschirm in Form von günstigen Krediten oder Fördermöglichkeiten.“

„Wir haben schon einge Krisen überstanden. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber dabei sachlich bleiben.“
Joachim Horn

Joachim Horn hingegen ist bezüglich staatlicher Fördergelder skeptisch: „Finanzielle Anreize zum Reisen halte ich augenblicklich für den falschen Weg, denn Geld nimmt keine Ängste. Solche Anreize zum Reisen können erst nach Abklingen der Corona-Welle zur Beschleunigung der Konjunktur sinnvoll werden“, sagt er. „Von der Politik wünsche ich mir, dass sie mit großem Augenmaß vorgeht. Ich wünsche mir unbürokratische Maßnahmen und eine Kommunikation auf Augenhöhe. Wir haben schon einige Krisen überstanden. Wir müssen vorsichtig vorgehen, aber dabei sachlich bleiben.“

AKTUELLE ZAHLEN

CORONA BETRIFFT LÄNGST NICHT MEHR NUR ASIEN

Seit Freitag, 6. März, gelten nicht mehr nur Teile Chinas, des Iran, und Südkoreas als Risikogebiet sondern auch das italienische Südtirol, die Region Emilia-Romagna, die Region Lombardei und die Stadt Vo in der Provinz Padua in der Region Venetien. Aktuell (Stand 9.3., 12 Uhr) gibt es in China etwa 80.100 Erkrankte und 3123 Todesfälle, in Korea 7382 Erkrankte und 51 Todesfälle. Italien liegt auf Platz drei mit 7375 Erkrankten und 366 Toten, vor Iran und Frankreich (5) mit 1116 und 19 Toten. In Deutschland gibt es 902 Erkrankte und keinen Todesfall, in Spanien 589 und zehn Todesfälle. Das Coronavirus hat demnach in den vergangenen 14 Tagen ganz klar Europa erreicht. (
Quelle Robert-Koch-Institut
)
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