Cannabisextrakt CBD - eine Alternative zu herkömmlichen Schmerzmitteln?

Arzneimittel

Das Cannabisextrakt CBD hat in Deutschland aktuell keine Zulassung. Experten erachten das aber als sinnvoll, damit Verbraucher sicherer sein können. Ein Erfahrungsbericht eines Schmerz-Patienten.

Leipzig

01.08.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Den Cannabinoiden CBD und THC wird eine schmerzlindernde Wirkung zugesprochen.

Den Cannabinoiden CBD und THC wird eine schmerzlindernde Wirkung zugesprochen. © picture alliance/dpa

Vor etwa zwei Jahren bricht für Benedikt und seine Freundin eine Welt zusammen: Ihr Sohn kommt mit einem schweren Herzfehler auf die Welt. „Er hat uns leider nach sechs Wochen verlassen“, sagt der Leipziger, der als Art Director in einer Werbeagentur arbeitet. Der Kinderwunsch bleibt, seine Freundin wird erneut schwanger. Doch dann hat er einen Unfall: „Beim Fußball bin ich mit einem Mitspieler zusammengestoßen. Wir versuchten beide, den Ball zu köpfen. Sein Zahn bohrte sich in meinen Kopf“, erinnert sich der 32-Jährige. Er kommt ins Krankenhaus. Das war im Juni 2019. In dieser Zeit kommt für ihn alles zusammen. Nach dem Zusammenprall leidet er unter starken Kopfschmerzen, hinzu kommen Ängste um das ungeborene Baby.

Monatelang plagen ihn Kopfschmerzen, Schmerzen in der Brust kommen dazu. Zuerst verschreibt ihm seine Ärztin Ibuprofen. Die Tabletten nimmt er regelmäßig ein. „Das geht natürlich nicht auf Dauer, das macht die Nieren kaputt und irgendwann hatte es auch Auswirkungen auf meine Stimmung“, sagt Benedikt. Er versucht es mit Physiotherapie und Orthopädie, doch es tritt keine Besserung ein. „Meine Ärztin äußerte den Verdacht, dass meine Schmerzen psychosomatischer Natur sein könnten.“ Das bedeutet, dass die Ursache psychisch bedingt ist und als körperliches Symptom zum Ausdruck kommt. Als er von den gängigen Schmerzmitteln genug hat, probiert er pflanzliche Alternativen. Nichts lässt ihn seine Schmerzen vergessen oder ertragen. Bis er sich über CBD informiert und es probiert.

Macht nicht high wie THC: CBD gehört zu Hanfpflanzen

Cannabidiol, kurz CBD, ist ein Bestandteil der Hanfpflanze. Es zählt zu den Cannabinoiden, wie auch THC. Während THC im Cannabis unter anderem für bewusstseinsverändernde Wirkungen sorgt, ist CBD für seine eher beruhigende und entkrampfende Wirkung bekannt. Denn im Gegensatz zu THC ist CBD kaum psychoaktiv und macht auch nicht „high“.

Bevor er schlafen geht, träufelt sich Benedikt täglich fünf Tropfen des CBD-Öls unter die Zunge. Nach kurzer Zeit verschwinden Nervosität, Schmerzen und Unruhe. Mit der Wirkung von THC hat er auch schon Erfahrungen gemacht. „Als Jugendlicher habe ich ab und an gekifft und dabei auch negative Erlebnisse gehabt, wie Fressflashs oder Übelkeit.“ Mit CBD spüre er keine negativen Symptome: „Es ist, als wären die Gedanken danach sortierter. Ich bin entspannter.“ Seine Ärztin riet ihm von CBD ab. „Schlimmer werden konnte es nicht“, sagt er. „Weil ich nur Gutes gelesen habe, wollte ich es einfach ausprobieren.“

CBD-Boom kommt aus den USA

Angela Clausen arbeitet als Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale. „Bei CBD handelt es sich nicht um ein Nahrungsergänzungsmittel“, sagt die Expertin. Vor knapp drei Jahren schwappte der CBD-Boom aus den USA nach Deutschland. Bekannt ist die Zutat durch ihre schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung. In den USA ist CBD für einige Erkrankungen, wie etwa bestimmte Formen der Epilepsie, ein zugelassenes Medikament. In Deutschland noch nicht.

Hier wird es von Unternehmen bisher als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, auch wenn es in den Augen der Ernährungsexpertin keines ist. Denn für den Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln ist keine Zulassung notwendig - für die Sicherheit der Produkte sind lediglich die Hersteller zuständig. „Ein Nahrungsergänzungsmittel ist mit einem Lebensmittel zu vergleichen. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Krankheit durch den Verzehr von Brötchen zu heilen“, erklärt Clausen den Sachverhalt.

CBD ist als sogenanntes „novel food“, also neuartiges Lebensmittel, kategorisiert. Als „novel food“ gelten alle Lebensmittel, die vor 1997 „nicht in nennenswertem Umfang in der Europäischen Union für den menschlichen Verzehr verwendet wurden“, sagt Clausen. Im Gegensatz zu Hanföl oder Hanftee ist CBD ein Extrakt der Pflanze, das noch nicht lange genutzt wird und daher nicht genügend erforscht ist.

Schmerzen lindern durch CBD? Experten sind kritisch

CBD hat in Deutschland aktuell keine Zulassung. Diese sei jedoch für Verbraucher wichtig, um einschätzen zu können, ob das Nahrungsergänzungsmittel sicher ist. „Eine Zulassung wurde jedoch beantragt“, sagt Clausen von der Verbraucherzentrale. Aktuell werden die Anträge von zwei Unternehmen aus der Schweiz und Irland bearbeitet, jedoch lediglich für synthetisch hergestelltes CBD. Dieses sei leichter auf seine Reinheit und Sicherheit zu prüfen, erklärt Clausen.

Ob die Anträge genehmigt oder abgelehnt werden, entscheidet sich noch. Gehen die Anträge durch, darf das CBD dieser Hersteller als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden. Dass Influencer CBD auf sozialen Netzwerken vermehrt bewerben und Aussagen zu Auswirkungen auf das Schmerzempfinden oder die psychische Gesundheit treffen, sieht Clausen kritisch.

Dr. med. Christian Kessler, Oberarzt in der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, ist ebenfalls der Meinung, dass der Verkauf des Hanf-Extrakts besser reguliert werden sollte. So sehen es auch viele Behörden. In Köln etwa dürfen seit kurzer Zeit keine Lebensmittel mehr verkauft werden, denen Cannabidiol (CBD) zugesetzt ist.

„Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die gezielte Einnahme von Substanzen, die einen gesundheitsbezogenen Prozess aktiv unterstützen sollen, mit einer medizinischen Beratung einhergehen sollte. Der Tipp einer Nachbarin reicht keinesfalls aus“, sagt Kessler. Der Arzt rät dazu, CBD in Apotheken zu kaufen. „In Apotheken gibt es CBD-Rezepturen in Arzneimittelqualität. Dabei handelt es sich zumeist um reines Cannabidiol in öliger Lösung.“

Cannabis-Arznei nicht ohne ärztliche Beratung einnehmen

Bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln sei die Reinheit und Unbedenklichkeit nicht immer nachvollziehbar. „Nahrungsergänzungsmittel werden nicht so intensiv geprüft wie Arzneimittel“, erklärt Kessler. Von experimentellen Selbsttherapien rät er ab. Cannabis-Arzneimittel, auch CBD, verschreibe er grundsätzlich erst, wenn Menschen mit einer konventionellen Therapie am Ende seien. „Wenn wir medizinisch nachvollziehbar nicht weiterkommen, können Cannabinoide im Einzelfall eine Option sein.“ Cannabinoide haben im Körper zahlreiche Wirkungen und potentielle Wechselwirkungen, auch bei Patienten, die andere Arzneimittel nehmen.

Eine gezielte Therapie sei aufgrund der vielen Eigenschaften von Cannabinoiden nur bedingt möglich. „Das ist gleichermaßen Segen und Fluch. Während zum Beispiel CBD dem einen Menschen helfen kann, kann es bei einem anderen Menschen mit ähnlicher Fragestellung weniger wirksam sein. Die optimale Einstellung auf ein passendes Cannabis-Arzneimittel ist oft ein komplexer, individueller Prozess, der in jedem Fall ärztlich begleitet werden sollte.“

Cannabis-Arznei ist kein Allheilmittel - auch nicht gegen Corona

Den Hype um CBD als Allheilmittel halte er in dieser Form für nicht zielführend. Seit kurzer Zeit kursieren Nachrichten im Netz, dass CBD bei der Behandlung des Corona-Virus helfen könnte. „Das ist eine echte Räuberpistole. Es gibt keine Daten dafür, dass Cannabinoide eine coronaspezifische Wirkung haben“, sagt Kessler.

Durch die entzündungshemmenden Eigenschaften könnte es möglicherweise günstige Wirkungen auf überschießende Entzündungsreaktionen haben. „Aber ich würde mich auf der Basis der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage keinesfalls dazu hinreißen lassen, zu behaupten, dass Cannabinoide bei Covid-19 helfen können.“ Hierzu brauche es zunächst überzeugende Ergebnisse aus der klinischen Forschung.

RND