Brandanschläge auf Obdachlose: „Er hat mich unter Medikamente gesetzt und manipuliert“

dzProzess

Fast drei Jahre nach mehreren Brandanschlägen auf Obdachlose in Herten beschäftigt die Serie jetzt noch einmal das Bochumer Landgericht. Angeklagt ist ein Ex-Feuerwehrmann aus Hamm.

Bochum

, 13.08.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Körperverletzung ja, Brandstiftung nein: Mit einem Teilgeständnis hat am Bochumer Landgericht ein zweiter Strafprozess um eine Aufsehen erregende Brandserie rund um den alten Bahnhof in Herten-Westerholt begonnen. Der Angeklagte, ein Ex-Mitglied (32) der freiwilligen Feuerwehr in Hamm, räumte am Donnerstag ein, am 17. Oktober 2017 einen im Bahnhofsgebäude schlafenden Obdachlosen mit dem kompletten Inhalt eines Pulver-Feuerlöschers eingenebelt zu haben. „Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum. Aber ich bereue das sehr“, sagte der Angeklagte.

Mit den darüber hinaus angeklagten Brandlegungen in Bahnhofsnähe dagegen will der 32-Jährige allerdings im Kern nichts zu tun gehabt haben. Er sei zwar vor Ort gewesen. Die Feuer seien aber allesamt Werke des bereits verurteilten Ex-Jugendfeuerwehrmannes (22) gewesen, zu dem er gewissermaßen in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden habe.

Zwei Verurteilungen bereits im Dezember 2018

„Er hat mich unter Medikamente gesetzt und manipuliert“, behauptete der Angeklagte zum Prozessauftakt vor der 4. Strafkammer am Bochumer Landgericht. Seine eigene Tätigkeit bei der freiwilligen Feuerwehr in Hamm, so Verteidiger Raymund Schneeweis, habe der Angeklagte kurz nach seiner vorläufigen Festnahme im November 2017 erst einmal ruhen lassen: „Damit die Feuerwehr nicht in Misskredit kommt.“

Rückblick: Am 19. Dezember 2018 hatte eine andere Strafkammer des Bochumer Landgerichts einen Ex-Jugendfeuerwehrmann als Bahnhofs-Brandstifter zu drei Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Gegen ein Ex-Mitglied (27) der freiwilligen Feuerwehr Herten-Westerholt als dessen geistiger Helfer waren damals zeitgleich zwei Jahre Haft auf Bewährung verhängt worden.

Angeklagter hat gemeinsam mit dem Jugendfeuerwehrmann gezündelt

Der Jugendfeuerwehrmann hatte zugegeben, immer wieder Brände am Bahnhofsgebäude gelegt zu haben, um seinem mitverurteilten Feuerwehr-Freund spektakuläre Löscheinsätze in Westerholt und damit Ansehen und Ruhm im Löschzug zu verschaffen. Im Prozess hatte der damals 20-Jährige den jetzt angeklagten Feuerwehrmann aus Hamm als weiteren Mittäter benannt. Im Urteil war seinerzeit die Rede, dass dieses Duo regelmäßig nachts „Zivilpatrouille“ in Herten und Umgebung gefahren sei.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte am 9., 17. und 18. Oktober am Bahnhofsgebäude und am 14. November 2017 in einem benachbarten Stellwerk gemeinsam mit dem Jugendfeuerwehrmann gezündelt hat. Mal sollen Möbel, mal Verpackungsmüll, mal zuvor extra auf Fensterbänken platzierte Grillanzünder in Brand gesetzt worden sein.

Die Anklage lautet auf schwere Brandstiftung, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Für den Prozess sind noch Termine bis zum 10. September anberaumt.

  • Beim ersten Urteil im Dezember 2018 hatten Richterin Isabel Hoffmann die mit Obdachlosen auf die Schwächsten der Gesellschaft zielenden Brandanschläge am alten Bahnhof als „moralisch auf tiefster Stufe stehend“ bezeichnet.
  • Vor allem die von den seinerzeit verurteilten zwei Feuerwehr-Freunden in WhatsApp-Chats zur Schau gestellte Schadenfreude und Menschenverachtung gegenüber den Obdachlosen hatte die Bochumer Richter entsetzt.
  • Beim einem der Feuer im Oktober 2017 musste einer der Obdachlosen damals sogar vor den Flammen mit einer Drehleiter aus dem Dachgeschoss gerettet werden. Weil der Bahnverkehr nach dem Brandim Stellwerk eingestellt werden musste, entstand der Deutschen Bahn AG laut Anklage ein Schaden von 4500 Euro.