Bleibt der Aufschrei nach der entsetzlichen Tat von Hanau wieder ungehört?

dzMeinung am Mittwoch

Rechter Terror ist nicht Geschichte, sondern immer noch präsent. Rassistisches Gedankengut kommt oft versteckt, aber inzwischen auch immer offener daher, sagt Gastautorin Kira Engel.

von Kira Engel

Lünen

, 26.02.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit Mitte dreißig ist für mich schon der Fall der Berliner Mauer Geschichte. Und noch länger zurück liegt die Zeit des Nationalsozialismus, über die ich das meiste aus Geschichtsunterricht und Museumsbesuchen weiß.

Schwarz-weiß Bilder zeigen Zerstörung und ausgehungerte Menschen, alte, knisternde Tonaufnahmen machen rechte Parolen und faschistisches Gedankengut hörbar. Zu meinem Wissen um die Zeit des Nationalsozialismus kommen aber immer mehr gelebte Geschichten dazu. Durch meinen Beruf erzählen mir viele Lüner Bürgerinnen und Bürger, wie sie die Zeit des Krieges hier vor Ort erlebt haben. Ich höre von Nächten in Luftschutzbunkern, von ausgestandener Todesangst, von Leichen auf den Straßen.

Grausamer Anschlag von Hanau

Und jedes Mal wieder stelle ich fest - es macht einen Unterschied, ob man gut formulierte Info-Tafeln liest oder ob jemand mit brüchiger Stimme erzählt. Jedes Mal wieder bin ich bewegt und ergriffen von dem Schicksal vieler.

Gastautorin Kira Engel.

Gastautorin Kira Engel. © Quiring-Lategahn

Gastautorin Kira Engel ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen.

Eine Woche ist seit dem grausamen Anschlag in Hanau heute vergangen. In zwei Shisha-Bars erschießt der Täter neun Menschen, anschließend seine Mutter und sich selbst. Das Entsetzen war groß, die Beileidsbekundungen zahlreich, es gab Mahnwachen im ganzen Land und am Rosenmontag wurden die Ereignisse mit eigenen Motiv-Wagen aufgegriffen: der Kölner Dom weint.

Nach einer Woche dominieren wieder andere Themen

Aber schon dominieren wieder andere Themen die Tagespresse, Hamburg-Wahl, Corona-Virus. Bleibt der Aufschrei nach der entsetzlichen Tat in Hanau wieder ungehört? Rechter Terror ist in Deutschland nicht nur Geschichte – sondern immer noch präsent. Seit der Wiedervereinigung soll es mindestens 198 Todesopfer rechter Gewalt gegeben haben, schätzt die Amadeu-Antonio-Stiftung. Einer von ihnen, Mehmet Kubaşık, wurde vor unserer Haustür in Dortmund erschossen. Davor hat der Staat lange die Augen verschlossen und es rechtsradikalen Netzwerken leicht gemacht, ihre rassistischen Gesinnungen zu verbreiten.

Jeder kann mitwirken

Aber es wäre falsch, dem Staat alle Schuld zuzuschieben. Jeder kann daran mitwirken, dass wir in einem offenen, toleranten Land leben, in dem keiner Angst um sein Leben oder seine Würde haben muss. Indem wir uns zum Beispiel in ganz alltäglichen Situationen ein nett gemeintes „Wo kommst Du her?“ verkneifen – es verletzt und grenzt aus. Rassistisches Gedankengut kommt oft versteckt, aber dieser Tage wieder vermehrt offen daher. Erinnern wir uns darum gemeinsam mit unseren Alten daran, was für unfassbaren Schrecken diese Ideologien hervorgebracht haben. Damit wir uns rassistischer Gewalt entschlossen entgegenstellen, so dass hoffentlich doch eines Tages rechter Terror irgendwann einmal Geschichte sein wird.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch im Wechsel unsere Gastautoren. Es sind:
  • Kira Engel, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Horstmar-Preußen
  • Maren Feldmann, Geschäftsführerin Küchen Schmidt
  • Marie Hirschberg, Studentin, ausgezeichnet mit dem Förderpreis Kultur der Stadt Lünen
  • Heinz Werner Kleine, Chemielaborant und Kunstsammler
  • Björn Schreiter, Architekt
  • Kevin Tigges, Studienreferendar und Akteur bei der „Abgedreht! Filmcrew“
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