Lockerungen in der Corona-Krise polarisieren

Etwas mehr Normalität in der Corona-Krise: In Schulen und Krankenhäusern halten die Behörden das für möglich. Doch Gesundheitsminister Laumann warnt auch vor Rückschlägen.

28.04.2020, 15:51 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehr Schüler in den Klassenräumen, mehr planbare Operationen in den Krankenhäusern: Nordrhein-Westfalen plant die nächsten Lockerungen in der Coronavirus-Pandemie. Ab dem 7. Mai könnten Viertklässler und Schüler, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen wollen, als nächste Jahrgänge nach wochenlanger Pause zum Präsenzunterricht kommen. Angesichts der verlangsamten Ausbreitung des Virus soll es auch in den Krankenhäusern im Land wieder mehr reguläre Operationen geben, weil nicht mehr so viele Betten für Covid-19-Patienten reserviert werden müssen.

Ab kommendem Montag soll nach Angaben von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) die Wiederaufnahme des Schulbetriebs für weitere Jahrgänge vorbereitet werden. Damit sei Schulen und Schulleitungen ausreichend Vorlauf gegeben, um frühestens ab 7. Mai die Viertklässler und Abschlussjahrgänge für 2021 in die Klassen kommen zu lassen. Auch Kommunen als Schulträger hätten damit weitere Tage Zeit, um die Schulen unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes vorzubereiten.

Alle Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) wie Hygieneschutzmaßnahmen, räumliche Trennung, Schülerbeförderung oder Abstandsregelungen werden in NRW laut Ministerin bereits eingehalten. Die Kultusminister der Länder wollen alle Schüler möglichst noch vor den Sommerferien zumindest tage- oder wochenweise wieder in die Schulen zurückkehren lassen. Auf feste Zeitpläne, welche Jahrgänge wann wieder in die Schulen kommen sollen, verzichten die Minister in ihrer Vorlage.

NRW-Städtetag, Städte- und Gemeindebund sowie der Landkreis NRW forderten vom Land ausreichend Zeit für die weiteren Vorbereitungen. Wegen der Abstandsregelung von mindestens 1,50 Metern passe nur ein Bruchteil der Kinder in die Klassenräume. „Bis heute wissen wir nicht, wie eine zeitliche Staffelung des Unterrichts aussehen soll“, kritisierten die Kommunalverbände. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW sprach von einer Mammutaufgabe.

Auch die Krankenhäuser sollen in Stück weit zum Normalbetrieb zurückkehren. Nur noch jedes vierte Bett soll für Corona-Patienten reserviert bleiben. Die restlichen Kapazitäten können nach Ansicht von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann wieder für planbare Eingriffe genutzt werden. Allerdings warnte der CDU-Politiker trotz der zuletzt auch in NRW gesunkenen Ansteckungsrate zur Vorsicht.

Beim Infektionsgeschehen in Deutschland und NRW handele es sich um einen „dynamischen Prozess“, sagte Laumann auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Das heißt: Wir müssen uns die Entwicklung der Neuinfizierungen und der Reproduktionszahl fortlaufend ganz genau anschauen und entsprechend bewerten.“ Die Krankenhäuser müssten auch weiterhin gewappnet sein, um innerhalb kürzester Zeit wieder auf den „Krisenmodus“ umzustellen, falls die Zahl der Covid-19-Patienten wieder nach oben gehen sollte, sagte Laumann.

Die Zahl der nachweislich mit dem Coronavirus infizierten Menschen stieg im bevölkerungsreichsten Bundesland am Dienstag um 300 auf 32 160 Fälle seit Beginn der Pandemie. 40 neue Todesfälle erhöhten die Zahl der Verstorbenen auf 1171. Gemessen an der Gesamtzahl der Infizierten gibt es in NRW pro 100 000 Einwohner 179 Fälle. Entsprechende Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) legte das Gesundheitsministerium in Düsseldorf vor. Im bundesweiten Durchschnitt sind es 188 Fälle.

Unter den Toten ist ein 54 Jahre alter Polizeibeamter aus Paderborn. Nach Angaben des Innenministeriums ist es der erste Todesfall bei der Polizei in NRW im Zusammenhang mit Covid-19. Nach dpa-Informationen hatte sich der Beamte nicht im Dienst angesteckt.

Der befürchtete neue Hotspot in Grevenbroich bestätigte sich nicht. Beim Massentest im vorübergehend abgeriegelten Hochhauskomplex wurden lediglich fünf infizierte Bewohner von insgesamt 377 festgestellt. „Alle anderen Testergebnisse sind negativ“, teilte der Rhein-Kreis Neuss mit. Zwei Familien mit acht infizierten Mitgliedern hatten sich zuvor nicht an die Quarantänebestimmungen gehalten und weiter Kontakt mit den Nachbarn.

Derweil bestimmt das Virus weiter maßgeblich das Leben der Menschen. Der Bayer-Konzern führte seine Hauptversammlung am Dienstag komplett online durch. Nach Konzern-Angaben nutzten zeitweise fast 5000 Teilnehmer die Möglichkeit, die Hauptversammlung im Livestream zu verfolgen. Der Pharma- und Chemie-Konzern blickt genauso unsicher in die Zukunft wie die Bevölkerung allgemein. Bislang konnte die Pandemie Bayer kaum etwas anhaben, doch beim Blick in die Zukunft herrschte Schulterzucken.

Der Autobauer Ford will auch am Standort Köln vom 4. Mai an wieder schrittweise mit der Produktion beginnen - mit Maskenpflicht und Mindestabstand im Werk. Außerdem soll bei allen Personen, die die Werksgelände betreten, die Temperatur gemessen werden.

Nach wie vor nicht abfinden kann sich Galeria Karstadt Kaufhof mit der Corona-Schutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Essener Kette will juristisch gegen die Regelung vorgehen, dass in NRW nur die Öffnung von Geschäften erlaubt ist, die auf höchstens 800-Quadratmetern Waren verkaufen. Ein entsprechendes Eilverfahren dagegen wird nun vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster angestrebt. Zuvor hatten bereits andere Unternehmen ein solches verfolgt.

Die Modehandelskette Sinn ist angesichts der Umsatzeinbrüche bereits zahlungsunfähig und sucht nach Angaben von Firmenchef Friedrich Wilhelm Göbel nun Rettung in einem Schutzschirmverfahren. Sinn hatte unter dem früheren Namen SinnLeffers schon 2016/17 ein  Insolvenzverfahren durchlaufen. Ziel des Schutzschirmverfahrens sei es, grundsätzlich alle Modehäuser weiter zu betreiben und keine Arbeitsplätze abzubauen.

Einen Rekord in der Krise melden dagegen die Klopapier-Hersteller. Wegen des sprunghaften Nachfrageanstiegs zu Beginn der Corona-Krise produzierten die fünf größten Hersteller im März gut ein Viertel mehr als in derselben Zeit des Vorjahres: 59 303 Tonnen. In den vergangenen zehn Jahren wurde niemals mehr pro Monat produziert.

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