„Begegnungen mit Elend und Tod kann man nicht trainieren“ — Ein Interview mit Ralf Finke

dzMenschen aus Schwerte

Ralf Finke wuchs in Schwerte auf,. Er berichtete als Journalist aus Krisengebieten und arbeitet heute in Weimar. Im Interview erzählt er, wie er vom Krieg zur Kultur kam.

von Julia Dolinsky

30.05.2020, 12:08 Uhr / Lesedauer: 4 min

Irgendwie ist Ralf Finke Schwerte verbunden geblieben, obwohl er schon lange nicht mehr hier lebt. 2009 war er einer der Autoren des Buchs über bekannte Schwerter Sportler. Und wenn er hier ist, besucht er gerne den Wochenmarkt. In unserer Serie über bekannte Schwerter stellen wir heute den Journalisten Ralf Finke vor.

Wieso sind Sie damals aus Schwerte weggegangen?

Wegen meines Volontariates beim WDR in Köln.

Fühlen Sie sich noch als „Schwerter“?

Ja, nach vielen Jahren der Abstinenz. 2009 wurde das von mir mitverfasste Buch „In Sport hatte ich `ne 5 - Schwerter Sportler erzählen“ herausgegeben. Durch dieses Buch gab und gibt es wieder engere Verbindungen nach Schwerte.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Schwerte?

Ich hatte eine sehr schöne Teenagerzeit, mit einer wunderbaren Clique. Das alte Freibad am Schützenhof oder das bunte Leben in der aufkommenden Friedensbewegung gehörten für mich zum Alltag. Ebenso die Teilnahme an städtischen oder kirchlichen Veranstaltungen und später schließlich auch meine Jobs. Zum Wochenmarkt gehen wir übrigens auch heute noch bei jedem Besuch.

Wieso vom Bankkaufmann zum Journalist?

Die Entscheidung „Bankkaufmann“ fiel mit 16 Jahren - und war wohl eher meinen Eltern geschuldet. Nach der Lehre wartete ich auf meinen Zivildienst. Da ich in der ersten Gewissensprüfung durchfiel, musste ich bis zur Anerkennung zwei Jahre warten. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich nicht bis zum Ende meiner Tage bei der Volksbank bleiben möchte. Meine ersten Schreibversuche bei den Ruhr Nachrichten trugen dazu bei, dass mich das Schreiben mehr als das Rechnen interessierte. Außerdem meinte ich, meine politischen Interessen eher im Journalismus als im Bankbetrieb mit dem Beruf verbinden zu können.

Journalistik, Geschichte und Sport. Gab es eine Alternative?

Ich war zwei Mal an der Ruhr Uni Bochum, einmal zur Immatrikulation für die „schönen Künste“ (Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie) und anschließend zur Exmatrikulation, nachdem ich den Studienplatz in Dortmund erhalten hatte. Die Ruhr Nachrichten hatte mich ungefähr zur gleichen Zeit als Volontär abgelehnt. Als aber 1985 der WDR in Dortmund den Lokalfunk aufmachte und ich dort nach einer Hospitanz als freier Mitarbeiter arbeiten durfte, stand für mich fest, dass es Journalismus sein soll. Die elektronischen Medien waren mein Ding und ich wollte auf jeden Fall in diesen Beruf; mit all seiner Vielfalt und Lebendigkeit.

Was hat Sie dazu bewegt, in die Kriegsberichterstattung zu gehen?

Ich wurde gefragt, ob ich zur Berichterstattung nach Ex-Jugoslawien fahren würde und sagte zu. Die „Geschichte hinter der Geschichte“ war für mich interessanter als das reine Tagesgeschehen. Während meiner Recherchen traf ich Menschen, die mich angesichts der herrschenden Not tief beeindruckten. Sie prägten in mir die Gewissheit, dass die aktuellen Kämpfe zumeist nicht ihre Kämpfe waren, sondern die der herrschenden Akteure. Dies herauszuarbeiten und somit eine andere Realität des Kriegs- oder Krisengeschehens zu zeigen, war für mich neben der Schilderung des Alltags, mit all seinen Höhen und Tiefen, eine der größten Herausforderungen.

Gab es etwas, worauf Sie nicht gefasst waren?

Die Begegnungen mit Elend und Tod kann man nicht trainieren. Man braucht ein gehöriges Maß an Empathie und auch eine gewisse Ruhe. Bei einem meiner ersten Einsätze im Kosovo lernte ich Friedhelm Brebeck kennen. Der erfahrene Kollege nahm mich zur Seite, als er meine Unsicherheit angesichts der Heldenerzählungen, der „Scoops“, der anderen Journalisten bemerkte. Er riet mir, stets Distanz - auch zu den Kollegen - zu wahren und sich in der Sorgfalt nicht beirren zu lassen. Dieser Rat war enorm wichtig und half mir oft, unnötigen Gefahren oder auch Dummheiten, die lebensgefährlich werden konnten, aus dem Weg zu gehen. Gefasst war ich auch nicht auf die Brutalität, Menschen gegenüber anderen Mensche. Ich rede hier nicht von Kämpfen an der Front, ich meine die Gewalt unter Zivilisten, die der scheinbaren Sieger gegenüber den Besiegten. Wenn Greise aus Häusern gezerrt und Kinder misshandelt werden - das kann man sich nicht anlesen.

Welches der Kriegsgebiete ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Sicher Afghanistan. Nicht nur wegen des Buches, in dem ich später über meine Erfahrungen dort berichtete, sondern auch wegen der besonderen Umstände. Geplant und damals für durchhaltbar galten zwei Wochen, ich blieb aufgrund der Widrigkeiten sechs Wochen. Für einen Kriegsreporter eine lange Zeit. Zeit genug, um Menschen abseits des Jobs genauer kennenzulernen, Grenzerfahrungen zu sammeln. In einer fremden Kultur zu leben und diese gezwungenermaßen zum Alltag werden zu lassen, habe ich in dieser Intensität später kaum mehr erlebt.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man live aus einem Krisengebiet berichtet?

Da erinnert ein wenig an die Frage des Sportreporters an den Torschützen, was er bei dem Kopfball zum Siegreffer gedacht hat: Nix. In der Regel hatte ich um 6 Uhr die ersten Live-Schalten, ab 10 Uhr recherchierte und drehte ich meine Geschichten für die Nachrichtensendungen und ab 17 Uhr bis Mitternacht stand ich wieder auf der Live-Position. Da blieb nicht viel Zeit für andere Gedanken. Privat rührte es mich sehr, wenn mein Bruder mich über Satellitentelefon anrief oder ich per Weltempfänger am späten Samstagabend Manni Breuckmann live aus dem Parkstadion reportieren hörte.

Gab es eine Begegnung, die Sie bis heute nicht vergessen haben?

Eine Begegnung im Süd-Sudan hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben. 1998 herrschte dort aufgrund der Konflikte mit dem Norden eine große Hungersnot. Wir waren in einem sogenannten „feeding center“ und berichteten über das Elend der Menschen, die dort eintrafen und Nahrung und Schutz suchten. Zusammen mit einem Dolmetscher führte ich einige Interviews. Irgendwann saß eine Frau vor mir, vielleicht Anfang zwanzig, die von ihrer Flucht aus der am schlimmsten betroffenen Region erzählte. Ihr Mann war bei dem Vieh geblieben, sie hatte auf dem tagelangen Weg drei ihrer vier Kinder verloren. Ernährt hatten sie sich zuletzt von Pflanzen, Wasser gab es kaum. Die Augen dieser Frau wirkten wie tot. Diesen Augenblick vergesse ich nie.

Warum halten Sie die Volkshochschulen für besonders wichtig?

Die Volkshochschulen sind Orte des lebenslangen Lernens. Trotz ihrer wechselvollen Geschichte sind sie heute etabliert und anerkannt. Meist sind es Erwachsene, die nach Schule, Ausbildung oder Studium weiter lernen wollen. Oft sind es die klassischen Sprach- und Kreativkurse, immer häufiger aber auch Kurse zur Digitalisierung. Vorträge zu aktuellen Themen oder Angebote für Kinder, die in den Ferien nicht verreisen können, gehören ebenso zum Angebot wie Sprachkurse für Migranten. Hier nehmen die Volkshochschulen eine starke Funktion in der Begegnung und im Dialog ein.

„Weiterbildung ist unverzichtbar, gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Herausforderungen.“

Welche Ereignisse in Politik und Wirtschaft finden Sie zurzeit besonders „erschreckend“?

Der Rechtsruck in der Gesellschaft, sei es in Deutschland oder im Ausland. Dem entgegenzuwirken ist die Aufgabe eines jeden von uns. Das wirtschaftliche Gefälle in unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich hat ein Ausmaß erreicht, das über kurz oder lang zu erheblichen gesellschaftlichen Konflikten führen wird.

Welche Thematik verdient Ihrer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit?

Wäre ich Politiker, würde ich mich um das Thema „Bildung“ kümmern. Die Bundesrepublik - als rohstoffarmes Land - hat nur die Möglichkeit, über eine gute Ausbildung und Qualifikation der Menschen international mitzuhalten und so den sozialen Frieden zu wahren. Angesichts des fließenden Wegfalls der „analogen“ Berufe müssen wir den Menschen unseres Landes weiterhin die Möglichkeit der Teilhabe geben - das funktioniert nur, wenn wir mehr in die Bildung der jetzigen, vor allem aber auch der kommenden Generationen investieren.

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