Baubranche arbeitet teilweise am Limit - auch in Lünen

dzWirtschaft

Der Fachkräftemangel in der Baubranche ist hoch. Da sind sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmer einig. Auch in Lünen fehlen Bauarbeiter. Warum das so ist, da gehen die Meinungen auseinander.

Lünen

, 23.07.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Zu niedrige Löhne, keine Übernahme der Kosten der Baustellen-Anfahrten, die Finanzkrise oder, dass harte Arbeit nicht mehr gefragt ist. Die Meinungen über die Ursachen gehen auseinander, doch Fakt ist: In der Baubranche mangelt es an Fachkräften.

Jan-Hendrik Dinges, Geschäftsführer der Lüner Tiefbau GmbH bestätigt das: „Bei uns sind zur Zeit zwei bis drei Stellen unbesetzt. Das macht etwa 10 Prozent unserer 28 Mitarbeiter aus. Das führt dazu, dass wir nicht so viele Aufträge abarbeiten können, wie uns angeboten werden.“

Trotz Corona am Limit

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) schlägt deswegen Alarm. Unter Berufung auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit schreibt die IG BAU in einer Pressemitteilung: „2019 blieben im Kreis Unna 61 Stellen in der Branche länger als 90 Tage unbesetzt. In den beiden Jahren zuvor waren es 66, beziehungsweise 56 Stellen.“

„Ob es um den Bau von Wohnungen und Straßen oder die Sanierung von Brücken geht - viele Firmen arbeiten wegen der anziehenden Nachfrage längst am Limit. Und das sogar in Zeiten von Corona“, sagt Gebriele Henter, Bezirksvorsitzende der IG BAU Bochum-Dortmund. Auch die andere Seite bestätigt den gravierenden Fachkräftemangel: „Wir suchen tatsächlich händeringend Mitarbeiter“, sagt Hermann Schulte-Hiltrop, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbands Westfalen. Unlängst sind jedoch die turnusgemäßen Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft und der Arbeitgeberinteressenvertretung gescheitert. Ende August soll deswegen ein Schlichtungsverfahren starten.

Aufträge müssen abgelehnt werden

Grund sind verschiedene Ansichten über die Ursache des Mitarbeitermangels. Laut IG Bau liegt der unter anderem in den langen Anfahrtszeiten. „Im Schnitt sind das 60 Minuten, die nicht bezahlt werden“, sagt Sven Bönnemann, stellvertretender Regionalleiter Westfalen. Diese „Wegezeitentschädigung“ plus 6,8 Prozent mehr Lohn sind die Kernforderungen der Gewerkschaft, um Berufe im Baugewerbe attraktiver zu machen.

„Bauarbeiterlöhne sind hoch“

Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbands Westfalen Hermann Schulte-Hiltrop hingegen ist überzeugt, an zu niedrigen Löhnen liegt es nicht. Erst im Zuge der Tarifverhandlungen vor zwei Jahren habe man die Löhne um durchschnittlich acht Prozent erhöht. Die Wegzeitenentschädigung sei bereits in den Lohn eingerechnet und der vergleichsweise hoch. „In der Bauwirtschaft haben wir eine der höchsten Ausbildungsvergütungen“, sagt er. „Wir können nicht alle zwei Jahre die Löhne erhöhen, das können wir einfach nicht bedienen.“

Schuld an dem Mitarbeitermangel sind seiner Meinung nach auch gar nicht die zu niedrigen Löhne, sondern die Finanzkrise 2009. „Innerhalb von 13 Jahren hat sich die Bauwirtschaft mehr als halbiert. Viele Mitarbeiter mussten entlassen werden. Das wird seit 2016/2017 wider besser.“ Bauleute gibt der Markt an sich nicht her. Deswegen müsse man verstärkt in die Ausbildung investieren.

Gut ausgebildete Mitarbeiter fehlen

Dass es an zu niedrigen Löhnen liegen könnte glaubt auch Jan-Hendrik Dinges, Geschäftsführer der Lüner Tiefbau GmbH, nicht: „Die Baulöhne sind im Vergleich zu anderen Branchen sehr hoch“, sagt auch er. „Aber es hapert an ausgebildeten Mitarbeitern“, sagt er. Viele wollten sich einfach nicht die Hände schmutzig machen und die, die eher bereit seien hart zu arbeiten, hätten keine vernünftige Ausbildung. Auch eine andere Lüner Firma, die namentlich nicht genannt werden möchte, bestätigt, es sei schwierig „motivierte Mitarbeiter“ zu gewinnen. Sie selbst habe keine Probleme damit, aber in der Branche sei es üblich, Arbeiter durch Subunternehmen einzustellen um die hohen Tariflöhne zu umgehen.

Aktuell stehen im Kreis Unna an der Spitze 29 offene Stellen im Baugewerbe, 40 im Gesundheitwesen und 32 im verarbeitenden Gewerbe. In Lünen waren im Juni insgesamt 494 vakant, davon 44 im Baugewerbe. 28 dieser Stellen blieben länger als drei Monate unbesetzt.

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