Ausbildung in Zeiten von Corona: So beginnt das Ausbildungsjahr in Lünen

Wirtschaft

Viele Betriebe haben auf Grund der Corona-Pandemie wirtschaftliche Einbußen erleiden müssen. Stellt dieses Jahr überhaupt jemand Azubis ein?

Lünen

, 11.07.2020, 18:13 Uhr / Lesedauer: 3 min
2019 waren noch viele Schulabgänger zur Lüner Nacht der Ausbildung geströmt. In diesem Jahr musste sie aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. Das hat Auswirkungen auf die handwerklichen Betriebe.

2019 waren noch viele Schulabgänger zur Lüner Nacht der Ausbildung geströmt. In diesem Jahr musste sie aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen. Das hat Auswirkungen auf die handwerklichen Betriebe. © Goldstein

Nach zähen internen Verhandlungen steht jetzt fest: Auch das Brambauer IT-Unternehmen Tarox stellt in diesem Jahr Auszubildende ein. Allerdings erst zum 1. Oktober - statt wie in anderen Jahren zum 1. August. „Uns war es wichtig, die jungen Leute bestmöglichst auszubilden. Denn wir bilden schließlich Mitarbeiter aus“, sagt Ausbildungsleiter Sandro Cerminara. Zur Zeit seien noch 80 Prozent der Belegschaft im Homeoffice. „Eine gute Ausbildung ist so nicht möglich“, sagt Cerminara. „Die Stamm-Auszubildenden habe ich in den letzten Monaten per Videocalls und über E-Mail betreut. Das war sehr schwierig, viele haben gar nicht die Ausstattung dafür. Mit Frischlingen, die man noch nie gesehen hat, wäre das gar nicht möglich.“

In Absprache mit der Industrie-und Handelskammer (IHK) möchte das IT-Unterrnehmen zunächst einen Monat lang eine Art interne Grundausbildung für die neuen Auszubildenden anbieten, während der sie zum Beispiel Teambuilding lernen. „Wir haben das bei den aktuellen Azubis einfach vorausgesetzt, aber nicht jeder kommt damit zurecht, zum Beispiel Outlook über dieses System richtig zu nutzen“, sagt Cerminara. Ab sofort will das Unternehmen den Markt sondieren und schauen, welche Bewerber nach wie vor auf der Suche nach einer Stelle sind. Dann sollen Verträge mit mindestens dreien, maximal sieben neuen Auszubildenden aus den Bereichen Groß- und Außenhandel, Industrie und Fachinformatik unterzeichnet werden. Eine Ausbildung zum IT-Kaufmnann bietet Tarox in diesem Jahr nicht an.

Trotz wirtschaftlichem Engpass wird eingestellt

„Die Verschiebung des Ausbildungsbeginns ist kein flächendeckendes Problem“, weiß Michael Ifland, als Geschäftsführer der IHK Dortmund zuständig für den Bereich berufliche Bildung. „Es gab tatsächlich Schwierigkeiten, die Bewerbungsverfahren zu Ende zu führen, denn sie wurden ja drei Monate ausgesetzt.“ Zum 30. Juni gab es im Gesamtkammergebiet neun Prozent, also 200 Verträge weniger, als zu diesem Zeitpunkt im Vorjahr. Im Kreis Unna sind es 11,2 Prozent, in Lünen 3,5 Prozent, also fünf Verträge weniger. Am stärksten betroffen seien die metalltechnischen Berufe, die ein Minus von 14 Prozent (das entspricht 41 Verträgen weniger) verzeichnen.

„Die großen Unternehmen haben aber ihre Verträge schon lange abgeschlossen. Es sind eher die kleineren, die in Verzug geraten sind“, sagt Ifland. In Lünen scheine sich - nach momentanem Stand - auf dem Ausbildungsmarkt kaum etwas zu verändern.

Und tatsächlich bilden die stichprobenartig angefragten Unternehmen aus wie in anderen Jahren auch: „Natürlich sind wir wirtschaftlich zur Zeit angeschlagen“, sagt Dennis Stolzenhoff. „Aber das ist ja hoffentlich nur punktuell. Wir müssen ja auch an die Zeit nach Corona, an die Zukunft denken.“ So stellt die Firma in diesem Jahr sechs auszubildende Köche, Metzger und Veranstaltungskaufleute ein. Nach Fleischereifachverkäufern und Konditoren ist sie sogar noch auf der Suche. Auch Kanne stellt - trotz Verzögerungen im März und April - normal ein, ebenso die Stadt Lünen.

Von der Recycling-Firma Aurubis heißt es: „Den Ausbildungsbeginn zum 1. September 2020 werden wir beibehalten. Zu diesem Zeitpunkt werden insgesamt 18 neue Auszubildende in sechs verschiedenen Ausbildungsberufen bei uns starten“, sagt Björn Hübner, Personalreferent in Lünen. „Damit haben wir alle zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze für 2020 besetzt. Hilfreich war hier der frühzeitige Beginn des Recrutings im Sommer 2019, sodass wir letztendlich das Auswahlverfahren im Februar 2020 erfolgreich abschließen konnten und somit zeitlich vor dem Lockdown lagen.“ Die praktische Ausbildung finde unter Beachtung der Corona-Maßnahmen statt. Eine gute und vielfältige Ausbildung sei sichergestellt.

20 Prozent weniger Verträge bei Gewerken

Die Handwerkskammer Dortmund hingegen äußert Zweifel, was den reibungslosen Start der Ausbildungen angeht. „Aktuell liegen wir in Lünen bei 20 Prozent weniger Vertragsunterzeichnungen“, sagt Hauptgeschäftsführer Joachim Susewind. „Wir gehen aber davon aus, dass es sich noch in eine positive Richtung entwickeln wird. Das ist nur eine Momentaufnahme.“ Ein Problem sei gewesen, dass keine Berufsorientierung in Form von Messen oder Praktika stattfinden konnte. „Die vom Bund zugesagte Ausbildungsprämie von 2000 Euro für jeden im Jahr 2020 abgeschlossenen Ausbildungsvertrag ist zwar ein Anreiz, aber der jeweilige Betrieb muss Umsatzeinbußen von 60 Prozent vorweisen und dann können von diesem Geld etwa drei Monate bestritten werden.“

Die angefragten Betriebe, KFZ- und Eltektromeister, Sanitärbetriebe und sogar Dachdecker bilden hingegen auch in diesem Jahr wie gewohnt aus.

„Ich glaube, dass in diesem Jahr viele einstellen, sie aber schon in der Probezeit wieder entlassen“, vermutet Sandro Cerminara, der Tarox-Ausbildungsleiter. Dem stimmt auch Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Joachim Susewind zu. Die Hürde, nach Ende der Probezeit zu kündigen, sei außerdem viel höher.

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