Angst vor „Corona-Abi“: Akteure fordern Rechtssicherheit

Schule soll trotz Corona möglichst normal ablaufen, sagt die Regierung. In der Schule läuft schon lange nichts mehr normal, sagen die Praktiker. Bei einem „Schul-Gipfel“ kam Vieles auf den Tisch, etwa: Abi, Lernstoff, Sportunterricht und Sitzenbleiben.

18.11.2020, 14:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vertreter von Schülern, Lehrern, Eltern und Opposition fordern von der nordrhein-westfälischen Regierung Klarheit über Leistungsanforderungen im Corona-Jahr. Das Abitur müsse angepasst werden, sagte Sophie Halley von der Landesschülervertretung (LSV) am Mittwoch in Düsseldorf. „Es ist absolut nicht mehr realistisch, dass der Lehrplan in irgendeiner Weise eingehalten werden kann.“ Dies erzeuge bei den Oberstufenschülern „den größten Druck“. Vertreter von SPD, Grünen, Lehrergewerkschaften und Elternvereinen, die sich am Dienstagabend bei einem „Schul-Gipfel“ ausgetauscht hatten, zeigten in ihren zentralen Anpassungswünschen große Einigkeit.

PRÜFUNGEN: Der Aufgaben-Pool für zentrale Prüfungen müsste aus Sicht aller Akteure mindestens erweitert werden, damit Lehrkräfte Themen aussieben können, die coronabedingt gar nicht im Unterricht behandelt werden konnten.

BEAMTEN-MIKADO: „Wir brauchen einen besonderen Rechtsrahmen für dieses Schuljahr“, unterstrich die Schulexpertin der Grünen-Landtagsfraktion, Sigrid Beer. „Im Augenblick schwimmen alle.“ Die Landesregierung müsse sich endlich für eine bundesweite Verständigung stark machen, forderte SPD-Fraktionsvize Jochen Ott. „Es ist wie immer im Beamten-Mikado: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren.“ Alle hätten Angst, dafür verantwortlich gemacht zu werden, das Abitur-Niveau abzusenken.

SITZENBLEIBER:Auch der Vorsitzende der Schulleitervereinigung NRW, Harald Willert, forderte einen einheitlichen Rechtsrahmen, um angemessen auf die Pandemie reagieren zu können. Normalität gebe es schon lange nicht mehr, stellte er fest. „Heute würde jede Nichtversetzung von jedem Verwaltungsgericht sofort aufgehoben werden, falls die Eltern das wollen.“ Die üblichen Bildungsvoraussetzungen seien nicht mehr gegeben.

KINO:Unter den über 260 Teilnehmern des „Schul-Gipfels“ aus rund 20 Verbänden herrsche Einigkeit, dass ein Mix aus Präsenz- und Digital-Unterricht in kleineren Gruppen - auch in außerschulischen Lernorten - zu ermöglichen sei, bilanzierte SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty. Beer berichtete von zahlreichen Angeboten aus der Zivilgesellschaft. „Eine Kino-Kette sagt: "Wir haben 14 000 Plätze in Nordrhein-Westfalen. Wir stellen die gerne Schulen zur Verfügung.“ Auch Lehramtsstudierende, denen coronabedingt Jobs weggebrochen seien, hätten Hilfe angeboten.

WANDERN: In Zeiten, wo Schüler ständig hinter Masken büffeln müssen, ist aus Sicht der Landesschülervertretung auch über corona-konforme Bewegungsformen nachzudenken. Halleys Formel: „Eher Wanderungen und Fahrrad-Touren“ als bei anstrengenden Übungen in stickigen Sporthallen zu schwitzen. Bei kopflastigeren Fächern - zum Beispiel Fremdsprachen oder Religion - wollen sie den stufenübergreifenden Unterricht zugunsten fester Gruppen aufbrechen, um mehr Infektionsschutz zu erreichen.

GEWALT:Die LSV spricht sich außerdem für einen tageweisen Wechsel der Schülergruppen im Präsenz- und Distanzunterricht aus. Um häusliche Gewalt nicht aus den Augen zu verlieren, wäre wochenweiser Wechsel nicht wünschenswert, erklärte Halley. „Der blaue Fleck soll nicht verheilen, bevor die Schülerin oder der Schüler wieder in der Klasse ist.“ Außerdem seien mehr Schulsozialarbeiter nötig, um Schülern „Druck von den Schultern zu nehmen“ und Lehrer zu entlasten.

BILDUNGSGERECHTIGKEIT:„Die Gleichung „Präsenzunterricht unter den jetzigen Bedingungen bedeutet Bildungsgerechtigkeit“, geht so nicht auf“, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Maike Finnern, zur Haltung der Landesregierung. „Kleine Lerngruppen sind mit gleichen Bildungschancen vereinbar.“ Wichtig sei, mehrmals pro Woche mit Telefonaten, Videotelefonie, an Lernorten oder über Sozialarbeiter Kontakt zu halten.

REGIERUNG:Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) bekräftigte im Landtag, Wechselunterricht könne nicht generell ausgeschlossen werden, sei aber immer nur „zweitbeste Wahl“. Erfreulich sei, dass derzeit trotz insgesamt hoher Infektionszahlen im Land fast 95 Prozent aller Schüler weiter im Klassenraum lernen könnten, sagte sie im Schulausschuss. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) twitterte: „Die Maßnahmen scheinen zu wirken. Das exponentielle Wachstum ist gebrochen. Aber noch sind die Inzidenzen nicht so, dass man von Entwarnung sprechen kann.“

MITMACHEN: Auch nach dem „Schul-Gipfel werden unter der Mail-Adresse „schule@machen-wir.de“ Meinungen und Vorschläge gesammelt. SPD und Grüne wollen die Ergebnisse in der kommenden Woche ins Landtagsplenum einbringen.

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