Angehörige von Corona-Toten in Italien stellen Strafanzeigen gegen Behörden

Corona

Angehörige von Corona-Toten in Italien erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. „Wir wollen, dass jemand zurücktritt, dass sich jemand entschuldigt“, heißt es von der Gruppe.

Rom

10.06.2020, 16:51 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ein Mitarbeiter im Schutzanzug geht in der Industriestadt Turin über einen Friedhof, auf dem frische Gräber ausgehoben werden. Viele Bestattungen von Covid-19-Opfern finden derzeit in Italien ohne die Anwesenheit von Familienangehörigen statt.

Ein Mitarbeiter im Schutzanzug geht in der Industriestadt Turin über einen Friedhof, auf dem frische Gräber ausgehoben werden. Viele Bestattungen von Covid-19-Opfern finden derzeit in Italien ohne die Anwesenheit von Familienangehörigen statt. © picture alliance/dpa

Die Angehörigen von zahlreichen Toten durch das Coronavirus in Italien erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Zu viele Menschen seien in der Corona-Krise wegen Fahrlässigkeit und Inkompetenz gestorben, berichtete die Gruppe Noi Denunceremo (Wir prangern an) vor Auslandsjournalisten in Rom. Sie setzt sich aus Familienmitgliedern von Menschen zusammen, die an der Lungenkrankheit gestorben sind. Diesen Mittwoch wollen sie in der norditalienischen Stadt Bergamo symbolisch rund 50 Strafanzeigen gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft einreichen.

„Wir wollen, dass jemand zurücktritt, dass sich jemand entschuldigt. Wir erwarten, dass jemand Verantwortung übernimmt, etwas, was bisher noch niemand getan hat“, sagte Cristina Longhini. Sie verlor in Bergamo ihren 65 Jahre alten Vater. Er sei Anfang März krank geworden, aber der Hausarzt habe einen Besuch abgelehnt und eine Ambulanz sei tagelang nicht gekommen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. „Zu viele Patienten sind zu spät in Krankenhäuser gekommen, und das hat zu zu vielen Toten geführt.“

Bergamo war Epizentrum der Corona-Krise in Italien

Die Provinz Bergamo war das Epizentrum der Corona-Krise in Italien. Weil die Krematorien nicht mehr alle Leichen verbrennen konnten, mussten die Särge mit Militärwagen abtransportiert werden. Vor allem an der Regionalregierung der Lombardei wurde Kritik laut, dass sie die Hotspots nicht früher abgeriegelt habe. Die Region weist die Vorwürfe zurück und verweist auf die Regierung in Rom, die eine solche Entscheidung treffen hätte müssen. Staatsanwaltschaften in der Lombardei ermitteln bereits in mehreren Fällen wegen Missmanagements zum Beispiel in Altersheimen, wo es besonders viele Opfer gab.

Stefano Fusco, dessen 85 Jahre alter Großvater am Virus starb, erklärte, dass die Behörden „oberflächlich und amateurhaft“ gehandelt hätten. Die Gruppe wolle keine finanzielle Entschädigung, „auch weil alles Gold der Welt uns nicht zurückgeben kann, was wir verloren haben“. „Es geht nicht um Rache, es geht um Gerechtigkeit.“ Die Vorwürfe der Gruppenmitglieder richten sich nicht konkret gegen einzelne Personen oder Ärzte, sondern gegen die Handhabung der Krise im Allgemeinen.