Ambulante Pflegedienste zu Coronavirus: „Darauf waren wir definitiv nicht vorbereitet“

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Mehr Schutzkleidung, Beschränkung der Besucher: In Zeiten des Coronavirus müssen die Pflegeeinrichtungen vorbereitet sein. Wir haben mit zweien über die Maßnahmen gesprochen.

Werne

, 19.03.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das NRW-Gesundheitsministerium hat vergangene Woche einen Erlass herausgegeben, in dem es Pflegeeinrichtungen Handlungsanweisungen gibt, um im Angesicht des Coronavirus die Versorgung von Pflegepatienten sicherzustellen.

Auch die Pflegeeinrichtungen in Werne müssen sich auf diese neue Situation einstellen. „Darauf waren wir definitiv nicht vorbereitet“, sagt Christina Dzelilovic, Pflegedienstleiterin bei der Caritas in Werne. „Wir wussten ja, dass da was kommt, aber dass es so extrem wird, damit hat, glaube ich, keiner gerechnet.“ Die Caritas habe einen Pandemieplan aufgestellt, für den Fall der Fälle. Bisher sei es aber noch ziemlich ruhig.

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Die Büros der Caritas sind offiziell geschlossen, um den Personenkontakt zu unterbinden. Damit will das Team sicherstellen, dass die Mitarbeiter gesund bleiben. Auch im Team mache sich der eine oder andere Sorgen, auch wenn man sich die Situation Stand jetzt schlimmer vorgestellt habe.

„Wir müssen schauen, bis wann die Sachen reichen“

Handschuhe und Desinfektionsmittel gebe es schon die ganze Zeit im Haus. Allerdings sei der Nachschub ein Problem, sagt die Pflegedienstleiterin. „Man wird beliefert, die Frage ist nur, wann. Wir müssen schauen, bis wann die Sachen reichen. Gerade weil wir mit Alten und Kranken zusammenarbeiten.“ Derzeit liefe bei dem Zulieferer das 30-Fache an Bestellungen als üblich auf.

Wie die Mitarbeiter ihre Patienten versorgen, sollte es tatsächlich zu einem Coronafall kommen, das will die Caritas am Mittwoch gemeinsam mit der Bereichsleitung besprechen. „Wir haben ja auch eine Menge Kunden, die wir nicht absagen können, die insulinpflichtig sind oder ohne Angehörige. Da gucken wir, dass wir die weiter versorgen, egal, was kommt“, sagt Dzelilovic. Dasselbe gelte für die Einkäufe, die für manche Kunden unerlässlich seien.

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Es gebe aber auch Patienten, die von sich aus auf die Pflegebesuche verzichteten. 9 Patienten der Caritas hätten den Dienst bisher schon für die nächsten Wochen vorübergehend abbestellt. Dafür hat Christina Dzelilovic Verständnis. „Das sind meist Menschen mit Vorerkrankungen und Lungenproblemen, die sagen: ‚Ich bin hauptgefährdet.‘“

Patienten isolieren, Besucherzahlen minimieren

Grundlage der Maßnahmen des NRW-Erlasses ist das Infektionsschutzgesetz (IfSG), das ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen ohnehin dazu verpflichtet, in ihren Betrieben Hygienepläne zu erstellen, die der Überwachung durch das Gesundheitsamt unterliegen.

Darüber hinaus verweist das NRW-Gesundheitsministerium auf die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Etwa sollen infizierte Personen isoliert werden, Mitarbeiter bei Patienten mit Fieber und Atemwegserkrankungen Schutzausrüstung tragen und Besuchern der Zugang zu den Einrichtungen verwehrt werden.

„Wir müssen in allen Bereichen ganz anders denken“, sagt Constanze Spellerberg vom Palliativ-Pflegedienst Constanze Jakube in Werne. „Ich mache auch drei Kreuze, wenn das vorbei ist.“ Gleichzeitig weiß sie, dass das Thema Coronavirus das Land noch einige Wochen bis Monate beschäftigen könnte.

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Um ihre Mitarbeiter zu schützen, war Spellerberg am Montag nach Hamburg gefahren, um insgesamt 100 Impfdosen gegen Pneumokokken abzuholen. Die Bakterien können unter anderem Lungenentzündungen auslösen. Durch die Impfung soll die Lungenerkrankung Covid-19 bei Infektion mit dem Coronavirus milder verlaufen. Ein befreundeter Apotheker hatte die Impfungen noch vorrätig.

1000 OP-Kittel und 150 Filtermasken für die Mitarbeiter

Nun werden die Mitarbeiter geimpft, die eine Autoimmunerkrankung haben oder die zu der Risikogruppe ab 60 Lebensjahren gehört. Die übrigen Dosen stehen auf Wunsch Patienten zur Verfügung. Auch Schutzkleidung, 1000 OP-Kittel, Handschuhe und Desinfektionsmittel seien zum Glück schon vor Ankunft des Virus vorrätig gewesen. Für jeden der 150 Mitarbeiter wurden austauschbare Filtermasken angeschafft. Die Tagespflege der Einrichtung wurde unterdessen geschlossen und zur Kita für die eigenen Mitarbeiter umfunktioniert.

Schon seit vergangener Woche werden die Patienten in den fünf Häusern des Pflegedienstes isoliert. Zu den Einrichtungen selbst gibt es strikte Zugangskontrollen. Niemand außer den Mitarbeitern, dem Krankentransport sowie den Haus- und Fachärzten dürfen die Einrichtungen noch betreten. Mit zwei Ausnahmen: Liegt ein Patient im Sterben, dürfen ihn pro Tag zwei Angehörige besuchen. Auch im Hospiz dürfen die Angehörigen die Patienten auf den Zimmern besuchen. Denn das zu beschränken, sagt Spellerberg, bringe sie nicht übers Herz.

Sollte ein Mitarbeiter über trockenen Husten und Fieber klagen, muss dieser sich auf das Coronavirus testen lassen und ist bis dahin freigestellt. Erkranke ein Patient, müsse im schlimmsten Fall die komplette Einrichtung unter Quarantäne gestellt werden. Doch einen Lichtblick gibt es trotz allem: Weil derzeit die Altenpflegeschulen geschlossen sind, verfügt die Einrichtung derzeit über viel Pflegepersonal. „So kann, falls etwas passieren sollte, sofort ausgeholfen werden“, so Spellerberg.

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