Als Analphabet nach Lünen gekommen: Ivorer besteht Ausbildung

dzGeflüchteter

Ché Coulibaly kam im Alter von 15 Jahren von der Elfenbeinküste nach Deutschland. Er konnte weder lesen noch schreiben. Acht Jahre später schließt er erfolgreich eine Ausbildung in Lünen ab.

Lünen

, 21.06.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Ché Coulibaly vor nicht einmal acht Jahren nach Deutschland kam, konnte er weder lesen noch schreiben. Jetzt schloss er seine Ausbildung erfolgreich ab – und erhielt einen festen Arbeitsvertrag.

Ausbildung bei der städtischen SAL

Ab sofort darf sich Coulibaly Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice nennen. Vor einigen Wochen bestand der 23-Jährige seine Abschlussprüfung vor der Handwerkskammer. „Von den 9 Teilnehmern der Prüfung hat die Hälfte nicht bestanden“, berichtet Coulibaly.

Im Sommer 2017 startete Ché Coulibaly seine dreijährige Ausbildung beim Stadtbetrieb Abwasserbeseitigung Lünen (SAL). Dass es soweit kommen konnte, erforderte einiges an Engagement des Ivorers.

Als Coulibaly 2012 im Alter von 15 Jahren von der Elfenbeinküste nach Deutschland floh, waren die fehlenden Sprachkenntnisse noch das kleinere Problem. Seine Mutter konnte ihm in der Heimat keinen Schulbesuch ermöglichen, Coulibaly war Analphabet.

Innerhalb von nur neun Monaten sollte der Jugendliche in einem Deutschkurs die Sprache lernen. „Ich konnte aber weder lesen noch schreiben“, sagt Coulibaly und kann mittlerweile sogar darüber lachen.

Wenige Jahre später lernte er Klaus Weeber kennen. Der erinnert sich: „Ich bekam 2015 einen Anruf von der Stadtverwaltung Lünen“, so der 75-jährige. Dort war man informiert, dass der pensionierte Lehrer bereits drei syrische Schüler unterrichtete. „Es hieß: 'Wir haben da einen, der gut begabt ist und der Hilfe braucht'.“

Hauptschulabschluss unter schweren Voraussetzungen

Das Ziel: Coulibaly sollte seinen Hauptschulabschluss bestehen. Während eines einjährigen Praktikums bei SAL, für das er sich zuvor bereits beworben hatte, holte er den Schulabschluss nach. „Unter den Voraussetzungen war das beachtlich“, findet Weeber.

Ganz überraschend schien der Abschluss für den Mentor aber dann doch nicht zu sein: „Ich habe ihn als sehr interessierten, fleißigen und begabten Schüler gesehen. Was das innere Engagement betrifft, war das weit über dem deutschen Durchschnitt. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Seine Unterstützung für den Ivorer bezeichnet er lediglich als „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Nach der Ausbildung direkt ein fester Arbeitsvertrag

Nach dem bestandenen Hauptschulabschluss konnte sich Coulibaly dann für eine Ausbildung bewerben. Der Kontakt zu Klaus Weeber blieb bestehen. Auch die „Hilfe zur Selbsthilfe“ ging während der Ausbildung weiter.
Durch die Coronakrise sei der Kontakt dann zuletzt längere Zeit unterbrochen gewesen. „Vor ein paar Wochen schickte Ché mir dann ein Foto mit einem Dokument. Da stand drauf 'Prüfung bestanden'. Toll!“, findet Weeber. Ein paar Tage später hat er den Prüfling dann zu einem italienischen Essen eingeladen.

Da bei SAL keine Stelle mehr frei war, bewarb er sich bei einem anderen Lüner Unternehmen und erhielt dort einen festen Arbeitsvertrag.

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Großer Wunsch: Das Grab der Mutter besuchen

Auf die Frage, ob er seine altes Zuhause vermisst, antwortet Ché Coulibaly klar: „Natürlich vermisse ich meine Heimat. Meine Mutter ist 2015 gestorben und mein großer Wunsch ist es, ein Mal ihr Grab zu besuchen. Seit 2012 bin ich nicht mehr in meiner Heimat gewesen.“

Genauso klar antwortet er aber auch auf die Frage nach der Zukunft: „Natürlich will ich in Deutschland bleiben und hier weiter arbeiten.“ Bisher muss Coulibaly seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland alle sechs Monate verlängern, nun hofft er auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Sein Zeugnis bekommt Coulibaly in Kürze per Post, worauf er sich besonders freut. Denn: Jeder erfolgreiche Prüfling bekommt eine Prämie von 300 Euro.

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