„Fretful Father“ Daniel Claeßen freut sich auf ein Stück Normalität - oder versucht es zumindest. © Kristina Schröder Photography
The Fretful Father

Wie erkläre ich meinen Kindern, dass es da draußen Idioten gibt?

Unser Fretful Father muss sich eingestehen, dass er seinen Kindern gegenüber nicht immer den richtigen Ton trifft. Anderseits fragt er sich: Wie soll er sie sonst auf das Leben vorbereiten?

In der vergangenen Woche habe ich mich an dieser Stelle mit der Problematik auseinandergesetzt, dass mehrheitlich rechtsgerichtete Kräfte die Liebe von Eltern zu ihren Kindern für ihre Zwecke ausnutzen. Dabei habe ich mich vielleicht nicht immer diplomatisch ausgedrückt, aber auch dafür ist diese Kolumne ja da.

Die Reaktionen ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Die meisten pendelten zwischen lächerlich und peinlich, einige Hinweise waren berechtigt, manche Antwort brachte mich zum Nachdenken. Zum Beispiel jene, die gar nicht aus der Irrlichter-Ecke kam, sondern deren Verfasser durchaus mit mir auf einer Wellenlänge zu funken scheint: „Sprechen Sie so auch mit Ihren Kindern?“

Was würde ein Corona-Leugner sagen?

Na ja. Eigentlich nicht. Also nicht wirklich. Wobei, andererseits: Warum denn nicht? Warum soll ich meinen Kindern nicht die unverblümte Wahrheit sagen? Muss ich Leute, die eine Pandemie mit weltweit mehr als 3 Millionen Toten leugnen, wirklich „Andersdenkende“ nennen, anstatt meinen Kindern einfach nur zu sagen: „Das sind komplette Idioten“?

Drehen wir das Ganze doch einmal um: Würde ein Corona-Leugner seinem Kind sagen, dass Menschen, die auf den Intensivstationen für das Leben von Covid-19-Patienten kämpfen, oder die sich Gedanken um die Gesundheit ihrer Eltern machen, oder die sich einfach nur an die Regeln halten – würde ein Corona-Leugner hier gegenüber seinem Kind von „Andersdenkenden“ sprechen? Würde dieser Leugner den Menschen eine andere Meinung zugestehen und am Ende zu seinem Kind sagen: „Ok, ich sehe das anders, aber in der Demokratie zählt nun mal die Mehrheit“? Ich kann die Frage nicht beantworten, weil ich es nicht weiß. Aber ich habe so eine Ahnung.

Und warum also sollte ich auf der anderen Seite nicht ähnlich reagieren? Auf der Welt existieren unschöne Dinge wie Hass, Selbstsucht, Gier und was weiß ich noch alles. Natürlich versuche ich, meine Kinder so weit es geht davor zu schützen. Aber das klappt natürlich auf Dauer nicht. Und wenn sie dann mit dem Bösen konfrontiert werden, sollen sie wissen, womit sie es zu tun haben. Und dann soll da eben nicht ein „Andersdenkender“ stehen, den man akzeptieren muss. Sondern ein Idiot, den man ignoriert und am besten links stehen lässt (rechts ginge auch, aber bei links ärgert er sich meistens mehr).

Für die Realität reicht Besonnenheit nicht

Es gibt die Räuber bei Astrid Lindgren, es gibt die Fieslinge bei „Ninjago“, Bürgermeister Besserwisser und seine miesen Kätzchen bei „Paw Patrol“ oder Lord Voldemort bei „Harry Potter“: Alles keine Gestalten, die meinen Kindern als Vorbild dienen sollen. Dennoch kann ich über diese Form des Bösen problemlos und ganz vernünftig mit ihnen reden: Das sind die Bösen, die führen was im Schilde und wollen nicht, dass die Helden Erfolg haben. Ich glaube, selbst über Darth Vader oder den Joker könnte ich das sagen, wenn meine Kinder nicht noch zu jung wären.

Aber wenn es um die Bösewichte geht, die es wirklich gibt, die da draußen rumlaufen und Deutschland gerne wieder so hätten, dass Mordor dagegen wie eine Wellness-Oase aussieht, dann reichen mir diese besonnen Vokabeln nicht mehr aus, um die Bedrohung deutlich zu machen. Das ist keine Fiktion, das ist echt. Und dann möchte ich meinen Kindern auch klipp und klar sagen, womit sie es zu tun haben.

Deshalb müsste ich die eingangs zitierte Frage vermutlich doch mit „Ja“ beantworten, oder zumindest mit „Zeitweise schon“. Und hätte damit auch kein Problem, denn ich glaube, dass meine Kinder das richtig einschätzen können. Irgendwann werden sie ohnehin ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen. Und wenn es schief geht, dann haben sie immerhin ein paar passende Flüche parat.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen

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