Muhittin Satica (37) ist seit 15 Jahren Paket-Lieferfahrer, seit zwei Jahren bei DHL. Er ist für die Lüner Innenstadt zuständig und sorgt dafür, dass viele Lüner pünktlich zu Weihnachten ihre Geschenke bekommen. © Sylva Witzig
Deutsche Post

Vom Paketboten zum Weihnachtsmann: Alle zwei Minuten ein Päckchen

Über 250 Päckchen liefert Muhittin Satica aktuell jeden Tag in der Lüner Innenstadt aus - und hat als DHL-Fahrer schon viel erlebt. Er berichtet von Knöllchen, Hunden und dreisten Kunden.

Muhittin Satica entspricht nicht wirklich dem Bild, das man vom Weihnachtsmann hat. Er ist nicht besonders groß, hat keinen Rauschebart und keinen dicken Bauch. Er trägt keinen langen roten Mantel und auch keine Mütze.

Statt mit seinen Rentieren durch die Lüfte zu fliegen, fährt er in einem großen, gelben Transporter durch die Stadt. Und statt einen Sack auf dem Rücken zu tragen, schnallt er die schweren Geschenke lieber auf die Sackkarre.

Trotzdem sorgt der 37-Jährige aktuell dafür, dass Groß und Klein noch rechtzeitig ihre Weihnachtsgeschenke bekommen und damit für viele strahlende Gesichter. Seit 15 Jahren liefert Satica Pakete aus, seit zwei Jahren für DHL.

Über 100.000 Pakete landen im Dezember in Lünen

Los geht es morgens um halb 8: Unser Weihnachtsmann ist im Lager erst einmal damit beschäftigt, die Pakete nach Bezirken und Straßen zu sortieren. 20 Bezirke gibt es in Lünen zur Weihnachtszeit, normalerweise sind es 14. Trotzdem haben die Fahrer im Schnitt mindestens genau so viele Pakete wie üblich im Wagen.

Bei 250 Paketen pro Fahrer werden somit jeden Tag 5000 Pakete in Lünen ausgeliefert. Auf den Dezember hochgerechnet sind das bei 24 Werktagen 120.000 Pakete – allein von DHL. Auch Hermes, UPS und Co. sind fleißig am liefern.

Noch erschlagender ist die Zahl für ganz Deutschland: DHL liefert aktuell täglich etwa 11 Millionen Pakete aus – rund 1,8 Milliarden sind es laut Pressesprecher Rainer Ernzer über das ganze Jahr verteilt bundesweit. Eine riesige Zahl, die man kaum fassen kann. Zum Vergleich: Rund 83 Millionen Menschen gibt es in Deutschland.

Maßgeblich zur Paketsumme tragen jedoch nicht nur online shoppende Privatleute, sondern auch Firmen bei. Aber nun zurück zu unserem Lüner Paketboten: Der steigt gegen 9 Uhr in den Wagen und beginnt seine Liefer-Tour.

Im Weihnachtsstress bleibt der Wagen staubig

„Mona“ heißt das Navigationssystem, das Satica und seine Kollegen durch den Bezirk führt. Mona zeigt an, wohin die eingescannten Pakete geliefert werden müssen und erinnert den Fahrer an die vorgeschriebene Mittagspause.

Normalerweise müssen die Fahrer ihre Fahrzeuge regelmäßig putzen. In der stressigen Weihnachtszeit wird da ein Auge zugedrückt.
Normalerweise müssen die Fahrer ihre Fahrzeuge regelmäßig putzen. In der stressigen Weihnachtszeit wird da ein Auge zugedrückt. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

Die Energydrink-Dose klemmt im Cockpit, im Beifahrer-Fußraum liegt noch ein Paket, Fußmatte und Sitz sind staubig. Vor dem Lockdown hat Satica seine Mittagspause gerne an der frischen Luft verbracht, nun isst er seine Pommes auf dem Fahrersitz. „Eigentlich achten wir darauf, dass die Wagen stets tiptop sind. Im Weihnachtsstress sehen wir das aber nicht so eng“, sagt der Pressesprecher.

Knöllchen für Paketboten

Saticas Revier ist die Lüner Innenstadt – ein Bereich, in dem es mit dem Parken manchmal schwierig ist. Für die Post gibt es da keine Sonderregeln, auch die Fußgängerzone darf nur in einem kleinen Zeitfenster befahren werden. Unser Weihnachtsmann ist nicht immer artig: ab und an muss er in zweiter Reihe oder im Halteverbot halten, um seine Pakete auszuliefern.

„Meistens geht alles gut, das kommt etwas auf das Mitgefühl des Ordnungsamts an. Zwei, dreimal kam ich aber nicht um ein Knöllchen herum“, erzählt Satica. Während es mit dem Ordnungsamt wenig Ärger gibt, seien die anderen Verkehrsteilnehmer aktuell ungeduldiger und gestresster, wenn sie nicht am Lieferfahrzeug vorbeikommen.

Kunde hat vor Freude getanzt

„Im Moment sind die Leute in Eile und reagieren häufig pampig. Von meinen Kunden bekomme ich aber ganz viel Zuspruch und liebe Worte, manchmal auch ein kleines Präsent.“ Geschenke bis 25 Euro dürfen die Paketboten annehmen. Meistens sind es die älteren Kunden, die die Arbeit des Boten besonders schätzen. 31,5 Kilo wiegen die Pakete maximal – die in den fünften Stock zu schleppen ist mühsam.

„Wenn ich ganz schwere, unhandliche Pakete habe, bitte ich die Kunden, mir im Treppenhaus entgegen zu kommen. Manchmal gibt es da freche Kunden, meistens Jugendliche, die meinen ‚Bring mir das mal hoch, du wirst ja dafür bezahlt‘. Das ärgert mich – aber die meisten Kunden sind echt nett.“

Dazu fällt Satica noch eine Anekdote ein: „Ich freue mich, wenn ich anderen eine Freude machen kann. Einmal hat sich ein Kunde so sehr gefreut, dass er angefangen hat zu tanzen.“

Hundetraining soll vor Beißvorfällen schützen

Nicht so erfreut sind manchmal die Hunde: Um die Körpersprache der Tiere zu deuten und entsprechend zu reagieren, nehmen angehende DHL-Paketboten an Seminaren mit professionellen Hundeführern teil.

„So schade das auch ums Paket ist, wir bringen unseren Azubis bei, das Paket im Zweifelsfall wegzuwerfen. Dann ist der Hund mit dem fliegenden Paket beschäftigt und der Bote kann flüchten“, erzählt Pressesprecher Rainer Ernzer.

Dass Hunde Postboten nicht besonders mögen, sei kein Klischee. Immer wieder käme es zu Beißvorfällen, vom kleinen Zwicker bis zur mehrwöchigen Arbeitsunfähigkeit.

Auch Satica hat schon einige Erfahrungen mit Hunden gesammelt. „Ich habe dem Hund schonmal das Paket hingehalten. Dann soll er halt das Paket beißen, wenn er will, aber nicht mich. Neulich hatte ich einen Fall, da ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Selten hatte ich so viel Schiss. Da ist ein riesiger Herdenschutzhund auf mich zugestürmt gekommen, der sah gar nicht freundlich aus.“ Passiert sei da aber zum Glück nichts.

Lange Straße und Parkstraße bekommen die meisten Pakete

260 Pakete hatte Satica am 16. Dezember in seinem Wagen – bis zu unserem Interview um 13 Uhr ist er bereits 190 los geworden. Der Laderaum ist in Fächer unterteilt, in denen der Fahrer die Pakete nach Straßen sortiert.

Im Lieferfahrzeug hat alles seinen Platz. Die Pakete sind nach Straßen vorsortiert.
Im Lieferfahrzeug hat alles seinen Platz. Die Pakete sind nach Straßen vorsortiert. © Sylva Witzig © Sylva Witzig

In diesem Jahr hat DHL 10.000 neue Fahrer eingestellt, sechs davon in Lünen. Rund 30 Fahrer sind aktuell für Lünen zuständig, jedoch im Schichtdienst. Aus Coronaschutz soll es kein Gedränge im Lager geben. „Die, die um 7 anfangen, schellen nicht um 18 Uhr noch bei Ihnen“, betont der Pressesprecher.

Die neuen Mitarbeiter seien nicht immer geborene Paketboten, sondern kommen oft aus anderen Bereichen. „Wir haben einen Airbus-Piloten eingestellt, der gerade nichts zu tun hat. Und Kräfte aus der Gastronomie“, erzählt der Pressesprecher.

Online-Shopping wird beliebter

„Viele Kunden haben während des ersten Lockdowns das Online-Shopping für sich entdeckt und bestellen nun weiterhin im Internet. Wir rechnen mit einer Steigerung um 200 Millionen Pakete im Vergleich zum letzten Jahr, da waren es noch 1.6 Milliarden bundesweit“, fügt er hinzu.

Werbung für den Onlinehandel will Ernzer aber keinesfalls machen: „Wir haben auch so genug zu tun, wir haben unsere Päckchen zu tragen. Der örtliche Handel hat das Weihnachtsgeschäft nötiger.“

Unser Weihnachtsmann aus Lünen wird Heiligabend jedenfalls mit seiner Familie verbringen. Die Boten sind nur bis „Heiligmittag“ unterwegs, um 14 Uhr ist Schluss. Bis dahin wird Satica noch hunderte Geschenke ausliefern und damit so manches Weihnachtsfest bereichern.

Über die Autorin
Volontärin
Geboren in Hamm, dann ausgezogen in die weite Welt: Nach ausgiebigen Europa-Reisen bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und berichte nun über alles, was die Menschen in der Gegend gerade bewegt.
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Sylva Witzig
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